SY Outer Rim – A Family's Sailing Adventure

Sailing across the world's oceans with four kids

Schulbesuch auf Ha’apai

(20.07.2017 – Tag 1.124)

Auf der am westlichen Rand des Ha’apai-Archipels gelegenen Insel Ha’afeva wohnen derzeit gut 100 Menschen, es gibt zwei kleine Kioske, sechs Kirchen und eine Schule mit Klassen von 1 bis 6. Nicht jeder lebt gerne so abgeschieden und für viele ist es unvorstellbar, per Boot 50 km in die kaum größere Hauptstadt der Ha’apai, Pangai, zu fahren, um dort wenigstens etwas Anschluss zur Zivilisation zu haben. Nicht so Peter, der Prinzipal der Dorfschule. Wir treffen ihn auf unserem Rundgang durch die Stadt und sprechen mit ihm über den Ort und sein Leben hier.

Vor ca. 25 Jahren hat er sich mit seiner Familie aus Tongas Hauptstadt Nuku’alofa bewusst auf Ha’afeva versetzen lassen. Die Ruhe und Sicherheit der abgelegenen Insel war genau das, was er für sich und seine Kinder suchte. Sie sollten nicht den Reizen moderner Medien und der kurzlebigen Gesellschaft ausgesetzt werden. Jetzt ist er stolz, dass eine ca. 20 Jahre alten Kinder kein Smartphone brauchen, nicht in Bars rumhängen und trotzdem gerne auf der kleinen Insel leben – auch wenn sie zwischenzeitlich für die höheren Schulklassen nach Nuku’alofa mussten.

Vor der Schule treffen wir noch während der Schulzeit einen der Lehrer. Er heißt Paula, trägt einen traditionellen schwarzen Rock und wiegt bestimmt fast 150 kg. Die Dorfschule wird in diesem Jahr von etwa vierzig Kindern im Alter von 6 bis 11 Jahren besucht. Jeweils zwei Klassenstufen werden in einem Klassenraum unterrichtet. Paula hat die ältesten Kinder, die Klassenstufen 5 und 6. Als wir ins Klassenzimmer schauen, sehen wir ein Dutzend Kinder in klassischen Sitzbänken sitzend. Wie überall in Tonga tragen alle Schulkinder eine einheitliche Schuluniform. Die Jungen eine kurze, beige Hose mit einem kurzärmligen Hemd, die Mädchen ein rotes schlichtes Kleid. Die Wände des Klassenzimmers sind mit selbsgebastelten Plakaten voll.

Kurz darauf ist der Schultag zu Ende, und wir können uns auch mit dem Lehrer ein wenig unterhalten. Auch wenn manchem Aussteiger so ein kleines vor allem Übel der Welt geschütztes Dorf als ein kleines Paradies erscheinen kann, hat Paula hiervon schon längst die Nase voll. Immer wieder nur Grundsätze von Rechnen und Schreiben den kleinen Kindern zu unterrichten, scheint nicht seine Berufung zu sein. Nach seinem Mathematikstudium hätte er gerne was Anspruchsvolleres gemacht, hat aber keinen anderen Job gefunden. Ungefragt erzählt er uns fast seine ganze Lebensgeschichte – auch, dass letztes Jahr sein Sohn bei einem der Reisen in die Hauptstadt beim Umsteigen von der Fähre auf ein Zubringerboot ums Leben gekommen ist.

Zwischendurch fragen wir, ob unsere Großen morgen in seiner Klasse hospitieren dürfen. Natürlich hat er nichts dagegen. Nur Vsevolod ist am Vorabend sich nicht so sicher, dass er sich auf das Abenteuer wirklich einlassen möchte. Am nächsten Morgen klingelt früh der Wecker und auch unser Sohn entscheidet sich für den Schulbesuch: sicherlich ist der Lehrer hier nicht so fordernd wie die Eltern in der Bordschule.

Damit die Kinder nicht mit leeren Händen kommen, packen wir ihnen eine Packung Wachsmalstiften für das Klassenzimmer ein. Nach einem schnellen Frühstück fährt Thomas sie an Land, dann müssen sie noch knapp zwei Kilometer durch den Wald bis zum Dorf laufen.

Als sie pünktlich – die deutsche Herkunft lässt sich doch nicht leugen – zum Unterricht erscheinen, ist kein anderes Kind zu sehen. Ein paar Minuten zu spät kommt der Lehrer, in seiner Hand ein kleines Radio mit dröhnender Musik. Langsam tauchen die ersten Kinder auf dem Schulgelände auf. Paula bittet eines der Kinder die Glocke zu schlagen. Erst dann kommt Leben in die Bude, für die meisten Kinder dauert der Schulweg nicht länger als 5 Minuten. Das Pult des Lehrers steht hinter den Bankreihen der Schüler, und Paula macht sich es dort erst Mal bequem. Sein Radio steht weiterhin lärmend auf dem Tisch und scheint ihn bei er Unterhaltung mit Thomas gar nicht zu stören. Zögernd macht er sich an den Unterricht und schaltet dann tatsächlich auch sein Radio aus.

Damit sich unsere Kinder nicht langweilen, hat Paula den Stundenplan geändert und unterrichtet am Vormittag Mathematik und Englisch und erst am Nachmittag Tongaisch. In Mathematik haben unsere Kinder in der Bordschule schon zwar weit mehr gelernt als Paula von seinen 6. Klässlern verlangen kann, aber Franka und Vsevolod machen trotzdem fleißig mit und wiederholen Division von Dezimalzahlen.

In der kurzen Pause toben die Kinder draußen. Mädchen spielen Fangen, die Jungen kicken einen Ball – ein recht internationales Spiel. Danach wird in der Englischstunde der Umgang mit Wörterbüchern gelernt. Ein richtiges Wörterbuch besitzen die Schüler nicht, daher gibt Paula jedem ein Arbeitsblatt mit einem kleinem Ausschnitt. Das Englisch der Kinder hält sich in Grenzen, man könnte es mit dem Grundschulenglisch in Deutschland vergleichen. Erst in der höheren Schule lernen die Kinder ausreichend Englisch, um diese Sprache im Alltag verwenden zu können.

Für die Grundschule besteht Schulpflicht in Tonga, und selbst auf den entlegenen Inseln gibt es Möglichkeiten, die Kinder in die Schule zu schicken. Wer danach weiter zur Schule gehen will, muss ab der 7. Klasse, das heißt mit 11-12 Jahren in ein Internat nach Neiafu, Nuku’alofa oder Pangai. Obwohl die Strecken nicht so enorm sind, kommen die Kinder dann nur für die langen Ferien – also zwei Mal im Jahr – wieder für ein paar Tage nach Hause. Da es den meisten Eltern genauso grausam wie uns erscheint, ein Kind im Alter von 11-12 Jahren vollständig aus seiner Familie zu entwurzeln, ziehen viele Eltern gleich mit um. So verwaisen die kleinen Dörfer. Lediglich ein Bruchteil der Familien kehrt wieder zurück. Nur zu Weihnachten, wenn alle zum Besuch kommen, sind die Dörfer wieder voll Leben.

Als unsere Kinder am Nachmittag aus der Schule zurückkommen, schleppt Vsevolod einen schweren Rucksack auf dem Rücken. Natalya schaut rein und entdeckt zu ihrer Überraschung drei große reife Papayas. In der Mittagspause hat sie Frankas Banknachbarin von ihrem Zuhause mitgebracht und Franka geschenkt – polynesische Gastfreundschaft.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 20. Juli 2017 von in Uncategorized.
Juli 2017
M D M D F S S
« Jun   Aug »
 12
3456789
10111213141516
17181920212223
24252627282930
31  

Archive

Kategorien

Bitte Mail-Adresse zum Abonnieren des Blogs eintragen

Schließe dich 306 Followern an

%d Bloggern gefällt das: