SY Outer Rim – A Family's Sailing Adventure

Sailing across the world's oceans with four kids

Ein etwas holpriger Abschied von Chile

(12.09.2016 – Tag 814)

Nach einem besorgten Blick auf den aktuellen Wetterbericht gehen die Meinungen der Crewmitglieder auseinander. Während Thomas von einem ausreichend langen Südwindfenster bis zum Erreichen der Passatwindzone überzeugt ist, schaut sich Natalya besorgt die Wellenhöhen an. Um sicher vor dem nächsten Nordsturm durchzukommen, müssen wir direkt nach Durchzug des vorangegangenen Sturmtiefs ablegen. Die vorhergesagte Wellenhöhe am Höhepunkt des Unwetters beträgt mehr zehn Meter. Selbst als wir wochenlang das Wetter an der Spitze des südamerikanischen Kontinents beobachtet haben, haben wir so eine Vorhersage noch nie gesehen. Der Skipper beteuert, dass die Lage sich schnell genug beruhigen wird und bereitet die Outer Rim auf das Ablegen vor. Natalya ist zwar mulmig zu Mute, aber sie entscheidet sich vorerst doch gegen eine Meuterei. Wer weiß, ob die nächsten Wochen ein besseres Fenster für unsere Überfahrt nach Ecuador bieten.

Am nächsten Morgen fahren Natalya und Thomas nach Puerto Montt. Natalya ist für frisches Obst und Gemüse zuständig – immerhin ist für 2,5 Wochen Proviant zu besorgen. Thomas, mit Arvid in Schlepptau, für die Erledigung der Ausklarierungsformalitäten. Das übliche Spiel: Erst Armada, dann Zoll und schließlich Polizei. Alle stempeln unsere Papiere problemlos ab. Die Mitarbeiter von der Armada kündigen aber an, dass sie vor dem endgültigen Ablegen noch mal persönlich am Boot erscheinen wollen, um 14 Uhr. Als eine Stunde nach dem Termin immer noch keiner da ist, werfen wir die Leinen los. Ewig lang können wir nicht warten, da wir noch vor Einbruch der Dunkelheit am Ankerplatz vor dem Canal Chacao ankommen wollen.

Alles läuft nach Plan, der Wind und die Strömung machen mit. Die Outer Rim mit neuem Unterwasser Anstrich rast bei 20-25 Knoten Nordwest-Wind durchs Wasser. Kurz bevor wir in den Paso Tautil einbiegen entdecken wir sogar noch zwei Glattwale friedlich an der Wasseroberfläche treiben. Wir lufen etwas an und kommen ganz dicht an die mächtigen Tiere ran. Seit Puerto Madryn haben wir keine Glattwale mehr gesehen. Jetzt muss die Fock ran. Im Paso Tautil ist Am-Wind-Segeln angesagt. Gut, dass der Wind hier durch die Abdeckung etwas schwächer ist. So ist die Schräglage auch für alle erträglich.

Dann hört Natalya plötzlich einen Funkspruch: „Outer Rim! Outer Rim! Outer Rim!“ Ausnahmsweise spricht der Funkende sogar Englisch. Er gehöre zur Küstenwache und komme gleich bei uns vorbei. Nichts Böses ahnend warten wir geduldig auf sein Auftauchen. Ein Schnellboot mit wer weiß wie vielen PS, lässt nicht lange auf sich warten und geht bei uns längsseits. „Wie konnten wir es wagen, der Anweisung der Armada zu widersetzen und ohne Besuch der Offiziellen abzulegen?!“ Bei diesem Besuch hätten sie uns in ihr Hafenbuch eintragen müssen. Da sie jetzt keinen Eintrag über uns haben, müssen wir zurück nach Puerto Montt! Befehl vom Chef. Aha, gegen 25 Knoten Wind und in der Dunkelheit, und deswegen noch das Wetterfenster für die Überfahrt verpassen. Natalya sagt ganz entschieden, dass sie mit müden Kindern unter solchen Bedingungen nirgendwohin segelt.

Der Offizielle druckst ein wenig herum, erklärt dann, dass es doch unter der Berücksichtigung der tatsächlich nicht einfachen Wetterbedingungen eine andere Möglichkeit gibt. Er schlägt vor, dass wir nach Calbuco kommen, und dort den Eintrag ins Hafenbuch vorzunehmen. Er braust Richtung Calbuco davon und kommt nach einer weiteren halben Stunde mit zwei jungen Armadaoffizieren, die eher verlegen als grimmig wirken und tatsächlich ein dickes Hafenbuch in der Hand haben, zurück. Zum letzten Mal in Chile werden die obligatorischen Fragen: Wer? Wohin? Warum? Wieviel Diesel? Wieviel Wasser etc.? beantwortet. Und das alles eine halbe Meile vor Calbuco im Päckchen mit dem Armada-Schnellboot treibend. Wir entschuldigen uns für unser frühes Ablegen, die Armada entschuldigt sich, dass Sie uns nicht pünktlich an Bord besucht haben. Alle sind sehr freundlich und entspannt. Jetzt haben wir die Erlaubnis, das Land offiziell zu verlassen. Uff, das ist gerade noch gut gegangen! Natalya erinnert sich an die Flucht aus Guinea-Bissau bei Nacht und Nebel. Bei der chilenischen Armada würde so etwas sicher nicht durchgehen …

Wir werfen Anker im recht lebendigen Hafen von Calbuco. Die Offiziere kommen eine Stunde später noch einmal an Bord, um Fotos unserer Pässe zu machen. Dabei fotografieren sie auch noch unser Boot – ob zu offizellen Zwecken oder für das private Fotoalbum wissen wir nicht. Wie viel Liter Benzin haben sie bei der ganzen Aktion mit dem Schnellboot verfahren? Ganz geheuer ist es uns im Hafen von Calbuco nicht. Die ganze Nacht fahren die Fischer rein und raus. Man hofft nur, dass sie nüchtern und wachsam genug sind, ein knapp 30 Meter hoch liegendes Ankerlicht in ihrem Weg zu erkennen. Zur Sicherheit stellt Thomas noch ein rotes Blinklicht auf den Baum.

Für den nächsten Tag ist die Fahrt durch den berühmt-berüchtigen Canal Chacao angesagt. Bei ungünstigen Wetterverhältnissen bildet sich in diesem Nadelöhr eine nicht ungefährliche stehende Welle. Die Strömung kann auch bis zu 7 Knoten betragen. Nicht einmal die großen Schiffen fahren bei schlechten Bedingungen in den Kanal hinein. Doch wir haben Glück (oder sollte es doch an der weisen Vorausplanung des Skippers liegen?), das Wasser bleibt glatt. Einen Teil der Strecke müssen wir motoren, aber so ist es sicherlich angenehmer als sich durch Brecher zu kämpfen.

Etwa am Punta Remalinos, ziemlich genau an der engsten Stelle des Canal Chacao, sehen wir mitten im Fahrwasser eine breite Plattform. Hier arbeitet man gerade am Pfeiler der zukünftigen Brücke, die Chiloe mit dem Festland verbinden wird. Die beiden Ufer sind auch schon vorbereitet. In nicht allzulanger Ferne werden die vielen Fähren zwischen dem Festland und Chiloe wohl der Vergangenheit angehören.

Ohne Zwischenfälle erreichen wir unseren Ankerplatz im Estero Chaular. Hier wollen wir den vorhergesagten Nordsturm abwarten. Die Bucht ist so flach, dass wir ziemlich weit vom Ufer ankern müssen. Sollte es hier wirklich stürmen, wird es uns ordentlich durchschaukeln. Nur im Boot sitzen ist zu langweilg, vor allem unsere Kinder brauchen einen Auslauf. Daher landen wir an und lassen die Kinder am Strand spielen. Die Armada kann von ihrem Leuchturm uns wahrscheinlich klar und deutlich sehen, legt aber keinen Widerspruch an. Natalya und Thomas steigen auf den Hügel, um einen Blick auf den Pazifik zu werfen. Der Sturm ist noch nicht da. Das Meer ist spiegelglatt. Kleine Fischerboote kümmern sich um ihre Netze.

Am nächsten Tag fängt es zu blasen an. Jedoch bleibt der Wind unter 30 Knoten, und die Welle ist erträglich. Von draußen kommt kein Schwell an. Die großen Kinder wollen unter solchen Bedingungen nicht mehr an Land. Doch Natalya und Thomas wandern mit Arvid über die Dünen zum offenen Pazifikstrand. Dort können sie den Blick von der gewaltigen Brandung nicht lösen. Mächtige Wogen rollen an den Strand. In dem Augenblick des Brechens bilden sie eine türkisfarbene dünne Krone, die in dem nächsten Moment beim Aufprall in einen Meer an Schaum verwandelt. Der Wind trägt die Gischt meterweit fort.

Natalya zieht die Schuhe aus und watet ins Wasser. Während sie knietief in eiskaltem Schaum steht, versucht Thomas trockenes Fußes ein Bild zu schießen. Arvid ist vom Wasserspiel begeistert und will auch mitmachen. Jetzt steht Thomas mit Arvid im Wasser, Natalya, schon wieder voll angezogen hält die Kamera in der Hand. Während sie durch das Objektiv schaut, kommt von hinten die nächste Welle an, die größer und mächtiger ist, als alle vorherigen. Natalya reißt die Kamera hoch, die Schuhe und die Hose sind nicht mehr zu retten. Trieffend nass, mit Wasser in den Schuhen wandern wir durch die Düne zurück zum Strand. Was für ein gewaltiges und faszinierendes Schauspiel!

Morgen früh ist ablegen angesagt. Alle hoffen, dass der Skipper Recht behält mit seiner Auswahl des „optimalen“ Wetterfensters.

Ein Kommentar zu “Ein etwas holpriger Abschied von Chile

  1. Christine & Steffen
    26. Oktober 2016

    Moin Thomas.

    Ich wünsche Euch eine Gute Reise ach Norden!

    Wir sind zz in Griechenland unterwegs. Es sind imer grandiose Berichte!

    LIebe Grüße von Bord der AHAB Steffen

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 12. September 2016 von in Uncategorized.
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