SY Outer Rim – A Family's Sailing Adventure

Sailing across the world's oceans with four kids

17 Tage mit dem Humboldtstrom nach Norden

(30.09.2016 – Tag 832 – 15.623 sm)

Das Wetter im Südostpazifik folgt einem klaren Muster: Südlich von ca. 30-35°S rauscht alle 3-4 Tage ein Tiefdruckgebiet von Westen nach Osten und bringt starken Wind und Welle mit sich. Das haben wir am Tag vor unserem Ablegen erlebt. Nördlich der 30-35°S beginnt mit einer kurzen Übergangszone der Passatwind, der beständig wenngleich nicht allzu kräftig aus Südwest bis Süd bläst. Unsere Strategie beim Ablegen aus Chile (auf ca. 42°S) ist es, den Südwind auf der Rückseite eines gerade durchgezogenen Tiefdruckgebietes (diese drehen auf der Südhalbkugel im Uhrzeigersinn) zu nutzen, um bis in die Passatwindzone zu kommen bevor das nächste Tief mit Nordwind durchzieht. Dafür bleiben uns gerade mal 2 Tage für ca. 400 Meilen. Das kann klappen, ist aber knapp. Aber das Schlimmste was passieren kann ist, dass wir ein paar Stunden gegen den Wind segeln müssen und der Skipper von der Crew ordentlich eine auf die Mütze bekommt.

Am Abend vor unserem Abschied aus Chile legt der Sturm nochmal richtig zu, beruhigt sich aber in der Nacht und der Wind dreht wie erwartet von Nord auf Südwest. Wir müssen raus, bevor der Wind ganz abflaut. Noch vor Sonnenaufgang, während die Kinder schlafen, gehen wir Anker auf, tasten uns mit Suchscheinwerfer an einem im Weg liegenden Fischerboot vorbei und lassen dann die nördlichste Spitze der Insel Chiloe und den Leuchtturm am Punta Corona hinter uns.

Wir haben doch ein Tick zu lange gewartet in der Hoffnung, dass sich die Welle in der Zeit beruhigt. Der Wind ist erstmal ganz weg, so dass wir die ersten paar Meilen motoren müssen. Das immer noch sehr aufgewühlte Meer schaukelt uns ordentlich durch. Nur gut, dass die Kinder schlafen und davon nichts mitbekommen. Nach zwei Stunden können wir die Segeln setzen. Trotz der mächtigen, etwa vier Meter hohen Wellen, rasen wir mit raumem Wind schneller als 8-9 Knoten über Grund dahin. Die kräftige Humboldtströmung, die entlang fast der ganzen Westküste von Südamerika von Süden nach Norden fließt, schiebt uns kräftig mit. Wir sind froh nicht gegen sie ankämpfen zu müssen. Sonst wären ja aus unseren 8 Knoten über Grund schnell nur 4 geworden.

Am ersten Tag legen wir mehr als 200 Meilen in 24 Stunden zurück. Doch nichts wird einem hier einfach so geschenkt. Die relativ schnelle Strömung führt zu einer konfusen See. Die Hoffnung, dass die Kreuzwellen nur einige Stunden nach dem Sturm verschwinden erweist sich als unbegründet. Dass die Kreuzsee uns noch viele Tage begleiten wird, ahnen wir zu dem Zeitpunkt noch nicht!

Der Wetterbericht und der Plan des Skippers erweisen sich als richtig. Wir erreichen die Zone der Passatwinde ohne auch nur einmal Gegenwind oder Starkwind zu haben. Die ersten zwei Tage sind eher träge. Jeder sucht eine günstige Position, um möglichst wenig durchgeschaukelt zu werden. Die Kinder beschäftigen sich mit Hörbüchern und schlafen viel. Der Wind kommt direkt von hinten. Ohne Stabilität des Großsegels schlingert das Boot so erheblich, dass Natalya in der Nacht ihre im Bettgestell hin und her fahrende Matratze festhalten muss. Manchmal kommen zwei Wellen fast gleichzeitig. Während die Outer Rim auf einen Wellenkamm steigt, wird sie von der Seite durch eine mächtige Woge getroffen. Man hat das Gefühl schräg ins Bodenlose zu fallen. Die Amplitude des Schaukelns übersteigt die Möglichkeiten der kardanischen Aufhängung des Herdes. Kochen wird zu einem Kunststück.

Abgesehen von den ersten zwei Tagen bleibt der Himmel während fast der ganzen Strecke bedeckt. Das kalte Wasser des Humboldtstromes führt dazu, dass die warme Pazifikluft hier abkühlt und die Luftfeuchtigkeit kondensiert. Doch da wir uns relativ nah der Küste befinden, erwischt und kein Regen. In der Nacht ist es stockdunkel. Nicht nur Sonne, sondern auch Mond und Sterne fehlen uns. Am Tag ist es grau in grau. Wassertiere und Vögel scheinen auch diese Öde zu meiden. Erst auf der Höhe von Lima kommen wieder die ersten blauen Lücken. Ab und zu verirrt sich sogar ein Sonnenstrahl zu uns. Langsam kommen auch die Tiere zurück. Zum ersten Mal sehen wir einen Wanderalbatros. Der Vogel ist riesig. Selbst die Albatrosse, die wir in Chile so häufig gesehen haben, wirken im Vergleich zu ihm eher klein.

Mittlerweile sind wir so nah an der Künste, dass Thomas in der Nacht keine Ruhe mehr findet. Zu viele Fischer sind mit ihren kleinen wenig beleuchteten Schiffchen hier unterwegs. Die meisten fischen nach Tintenfischen. Nur selten verirrt sich hierher ein Segelboot, deswegen fahren die neugierigen Fischer möglichst nah an uns vorbei, so dass wir uns gegenseitig fotografieren können. Dabei können wir beobachten, wie sie wie am Fließband ein großes Tier nach dem anderen aus dem Meer ziehen, gleich durch eine Handbewegung ausnehmen und das Tier ins Boot und die Reste ins Meer schmeißen. Häufig werden sie von Scharen von Tölpel verfolgt.

An einem Tag erleben wir ein wahres Naturwunder. Mehrere Buckelwale, ein großer Pulk von Delfinen und Unmengen von Vögel jagen gemeinsam einen Fischschwarm. Die Buckelwale umkreisen den Schwarm in immer engeren Kreisen und stoßen eine Menge Luftblasen aus, was den Fischen den Fluchtweg abschneidet und sie immer dichter zusammentreibt. Als die gewünschte Dichte erreicht wird, müssen sie nur noch ihr Maul aufmachen, um Hunderte wenn nicht Tausende kleine Fische auf einmal zu verschlucken. Delfine schießen durch den verängstigen Schwarm und holen sich ihren Teil der Beute. Die Tölpel stürzen aus einiger Meter Höhe mit w-förmig angelegten Flügeln wie eine Rakete ins Wasser. Es ist ein Gemenge und Gedränge ohne Gleichen. Man wundert sich, dass es keine verletzten Vögel und Delfine zu sehen sind. Gibt es unten vielleicht auch noch jemanden, den wir nicht sehen? Haie?

In den Küstengewässern von Ecuador wird die Nachtwache noch anstrengender. Die Fischer fahren 30 Meilen entfernt von der Küste in kleinen Schaluppen, die selbst mit Radar nicht zu sehen sind. Die kleinen offenen Boote werden schon nach wenigen Metern zwischen den Wellenbergen unsichtbar.

In der letzten Nacht vor dem Ziel weckt ein komisches Geräusch Natalya auf: „ra-ta-ta-ta“ macht das unter dem Rumpf. Sie stürmt aus dem Bett aufs Deck. Da bietet sich auch ein komisches Bild. Beidseitig des Bootes schäumt das Wasser. In großen Bögen geht ein grünlich fluoreszierend leuchtendes Band vom Schiff ins Schwarz der Nacht. Es dauert noch einige Augenblicke, bis wir verstehen, dass wir ein Netz gefangen haben. Oder unter Berücksichtigung der Größenverhältnissen besser gesagt, das Netz hat uns gefangen. Die Algen im Wasser bringen es zum Leuchten. Thomas erzählt, dass er zwischen zwei schlecht beleuchteten Fischern, die seiner Meinung nach etwa in einer Meile Abstand von einander entfernt lagen, durchfahren wollte. Es waren wohl doch keine Fischer sondern die Seitenleuchten des Netzes. Zum Glück fahren wir unter Segel und müssen uns keine Sorgen um den Propeller machen. Die Outer Rim befreit sich von alleine, das Netz rutscht unter dem Kiel durch ohne das Ruder einzufangen. Natalya steht am Bug und versucht in der Finsternis weitere Hindernisse mit dem Scheinwerfer auszuleuchten. Doch der weitere Weg ist frei. In dieser Nacht bekommt Thomas gar keinen Schlaf.

Am frühen Nachmittag erreichen wir die Einfahrt zur Bahia de Caraquez, unserem Zielhafen. Einfahren ohne Lotsen in die flache Flussmündung ist nicht erlaubt und auch nicht zu empfehlen. Daher ankern wir an einem ungeschützten Platz vor der Einfahrt inmitten des türkisfarbenes Wassers und warten auf die Ankunft des Lotses. Ein Fischerboot fährt an uns vorbei, und wundert sich, wieso wir überhaupt da hocken. Sie bieten an, uns voraus über die Barre zu fahren, aber wer will sich schon gleich bei der Ankunft mit den Behörden anlegen. Irgendwann kommt auch unser Lotse an Bord und begleitet uns zur Marina. Tatsächlich ist die minimale Wassertiefe unter Kiel 40 cm. Das ist nicht viel.

Als wir uns dem kleinen Städtchen nähern sind wir beinahe geschockt. Wir haben zwar gewusst, dass es an der Küste Ecuadors dieses Jahr ein heftiges Erdbeben gab, jedoch konnten wir uns die Zerstörung in einem solchen Ausmaß nicht vorstellen. Direkt am Ufer ist ein Bagger damit beschäftigt, ein beschädigtes Hochhaus aus Stahlbeton abzureißen. Andere Häuser zeigen verzweigte Risse auf.

Wir ankern frei vor der Marina. Hinter uns liegen 2.600 Meilen und 17 Tage und 8 Stunden auf See. Alle sind froh als der Anker fällt. Der Lotse teilt uns mit, dass wir bis zum Besuch der Behörden nur auf das Marinagelände dürfen. Doch wie immer in Südamerika gelten auch hier mehr Regeln, als man einhalten kann/will. Die Einklarierung wird auf von Samstag auf Montag verschoben, und keiner interessiert sich so wirklich, ob wir in der Zeit das Schiff/das Gelände verlassen oder nicht. Wir erlauben uns einen kleinen Spaziergang bis zum nächsten Obstverkäufer. Nach mehr als zwei Wochen auf See schmecken saftige frische Orangen und eine Ananas ausgezeichnet.

Fürs Einkaufen müssen wir nicht mal das Geld wechseln. Um der Inflationsplage ein Ende zu setzen, wurde im Jahr 2000 Sucre, die bis dahin geltende nationale Währung des Landes, durch den US-Dollar ersetzt. Nur heißen die kleinen Münzen, wahrscheinlich um die armen Ausländer zu verwirren, nicht Cents, sondern Centavos. So dass wir lange nicht verstehen können, wie viel der Obstverkäufer für die Ananas will. Über den Preis der Orangen regt sich Natalya auf – 6 Dollar pro Kilo – ist schon happig. Bis ihr Thomas erklärt, dass der Verkäufer nicht 6 Dollar pro Kilo, sondern 1 Dollar für 6 Orangen haben möchte. Aber nach den patagonischen Obst- und Gemüsepreisen ist man ja einiges gewohnt.

4 Kommentare zu “17 Tage mit dem Humboldtstrom nach Norden

  1. Gross Eva
    22. November 2016

    Wieder einmal ein beeindruckender Bericht über Euer Leben an Bord. Ich habe das Bild vom verlorenen Gennaker gesehen. Hattet ihr diesen schon oft im Einsatz? Wir haben noch kein Leichtwindsegel und überlegen, ob wir uns eines anschaffen sollten. Ich wünsche Euch allzeit eine Handbreit Wasser unterm Kiel und weiterhin gute Fahrt.
    Liebe Grüße von Eva

    • Thomas
      22. November 2016

      Hallo Eva,
      ein Leichtwindsegel ist eine gute Sache und sicher gut an Bord zu haben. Gerade bei den langen Schlägen in der Passatwindzone ist der Wind oft etwas schwächer und kommt mehr von achtern. Da hilft ein großes leichtes Segel. Unser Schiff ist nur leider so groß, dass wir zu zweit den Gennaker nicht sicher setzen bzw. bergen konnten. 240qm ist schon echt eine große Fläche. Insbesondere Natalya hatte da immer Angst, dass wir das nicht geregelt bekommen. Und es ist auch immer mal wieder etwas schief gelaufen – wie auch auf der Fahrt nach Ecuador. Also für ein Boot <50 Fuß immer mit Leichtwindsegel (vielleicht Parasailor, auch wenn ich den nicht selbst genutzt habe), darüber nur bei größerer Crew.
      Gruß Thomas

  2. Sabine
    26. November 2016

    Ich finde Euren Blog großartig. Super geschrieben und tolle Bilder.
    LG
    Sabine

    • Thomas
      26. November 2016

      Hallo Sabine,
      schön, dass ihr uns lesend folgt!
      Gruß nach Grenada
      Thomas

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