SY Outer Rim – A Family's Sailing Adventure

Sailing across the world's oceans with four kids

Sevusevu – Kava-Zeremonie auf Waya

(15.08.2017 – Tag 1.150 – 22.969 sm)

Wer in Fidschi ländliche Gegenden besucht, muss sich auf Sevusevu gefasst machen. Das ist ein Begrüßungsritual, in dem die Besucher den lokalen Gemeindevorsteher – den Chief – um offizielle Erlaubnis fragen, sich auf seinem Terrain aufhalten und bewegen zu dürfen. Dabei geht es nicht nur um das eigentliche Dorfgelände. Auch Strände und Ankerplätze gehören den Gemeinden. Daher wird selbst beim Ankern, Schwimmen oder Schnorcheln erwartet, dass man sich zuerst offiziell beim Chief vorstellt. Diese Regeln gelten nicht nur für Ausländer sondern für alle, die eine andere Gemeinde besuchen.

Der Besucher bringt, je nach Anlass einen mehr oder weniger großen Bund Kavawurzeln mit und überreicht ihn dem Chief. Dabei gibt es einen vorgeschriebenen Ablauf aus Klatschen und Murmeln. Läuft der Empfang ganz traditionell, wird daraus frisch ein Kavatrunk zubereitet und gemeinsam getrunken. Nachdem der Chief ein kurzes Gebet gesprochen hat, wird man offiziell willkommen geheißen und darf sich auf dem Land der Gemeinde frei bewegen. Wenn manche Areale aus religiösen oder anderen Gründen tabu sind, wird man gleich darüber informiert. Doch heute wird selbst in den traditionellen Gesellschaften das Tempo dem der modernen Welt angepasst. Sollte der Chief nicht genug Zeit für alle Besucher haben, beschränkt sich das Ritual nur auf das Überreichen von Kava und den offiziellen Gruß.

Genau darauf hoffen wir, als wir in den Morgenstunden dem Chief von Waya den obligatorischen Besuch abstatten. Denn Kavazubereitung ist nichts für die schwachen Nerven der in hygienischer Hinsicht so verwöhnten Europäer. Zuerst werden die Wurzeln in einem großen Mörser mit einem schweren Pestil bis zur Konsistenz eines feinen Pulvers zerstampft. Die Wurzeln sind relativ dick und hart, so bedarf die Aufgabe einiges an Zeit und Kraft. Das fertige Pulver wird in ein Tuch, das an einen Bodenwischlappen erinnert, eingewickelt in eine Schüssel Wasser getaucht und ausgewrungen, um die Wirkstoffe des Kavas zu extrahieren. Der Vorgang wird so lange wiederholt, bis die gewünschte Stärke des Getränks erreicht ist. Das fertige Getränkt sieht ungefähr so aus, wie Spülwasser nach dem Waschen von erdigen Kartoffeln. Man fragt sich lieber nicht, ob die Beteiligten vor der Herstellung ihre Hände ordentlich gewaschen haben und woher überhaupt das Wasser kommt. Dann trinken noch alle aus der gleichen Schale, ohne dass der Becher gewaschen wird.

Noch bevor wir das Dinghy sicher befestigt haben, melden sich zwei Jungs aus dem Dorf und erklären sich bereit uns zum Chief zu bringen. Wider Erwartung ist im Dorf um diese Zeit ganz viel los. Frauen sitzen in kleinen Gruppen um den Dorfplatz und widmen sich Alltagsaufgaben: sie raspeln Kokosnüsse für das Mittagessen, sortieren und binden Gemüse, waschen und trocknen die Wäsche. Wir werden zum Haus des Chiefs geführt. Auf der schattigen überdachten Terrasse sitzen in drei Reihen geordnet knapp zwei Dutzend Männer. Jeder scheint seinen eigenen festen Platz in der Hierarchie zu haben. Wir wissen nicht ganz, wie wir uns verhalten sollen. Soll nur Thomas mit dem Chief sprechen während Natalya und die Kinder im Hintergrund warten? Denn eigentlich ist Kavatrinken nur für Männer gedacht. Doch die Fidschianer scheinen sich dem Weltbild der Weißen angepasst zu haben. Nachdem der Chief Thomas begrüßt hat, wendet er sich Natalya und den Kindern zu.

Wir werden gebeten uns zu den Männern zu setzen. Sie haben schon eine Schüssel Kava vor sich, also wissen wir was uns erwartet. Nachdem wir unser mitgebrachtes Bündel Kava überreicht haben, schöpft einer der Männer mit einem aus einer halben Kokosnussschale bestehenden Becher ein wenig der braun-grünen Flüssigkeit und bietet es Thomas zum Trinken an. Eigentlich muss man vor und nach dem Trinken in die Hände klatschen, aber da wir uns in der Hoffnung auf den schnellen formellen Empfang nicht ausreichend informiert haben, wissen wir nicht wie oft und an welcher Stelle. Kein Problem, das übernehmen die Männer. Keiner ist uns böse, alle lächeln offen und freundlich. Natalya sagt im Voraus, dass sie eine kleine Portion möchte, denn es gehört zum Ritual dazu, den Inhalt der Schale in einem Zug auszutrinken. Das Zeug schmeckt nicht so übel wie das aussieht, nur die Zunge wird ein wenig taub. Um eine nennenswerte berauschende Wirkung zu erzielen, muss man schon deutlich mehr als eine Schale trinken.

Die Männer bleiben weiterhin sitzen, wir dürfen gehen und auf eigene Faust die Gegend erkunden. Die zwei Jungen vom Strand begleiten uns weiter und führen uns durch die Maniokfelder zu dem Gipfel des Hügels. Arvid wird es bald zu viel. Der kräftige Regen der letzten Tage hat den erdigen Pfad ordentlich aufgeweicht. Der Matsch klebt an den Schuhen, die Füße rutschen an den steilen Hängen aus. Schließlich verirren sich unsere jungen Führer und wissen keinen weiteren Weg nach oben. Halb so schlimm, Arvid ist eh müde. Wir bekommen trotzdem eine schöne Perspektive auf die Bucht von oben.

Im Dorf bietet uns eine Frau Obst von ihren Bäumen an. Einer ihrer Jungs klettert mal schnell behände auf einen Papayabaum und holt uns schön gelbe Papayas herunter. Dazu gibt es ein paar Bananen. Auf die Frage, was wir denn dafür zahlen sollen, sagt die Frau nur: „Was immer ihr wollt“. Da wir kein Geld dabei haben, müssen wir sie auf Nachmittags vertrösten. Das is auch kein Problem. Hier vertraut man sich wohl gegenseitig.

Am Nachmittag gehen wir ohne Kinder auf die andere Seite des Tals auf einen Hügel. David, den wir schon vom Vormittag kennen, und ein älterer Junge, Thimoty, zeigen uns auch stolz ihre Schule. Es ist ein Internat, das von Kindern aus mehreren Dörfern besucht wird. Da zur Zeit Ferien sind, ist das Gelände komplett verlassen. Ordentlichkeit scheint nicht zu den Stärken der Fidschianer zu gehören. Die Wohnstuben der Schule sehen ziemlich verwüstet und runtergekommen aus. Auf den Lehrertischen in den Klassenzimmern liegen ungeordnet Zettel, Bücher und Büromaterial. In der Schulbücherei herrscht ein richtiges Chaos, die Bücher wurden alle einfach auf einen Haufen mitten im Raum geworfen. Sie scheinen hier keinen besonders hohen Wert zu besitzen. Die Kinder führen uns zu einer großen Karte auf einer der Wände, damit wir ihnen zeigen können, wo Deutschland liegt.

Danach laufen wir auf einem gut ausgetretenen und wenig matschigen Pfad zu einem Aussichtspunkt. Mitten auf dem Weg wirft Thimoty das aus der Schule zum Lesen mitgenommenes Buch, einfach in einem weiten Bogen ins Gebüsch.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 15. August 2017 von in Uncategorized.

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