SY Outer Rim – A Family's Sailing Adventure

Sailing across the world's oceans with four kids

Segeln pur nach Port Vila

(11.10.2017 – Tag 1.207 – 13.064 sm)

Wenn wir in der Stille der Nacht Rumoren und Donnern hören, können wir die Geräusche nicht immer eindeutig zuordnen: ist das bloß ein Gewitter in der Ferne oder meldet sich der Vulkan wieder? Zwar glüht er am nächtlichen Himmel nicht mehr so intensiv wie vorher, aber von Ruhe und kompletter Entwarnung ist noch nicht die Rede, die Insel Ambae wurde evakuiert. Deswegen machen wir drei Kreuze, nachdem der Anker hoch geholt wird und Outer Rim mit vollen Segeln die Bucht von Asanvari verlässt.

Zwar wissen wir, dass der Weg frei von Riffen ist, trotzdem ist für das Segeln in der Nacht so nah am Land höchste Konzentration gefragt. Spärlich beleuchtete Transportschiffe, die Güter und Insulaner von Insel zur Insel bringen sind auch in der Nacht unterwegs. Als wir am Wind entlang der Westküste von Pentecost segeln, können wir nur an der Inselspitze einzelne schwache Lichter ausmachen. Ab und zu leuchten die Lichter eines Autos auf. Ansonsten bleibt diese relativ große Insel vollkommen dunkel.

Natalya und Thomas diskutieren lange, ob wir direkt nach Port Vila durchsegeln oder einen Zwischenstopp einschieben. Für die Kinder ist ein Tag in einer ruhigen Bucht und eine Nacht unter Segeln wesentlich entspannter als eine direkte Passage – für den Skipper natürlich nicht, da er zwei Nächte am Stück wach bleiben muss. Thomas fürchtet eine ungünstige Drehung des Windes und möchte möglichst schnell Port Villa erreichen, wenn möglich ohne Kreuzen. Die demokratische Mehrheit gewinnt, der Skipper wird mit 5 zu 1 überstimmt. Wir verbringen einen schönen entspannten Tag in der uns schon bekannten Gaspard Bay bevor wir am Abend unsere Reise fortsetzen.

Wir werfen einen letzten Blick zurück, um das Glühen von Ambrym am Horizont zu bewundern. Die Segel gehen hoch. Schnell wird klar, dass der Skipper mit seiner Befürchtung recht hatte: der Wind hat jetzt gedreht und fällt zu spitz aus Südost ein, um den Winkel zu halten. Am Morgen wird klar, dass wir Port Vila ohne Kreuzen nicht erreichen können.

Wir rechnen und kommen zum Schluss, dass wir unter Segeln für die letzten 35 Meilen Luftlinie bis zum späteren Abend brauchen werden. Eigentlich hat dazu keiner große Lust. Also entscheiden wir uns, den Motor zu Hilfe zu nehmen. Gegen etwas Welle und 15 Knoten Wind zu motoren erscheint machbar. Unser Schiff ist da aber scheinbar anderer Meinung.

Nach einer knappen Stunde Motorfahrt der Gau: Das Brummen der sich drehenden Welle ist plötzlich weg. Der Motor bleibt bei 1.800 rpm, aber scheinbar hat er die Welle abgekoppelt. Versuche, die Motorfahrt wieder aufzunehmen, scheitern. Scheinbar ist das Getriebe kaputt. Ist ja gut, das so was nicht in einer engen Passage mit Korallen rings herum passiert sondern auf offener See. So gehen die Fock und das Groß hoch und wir nehmen das Kreuzen wieder auf.

Für Stunden arbeiten wir uns so in Richtung unseres Ziels. Wir schauen die Uferlinie an und haben das Gefühl auf der Stelle zu bleiben. Die Welle ist recht unangenehm. Nicht umsonst heißt diese Ecke „Devils point“. Es heißt immer, dass Kreuzen bedeutet: doppelte Strecke, dreifache Zeit und fünffacher Ärger. Und das ist auch heute so, nur der Ärger ist noch größer, weil wir die Unterstützung des Motors nicht haben und somit keinen Plan B. Außerdem machen wir uns große Sorgen, wie wir in den flachen unreinen Hafen von Port Vila ohne Motor einfahren sollen. Zur Aufheiterung kommt am Nachmittag noch ein Buckelwal vorbei und schwimmt eine Weile an unserer Steuerbordseite.

Für den Teil der Strecke, der komplett gegen den Wind ist brauchen wir tatsächlich eine Stunde für zwei Meilen. Schell wird klar, dass wir bis zum Einbruch der Dunkelheit das Ziel nicht erreichen werden. Bei der Einfahrt in die Bucht von Vila kommt uns dann im Dunkeln auch noch ein riesiges australisches Kriegsschiff auf Kollisionskurs entgegen. Nein, wir segeln weiter hart am Wind und geben keinen Luvraum ab, weichen nicht aus. Das scheint der Kapitän dann zu verstehen und dreht ab. Gut gemacht (besser als die Hanseatik seinerzeit im Beagle Kanal)! Gleich anschließend noch das gleiche Spiel mit einem lokalen Kleinfrachter. Da sind wir uns nicht so sicher, ob der Steuermann auch wirklich die KVR kennt und schalten unsere Decksbeleuchtung als Warnung an. Das versteht er dann auch und fährt dicht in unsrem Lee vorbei. An Deck sitzen Arbeiter oder Passagiere, die freudig grölend zu uns rüber winken.

Zum Schluss wartet auf uns noch der schwerste Teil der Fahrt: das Ankermanöver. Die Bucht von Vila ist so gewählt, dass sie gut geschützt vor dem Wind ist. Das heißt aber auch, dass man sich schwer tut, dort hinein zu segeln. Für uns sind gerade noch 6-7 Knoten Wind verfügbar. Unter Fock und Groß arbeiten wir uns mühsam immer weiter in die Bucht hinein. Die Selbstwendefock ist da recht praktisch. Aber es ist auch das Großsegel nötig, da wir sonst nicht ordentlich durch den Wind drehen können. Nur schwer sind die anderen Ankerlieger erkennbar, die meisten haben kein Licht oder es ist vor der hell erleuchteten Stadt schwer zu erkennen. Wir kreuzen hinein und müssen nach Karte einen relativ tiefen Punkt zum Ankern auswählen, da wir uns von den anderen Booten möglichst frei halten wollen. Die Nerven sind gespannt. Vsevolod liegt am Vordeck und hält die Kettensperre offen, die anderen arbeiten im Cockpit. Wir driften quer und lassen während der Drift den Anker fallen … auf 33 Meter. Es hat geklappt – unser erstes Ankermanöver unter Segel. Der Anker sitzt und kein Riff ist im Weg. Wir machen unser Anlegebier auf und können uns endlich nach einem sehr anstrengendem und nervenaufreibendem Tag uns entspannen. Schließlich sind wir froh, dass unser Motor nicht irgendwo in der engen Lücke zwischen zwei Riffen den Geist aufgeben hat und alles doch noch so gut ohne Motor gelaufen ist. Jetzt wollen wir uns um eine Reparatur bemühen bevor es weiter nach Neukaledonien geht.

Ein Kommentar zu “Segeln pur nach Port Vila

  1. dreikurze
    12. Juni 2018

    Respekt! Moechte ich nicht nachmachen muessen! Alles Liebe aus Fiji

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