SY Outer Rim – A Family's Sailing Adventure

Sailing across the world's oceans with four kids

Auf der Suche nach dem König

(08.07.2017 – Tag 1.112 – 22.245 sm)

Die nächsten Tage in Neiafu sind vom Besuch und Geburtstag des Königs geprägt. Die Straßen sind mit roten und weißen Schleifen geschmückt. Vor der Residenz des Königs ist eine riesige Sahnetorte aus orangem Papier aufgebaut worden. Wir würden auch gerne den König sehen. Es gibt auf der Welt ja nicht mehr so viele, und wir haben persönlich noch keinen getroffen. Doch der erste Tag des Besuchs entpuppt sich sowohl für uns als auch für die Untertanen als eine Enttäuschung. Gleich nach der Ankunft versteckt sich der Herrscher des Landes in seiner königlichen Residenz und lässt sich nicht blicken.

Als wir vom Boot eine Blaskapelle spielen hören, gehen wir an Land und versuchen die Quelle der Musik zu finden. Nicht weit des Zentrums sammeln sich einige Autos, Schulkinder mit Tongafähnchen in der Hand und einige Frauen. Vom Wachmann der ganz leger vor einer kleinen Villa steht, erfahren wir, es sei das Haus der Prinzessin. Aktuell wohnt sie einem privaten Gottesdienst bei und anschließend ist ein kleiner Empfang mit einer traditionellen Tanzvorführung angesagt. Wir sind zwar nicht wirklich festlich gekleidet und haben einen großen Rucksack auf dem Rücken, aber er hat trotzdem nichts dagegen, wenn wir alle reingehen und zuschauen.

Arvid setzt sich neben die wartenden Schulkinder ins Gras. Nicht weit davon steht ein Käfig mit einer schwarzen Sau. Vor dem Haus sind auch andere Gaben ausgebreitet, die zu den Willkommensgrüßen einer königlichen Person gehören: ein großer Berg an Yamswurzeln, alte Mehlsäcke, aus denen Schwanzflossen ordentlich großer Fische heraus schauen. Die Art die Gaben zu präsentieren scheint nicht wirklich wichtig zu sein: schön eingepackt und eingewickelt sind sie nicht. Nur der Inhalt zählt.

Direkt vor uns formt sich eine Gruppe Mädchen und Frauen, die sich auf den Tanz vorbereitet. Sie sind traditionell bekleidet, mit Federn und Muscheln aufwendig geschmückt. Damit ihre Haut geschmeidig und glänzend aussieht, reiben sie sich reichlich mit einem gut duftenden Öl ein. Nicht allen Tänzerinnen ist es recht, in so einer Tracht fotografiert zu werden: manche verstecken sich vor der Kamera aber ein paar präsentieren sich bereitwillig. Schließlich werden sie ins Haus geladen und gehen singend und klatschend hinein. Ihr Einzug wird von lauten Johlen der älteren Frauen aus dem Publikum begleitet. In Tonga trennt man sich von der Vorstellung, Prinzessin sei ein zierliches, blasses Mädchen. Stattdessen erblicken wir eine deutlich übergewichtige Frau, die mit einem ziemlich ausdruckslosen Gesicht und einem aufgesetzten Lächeln der Vorstellung beiwohnt.

Nachdem das Tanzen vorbei ist, begeben wir uns auf den Rückweg. Wir haben den Kindern ein Eis versprochen, und vor allem Arvid kann kaum abwarten, bis es so weit ist. Wir laufen von einem Geschäft ins nächste in der Hoffnung ein Eis am Siel zu finden, doch die Suche ist vergeblich: das gibt es hier – wie so vieles an was man sonst in einer Stadt solcher Größer gewohnt ist – nicht. Wir kaufen beim Chinesen zwei Blechlöffel und einen 2 Liter großen Eimer mit Schokoladeneis, es ist die einzige hier verfügbare Verpackungsgröße.

Die Tage darauf treffen wir immer wieder auf marschierende Schulkinder, spielende Blaskapellen und andere festliche Veranstaltungen. Für die Geburtstagsfeier sind Gäste von vielen anderen Inseln mit einer Fähre eingereist, übernachten in öffentlichen Gebäuden und auf Matratzen in Privathäusern. Auf einer der Wiesen im Ort findet ein Festessen statt. Die Gäste tragen wie immer zu festlichen Anlässen eine Bastmatte um die Hüfte. Die Tische sind schön mit Fruchtgestecken geschmückt. Doch auch hier ist nur die uns schon bekannte Prinzessin zu sehen. Der König bleibt weiterhin im Verborgenen. Das lässt erahnen, dass er die ganze Aufregung um seine königliche Person nicht wirklich gerne hat.

Für seine Ausbildung – mehrere Diplome amerikanischer und australischer Universitäten – hat der König wohl einige Zeit im Ausland verbracht, und dabei nicht nur Ausbildung, sondern einen nicht unwesentlichen Teil der Kultur miterlebt und mitgenommen. Man fragt sich schon, wie es einem zumute ist, wenn man nach so vielen Jahren in der großen weiten Welt plötzlich zu einem König eines winzigen und schwach entwickelten Königreichs wird … Doch all die Abschlüsse bringen für die Verwaltung des Landes scheinbar nicht viel. Das Hauptfach des ehemaligen Marineoffiziers scheint die Anwendung militärischer Strategien zu sein. Die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Landes bleibt weiterhin auf dem Niveau des späten Mittelalters.

Nach einer Woche gemeinsamen Spieles verabschieden sich die Kinderboote, eines nach dem anderen. Die meisten sind schon zum zweiten Mal im Tonga und wollen lieber mehr Zeit für die westlichen Länder einplanen. Wir lassen auch den Trubel von Neiafu hinter uns und verlegen als erstes zu einem Postkartenidyll, der kleinen Insel Nuku. Seine weiße Sandküste wird von türkisfarbenem Wasser umspült. Unsere Kleinen buddeln im Sand und schauen den Kitesurfern zu, wie sie ihre Drachen auspacken, aufbauen und dann durch die Wellen düsen. Die Großen tauchen kurz ins Wasser, kehren frierend zurück und spielen anschließend mit den Kinder von Sangvind und Tika lieber Monopoly.

In den nächsten Tagen probieren wir noch einige mehr oder weniger einsame Buchten aus. Man könnte denken, Tonga sei überlaufen, so dass man hier keine Ruhe findet. Manchmal treffen sich tatsächlich einige Boote auf einem Ankerplatz, doch es gibt genügen Momente, in denen wir alleine die Ruhe und die Natur genießen können. Die Tongaer sind uns gegenüber immer freundlich, ohne aufdringlich zu sein. Nur einer kommt direkt zu uns mit seinem Boot, um zu fragen, ob wir für ein Abendessen im Kreis anderen Yachties eingeladen werden wollen. Das organisiert seine Familie regelmäßig, um mit dem Erlös die Schulbildung der Kinder zu finanzieren. Es scheint die einzige Geldquelle der Familie zu sein. Der Rest ist Subsistenzwirtschaft.

Auf der Insel Euakafa gelten die Gesetze der polynesischen Gastfreundschaft nicht. Schon beim ersten Strandbesuch ist die deutschsprachige Betreiberin einer kleinen Pension am Strand mürrisch, hat aber ihrer eigenen Worten zufolge nichts dagegen, wenn die Kinder am Strand spielen und wir das Dingy am Steg anbinden. Bloß die Hotelanlage dürfen wir nicht betreten, da die Hunde recht scharf wachen. Beim Spielen vergraben die Kinder einen der Schuhe im Sand und finden ihn nicht wieder.

Als Arvid und Vsevolod am nächsten Tag zurückkehren, um den Schuh zu suchen, werden sie schon am Steg von drei Hunden hysterisch angebellt. Während sich Vsevolod standhaft vor den Hunden hinstellt, rennt Arvid los, die Hunde selbstverständlich hinterher. Arvid schreit vor Angst, der Hundebesitzer, der keine zehn Meter weit weg von ihm steht, macht nichts um die Hunde zurückzupfeifen. Als Thomas an Steg ankommt, knurrt er ihn an, der Steg sei privat. Man fragt sich nur, welche Schätze das Hotel an diesem Strand hortet. Wir haben in Tonga in der Nacht das Boot nie richtig abgesperrt, das Dinghy war oft genug über Nacht im Wasser. Nie haben wir gehört, dass etwas gestohlen wurde.

An diesen Strand will keines unserer Kinder mehr. Natalya und Thomas versuchen noch zum Gipfel der relativ hohen Insel zu gelangen. Laut unseren Infos führt dorthin ein einigermaßen erkennbarer Pfad. Doch den finden wir nicht und versuchen uns querfeldein durch den dichten Dschungel zu kämpfen. Nach einigen hundert Metern wird der Hang sehr steil. An manchen Stellen ziehen wir uns an den überhängenden Bäumen hoch. Das Korallengestein ist spitz und scharf. Die als leicht geplante Wanderung artet in eine abenteuerliche Expedition aus. Trotzt aller Mühe gelingt es uns nur begrenzt den Blick von oben zu genießen. Die Kuppe ist relativ flach, viele Bäume verdecken die Sicht. Nur ab und zu bekommen wir ein kleines Fenster, durch das wir das Panorama erspähen können.

Am nächsten Tag während wir Ankerauf gehen taucht nicht weit von uns, kaum Hundert Meter weit vom Strand unser erster pazifischer Buckelwal auf. Der Weg führt uns zurück nach Neiafu, um frischen Proviant zu holen.

Dieses Mal gelingt es uns sogar den König zu treffen. Er kommt zu der Landwirtschaftlichen Ausstellung, um dort eine Rede vor seinen Untertanen zu halten. Rund um eine große Rasenfläche sind viele Stände aufgebaut, auf denen die Bauern, Fischer und Künstler ihre Arbeit präsentieren. An einem Stand türmen sich Berge von exotischen Rifffischen, Oktopusse und Riesenmuscheln. Andere sind voll mit frischem Gemüse: schneeweißer Blumenkohl, rot leuchtende Tomaten, knackiger Rettich, doch nichts wird verkauft. Alle warten, bis der Königsbesuch vorbei ist, damit ihre Majestät nicht an leeren Ständen vorbei schreiten muss. Wir wissen ja aus eigener Erfahrung, wie schnell hier gutes Gemüse ausverkauft wird.

Der König wird in einem relativ bescheiden aussehenden Jeep direkt zu seinem Platz auf der Zuschauertribüne gefahren. Wie sieht er denn aus? Unscheinbar, das ist das erste Wort, das einem einfällt. Als er zu reden beginnt, wirkt seine Rede auch wenig charismatisch und seine Intonation ehr einschläfernd. Doch sein Volk lauscht und ist auffällig leise. So leise, dass man denken könnte, es hat was mit der Angst zu tun. Demokratie hat bis heute keinen Weg nach Tonga gefunden. Die Regierung von Tonga scheint ihre Augen und Ohren fest zu schließen, wenn sie sich zum Volk begibt. Weder fehlende Konsumgüter noch durch die Straßen frei laufende Schweine scheinen für sie ein Problem darzustellen.

Die einfachen Tongaer haben auch noch mit der Landknappheit zu kämpfen. Das Grundgesetz garantiert zwar jedem männlichen Bürger ab 16 ein Stück landwirtschaftlich nutzbaren Landes und einen Bauplatz für ein Haus dazu. Doch die Inseln haben längst mehr Bevölkerung als sie auf diese Weise ernähren können. Im Gegensatz zu vielen anderen pazifischen Inseln besitzen die Bewohner des Königreichs keine zweite Staatsbürgerschaft, die ihnen eine einfache Auswanderung erlauben würde. In den letzten Jahren kam es auf der Hauptinsel mehrfach zu Unruhen, doch punktförmig auf die Hauptstadt begrenzt, hatten sie keine Auswirkung auf die Politik.

Nach einer halben Stunde wird das Gerede seiner Majestät langweilig. Die Hoffnung auf Gemüse und Ananas haben wir schon eher aufgegeben. Wir kehren zurück an Bord und bereiten uns auf das Ablegen vor. Unser weiterer Weg führt zu der abgelegeneren Inselgruppe von Tonga – nach Ha’apai.

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