SY Outer Rim – A Family's Sailing Adventure

Sailing across the world's oceans with four kids

Leben in einer vom Erdbeben hart getroffenen Stadt

(19.10.2016 – Tag 851)

Von dem großen Erdbeben an der Küste Ecuadors hörte man in den Medien nicht viel. Wir können uns überhaupt nicht erinnern, irgendetwas darüber in den Nachrichten gelesen oder gehört zu haben, obwohl es doch mit 7,8 recht stark war. Das Bild, das der Ort nun bietet, ist verheerend. Noch vor einem halben Jahr war Bahia de Caraquez eine aufstrebende kleine Stadt. Einiges wurde investiert, um nationale und internationale Touristen und Ruheständler anzulocken. Doch das Erdbeben im April 2016 zog den kühnen Projekten und Investoren einen Strich durch die Rechnung.

Mehr als die Hälfte der kleinen Häuser und alle Hochhäuser wurden so weit beschädigt, dass sie nun entweder ganz abgerissen werden müssen oder struktureller Sanierungsmaßnamen bedürfen … und das in einem Staat ohne Versicherungssystem, maroder, meist mit sich selbst beschäftigter Regierung und einem durchschnittlichen Monatseinkommen von wenigen Hundert Euro. Einige Glückliche konnten ihre Häuser notdürftig flicken. An jedem Haus hängt ein Zettel mit rotem, gelbem oder grünem Balken – je nachdem, ob man noch darin wohnen darf oder nicht. Es scheint als überwiegen die roten Balken. Manche Familien bewohnen ihre Häuser trotz der Einsturzgefahr. Viele sind gezwungen, in einem primitiven Zelt zu hausen. Familien leben auf einem Raum von drei mal drei Metern, schlafen auf Matrazen, die direkt auf den Boden geworfen wurden. Gekocht wird mit Hilfe von Gas unter freiem Himmel. Die hygienischen Bedingungen lassen zu wünschen übrig, und das in den Tropen … und bald kommt die Regenzeit. Der Schaden begrenzt sich nicht auf ein Dorf. Große Teile der Küste wurden in gleicher Weise zerstört.

So gut wie das Einzige was wir über Ecuador wussten, war seine geographische Lage direkt am Äquator und dass das Land zu den ärmsten in Südamerika gehört. Schon der erste Durchgang durch das kleine Städtchen überraschte uns positiv. Teure Fahrräder werden an der Uferpromenade bloß durch eine dünne Fahrradkette gesichert. Keiner hat Angst, sein Handy oder Notebook in der Öffentlichkeit auszupacken. Kinder können unbeaufsichtigt draußen spielen. Für Südamerika eine traumhafte Sicherheitslage. Man muss hier nicht die Welt durch dicke Gitterstäbe betrachten. Die Ecuadorianer erleben wir als freundlich und gelassen. Keiner hat es eilig. An der Kasse im Supermarkt wird man sehr freundlich und ausführlich bedient. Stehen drei Leute vor einem in der Schlange, muss man mit einer halben Stunde Wartezeit rechnen. Weder der Kassierer noch die Käufer scheinen es eilig zu haben. Eine Geduldsprobe für deutsche Effizienzfanatiker.

Auch wenn wir nur ein paar Kilometer vom Äquator entfernt liegen, ist das Wetter hier überraschend kühl. Häufig ist der Himmel bedeckt aber ohne Regen. Am Vormittag herrscht Windstille, am Nachmittag kühlt ein auflandiger Wind. So kommt auch unser kälteliebender Skipper nicht allzusehr ins Schwitzen.

Nach den kargen Monaten in Chile genießen wir die Vielfalt des lokalen Marktes: die frischen, reifen Avocados, riesige, saftige Ananas und Papayas. Das erste Mal seit Afrika können wir wieder fangfrischen Fisch kaufen. Im Gengensatz zu Afrika stehen die Preise fest, so dass man nicht verhandeln muss. Da das Land immer noch mit der großen Bildungsproblemen kämpft, kostet alles auf dem Markt und auf der Straße verkaufte einen runden Beitrag. Am häufigsten einen Dollar. Es wird nur selten gewogen. Die meisten Waren werden entweder pro Stück oder pro Tütchen verkauft.

Unsere Kinder haben wieder ausreichend Zeit und Ruhe sich mit schulischen Themen zu beschäftigen. Arvid weiß nicht recht, was er in der Schulzeit anfangen soll. Alleine spielen ist irgendwie blöd. Stattdessen hört er bei allen aufmerksam zu und schnappt Ausdrücke wie „Formen von to be“ oder „Vorvergangenheit“ auf und verwendet sie dann geschickt in seinen eigenen Ausführungen. In den Pausen springen erstmal die Großen, dann durch ihr Beispiel ermutigt auch die Kleinen ins Wasser. Vor allem Vsevolod hat im Wasser einen Riesenspaß. Freiwillig schleppt er auch sein Surfbrett durch die ganze Stadt zum Strand, um in der Brandung zu surfen.

Schon in den ersten Tagen beantragen wir die Erlaubnis, die Galapagosinseln ansteuern zu dürfen. Doch die Bürokratie braucht ihre Zeit. Wegen irgend eines unsinnigen Embargos ist unser Geld irgendwo auf dem langen Weg von Deutschland nach Ecuador stecken geblieben, und unser Agent kann nicht mal anfangen seine Arbeit zu erledigen. Wer glaubt, dass wir in digitalem Zeitalter leben, und dran gewohnt ist, dass das elektronische Geld spätestens am zweiten Tag beim Empfänger ankommt, wird hier besseres belehrt.

Der Hafen hier liegt so abseits der gängigen Routen, dass es nur „besondere“ Boote hierher zieht. Ab und zu treffen sich die Eigner auf ein Glas Bier in der Bar und tauschen wilde Geschichten aus. Jeffrey verkauft sein Buch in dem er beschreibt, wie er alleine auf einer großen Ketch gegen den Wind um Kap Hoorn gesegelt ist und das letzte Jahr Nonstop auf See verbracht hat. Jim, ein Engländer, erzählt, dass sein Freund in Australien von Krokodilen gefressen wurde. Dabei beteuert der alte Seebär, der Freund sei selber schuld, er sei so lange besoffen gewesen, dass er das nicht gemerkt haben soll. Ein Spanier erzählt die Geschichte, wie er auf Bubaque den Heroinschmuggler beim Verladen von Drogen zugesehen hat. Leider erfahren wir nicht das Ende der Drogengesichte, weil der Erzähler sein in der Dunkelheit unbemerkt kollabiertes und untergehendes Dinghy retten muss. Bei dem Seemannsgarn erinnert Natalya sich an Kapt’n Blaubär. Doch auch Blaubärs Geschichten sind nach so vielen einsamen Monaten in Chile eine willkommene Abwechslung.

2 Kommentare zu “Leben in einer vom Erdbeben hart getroffenen Stadt

  1. Gross Eva
    22. November 2016

    Ich hoffe, Ihr habt mittlerweile die Erlaubnis die Inseln des Galapagos Archipels anzulaufen.

    • Thomas
      22. November 2016

      Leider noch nicht, aber die Zusage, dass wir sie diese Woche noch bekommen. Wir hoffen, dass es Mitte nächster Woche los gehen kann.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 19. Oktober 2016 von in Uncategorized.
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