SY Outer Rim – A Family's Sailing Adventure

Sailing across the world's oceans with four kids

Ein komplettes Atoll und ein Nationalpark für uns ganz alleine

(12.06.2017 – Tag 1.087 – 21.972 sm)

Es gibt nicht viele Staaten auf der Welt, die es mit den Cook Inseln in Punkto Isolation und Abgeschiedenheit aufnehmen können. Die nördlichste der Inseln – Penrhyn – liegt auf 9 Grad Süd, die südlichste – Mangaia – auf fast 22 Grad. Auch von Ost nach West beträgt die Ausdehnung etwa 13 Grad. Betrachtet man die Fläche dieses Rechtecks, ergibt sich eine nur schwer vorstellbare Dimension – etwa 2 Millionen Quadratkilometer Wasser. Dabei beträgt die Fläche der Inseln darin etwa 230 Quadratkilometer. Alleine die Insel Rügen ist mehr als vier Mal so groß. Von etwa 18 Tausend Mann Bevölkerung leben etwa 14 Tausend auf der Hauptinsel Rarotonga. Die restlichen 4 Tausend sind auf 14 weitere im Pazifik verstreute Inseln und Atolle verteilt.

Im Vergleich zu den Cook Inseln sind selbst die Tuamotus gut erschlossen und dicht besiedelt. Alles, was die Insulaner nicht selber herstellen können, wird mit Versorgungsschiffen von Rarotonga aus geliefert. Im Schnitt kommen die Schiffe alle 2-3 Monate. Fällt ein Schiff aus, kann von einem zum nächsten ein halbes Jahr vergehen. Man kann es aber auch positiv sehen: Es gibt auf diesen Inseln weder Terrorgefahr, Drogen oder Kriminalität. Die Bewohner der Insel Palmerston, die weit über die Grenzen der Cook Inseln hinaus dafür bekannt sind, dass sie alle Nachfahren eines einzigen Engländers und seiner drei polynesischen Frauen sind, wehren sich erfolgreich gegen den Bau eines Flugplatzes.

Wir hätten zwar auch gerne eine der bewohnten Inseln gesehen, aber dieses Mal ist unser Ziel ein unbewohntes Atoll. Das weit abseits von allen Schiffsrouten gelegene Atoll Suwarrow gehört mit Sicherheit zu der Kategorie „ein Mal im Leben“. Würden wir jetzt daran vorbei segeln, bekommen wir wohl kaum eine zweite Chance. Wir genießen die ruhigen Segeltage auf dem Weg dorthin. Nach einer langen Phase mit schwachen Winden ist die See so ruhig wie selten. Es herrscht jedoch genug Wind, um zügig voranzukommen. Am fünften Tag sehen wir in der Ferne die ersten Palmen.

Noch zwei Stunden und wir sind am Pass. Dieser ist zwar breit und ziemlich gerade, doch mit 7-8 Metern Wassertiefe schon ziemlich flach. Während Natalya am Bug steht, um nach eventuellen sich unter Wasser befindlichen Korallenköpfen Ausschau zu halten, bekommt sie eine Krise als sie die ganze Pracht der Korallen im Pass in Farbe sieht. Normalerweise bedeuten farbige Korallen, dass die Tiefe unter drei Metern fällt. Ganz aufgeregt fragt sie Thomas, wie tief das Wasser sei. „10 Meter!“ kommt die beruhigende Antwort.

Wie gefordert melden wir uns vor dem Ankern beim Parkranger über Funk. Doch ganz egal wie oft wir es versuchen, wir bekommen keine Antwort. Also wir um die Südspitze von Anchorage Island herum fahren folgt die zweite Überraschung: Das Ankerfeld ist leer! Wir hatten Berichte von 25-30 Booten in dieser Bucht gelesen. Also haben wir heute freie Auswahl. Auch mal schön. Ganz im Nordwesten von Anchorage Island, eingerahmt von mehreren Korallenbänken, finden wir einen tollen Ankerplatz auf mit Korallenköpfen durchsetztem Sand. Die Korallen scheinen hier richtig prächtig zu gedeihen! Der Anker fällt in 25 Metern Tiefe, und selbst hier können wir jeden Stein am Grund erkennen. Kaum sind wir mit dem Ankern fertig, kommt schon der erste Schwarzspitzenriffhai, um uns Eindringlinge zu inspizieren. Wir schauen fasziniert zu, wie er im kristallklaren Wasser aus der Tiefe aufsteigt, immer farbiger und größer wirkt. Er wird nicht der einzige Hai am Boot bleiben.

Ein wenig irritiert über das jegliche Fehlen anderer Boote packen wir unsere Schiffspapiere und fahren mit dem Schlauchboot an Land. Da wir das Geld fürs Einklarieren vergessen haben, überlegen wir sogar kurz, ob wir nochmal zurück zu Outer Rim fahren sollen. Doch die Hütte des Rangers sieht genauso verlassen aus, wie der Steg. In einem Abstellraum hängt zwar Wäsche an der Leine, aber weit und breit, weder im Wald noch am Strand, sind menschliche Fußabdrücke zu finden. Es dauert bis zum nächsten Morgen bis wir verstehen, dass sich der Ranger nicht für einen kurzen Ausflug zum Fischen oder um die Vögel zu zählen auf eine der Motus begeben hat, sondern in diesem Jahr überhaupt nicht da ist. Wir sind alleine hier, kein Ranger, kein anderer Segler. Für eine Woche dürfen wir in die Rolle von Robinson Crusoe schlüpfen. Wer hätte das gedacht…

Ohne den Ranger gestaltet sich die Orientierung auf der Insel nicht so einfach. Als erstes versuchen wir das berühmte Manta-Riff zu finden, zu dem diese riesigen Rochen angeblich täglich zum Putzen kommen. Obwohl wir genaue GPS-Angaben haben und mehrmals zu unterschiedlichen Tageszeiten dorthin fahren, finden wir kein einziges dieser Tiere dort. Schade, wir hätten so gern in diesem fantastisch klarem Wasser mit ihnen geschnorchelt. Dafür sind Haie in Hülle und Fülle da. Hatten wir gedacht, wir haben in Makemo viele gesehen, gibt es hier unzählbar viele. An der Außenseite des Atolls, direkt hinter den Rangerhütte, tummeln sich im kaum kniehohem Wasser drei Arten von Haien: die uns so gut bekannten Schwarzspitzenriffhaie, aber auch die für uns neuen Weißspitzenriffhaie und graue Riffhaie. Der aus etwa zwei Dutzend Tieren bestehender Pulk scheint untereinander keine Probleme rasistischer Natur zu haben.

Doch uns gelingt es nicht, die Gründe ihres sonderbaren Verhaltens zu erschließen. Zu jedem Hochwasser kommen sie an die gleiche Flachstelle und schwimmen ausdauernd in einem relativ engen Kreis herum. Natalya überlegt es sich lange, ob sie einen Schritt ins Wasser wagt und auf einen Stein klettert, um die Tiere trockenes Fußes aus kürzester Distanz beobachten zu können. Schließlich gewinnt die Neugier, bloß nicht ausrutschen! Die Haie kommen direkt zu dem etwa ein Fuß hoch aus dem Wasser ragenden Stein. Man kann ihnen in die Augen schauen, die Kiemenöffnungen zählen und selbst individuelle Merkmale wie abgeknickte Flossen, Schrammen und Hautverfärbungen deutlich erkennen. Die Grauhaie sind am vorsichtigsten und halten ein wenig mehr Abstand. Oder haben sie einfach mehr Tiefgang? Hat jemand Lust zum Außenriff an der guten Gesellschaft vorbei zu schleichen um zu prüfen, ob es dort mehr davon gibt?

Thomas watet am nächsten Tag hüfthoch am Riff des Passes entlang und begegnet dabei einer Gruppe von Haien, darunter ein Weißspitzenriffhai. Als sich dieser auf weniger als einen halben Meter nähert, ist es auch Thomas zu viel. Schnell wieder zurück auf das Riff. Dort lassen sich dann die Haie beim Wellen-Surfen beobachten. Mit jeder Welle lassen sich die Haie auf das Riff spülen und probieren es so lange, bis sie es auf die Flachstelle dahinter schaffen.

Nach Sonnenuntergang sieht Natalya Licht, das bei der Hütte durch die Palmen schimmert. Gibt es dort doch Menschen, die wir übersehen haben? Es dauert ein wenig, bis wir realisieren, dass das Leuchtem zum aufgehenden Mond gehört. Einen riesigen roten Feuerball, der langsam im Meer versinkt, haben wir schon oft genug gesehen. So einen phantastischen Mondaufgang dagegen noch nicht oft. Noch einige Minuten und die golden leuchtende riesige Mondkugel erscheint direkt über den Gipfeln der Palmen.

Am nächsten Tag studieren wir die Karte der Motus und entscheiden uns für eine Dinghy-Landung auf Gull Island, in der Hoffnung dort einige Vögel zu finden. Mit unserem nicht wirklich zuverlässigem Dinghy fahren wir in einem großen Bogen um den Pass herum. Sollte der Motor absterben, wollen wir genug Puffer haben, um sicher auf die andere Seite des Passes hinüberrudern zu können.

Schon in einer Meile Abstand hört man das ständige Kreischen der Vögel. Das Anlanden gestaltet sich nicht so einfach. Die kleine Insel ist von einem breiten abgestorbenen Riff umgeben. Wir müssen unser Schlauchboot vor Anker lassen und eine etwas längere Strecke durch knietiefes Wasser auf Korallengestein waten. Am Land entdecken wir eine große Fregattvogelkolonie. Eigentlich waren wir der Meinung, dass sie ihre Nester auf hohen Bäumen bauen. Doch hier sitzen sie fast direkt auf dem Boden, auf kleinen Büschen und Bäumchen. Offensichtlich herrscht großer Mangel an Baumaterial. Kaum wird eines der Nester kurz verlassen, kommen schon die Nachbarn und tragen so schnell wie es geht Teile des Nistmaterials weg.

Jedes Vogelpaar hat nur ein Ei. Die Eltern wechseln sich mit dem Brüten ab. Manche Männchen haben noch knallrote Kehlsäcke. Da diese Vögel mit ihrer zwei Meter großen Flügelspannweite so gut wie keine natürlichen Feinde haben, nehmen sie es auch gelassen, dass wir uns ihrer Kolonie nähern. Wir setzten uns so nah hin, dass wir ihnen direkt in die Augen schauen können. Der etwa 15 cm lange Schnabel mit einem Haken an der Spitze vermittelt klar und deutlich: „Komm mir bloß nicht zu nah!“ Als einige dieser Vögel um uns herum kreisen, bekommen wir das Gefühl, Hitchcock hat für seinen berühmten Film die falsche Vogelart genommen. Mit räuberischen und akrobatischen Fregattvögeln anstelle der Möwen wäre der Film sicherlich noch eindrucksvoller.

Während die Fregattvögel in ihren Nestern ganz nah an einander gedrängt sind, brütet ein einziger Maskentölpel in einigem Abstand davon. Als Thomas die Kamera auspackt, steht der Vogel extra auf, um seine zwei Eier zu zeigen. Diese Tölpel haben eine der grausamsten Nachwuchspolitik im ganzen Tierreich. Zwei Eier werden mit einigen Tagen Abstand gelegt. Jedoch dient das jüngere Küken ausschließlich als Reserve. Solane das ältere und somit stärkere Geschwisterkind wohlauf ist, wird das jüngere nicht versorgt und einem grausamen Tod durch Verhungern ausgeliefert.

An wenigen niedrigen knorrigen Bäumen ruhen sich junge Rotfußtölpelküken aus. Wie alle Tölpel sind sie nicht schreckhaft und lassen sich aus weniger als einem Meter Abstand beobachten. Die Rußseeschwalben sind dagegen ganz hysterisch. Als wir uns ihrer Kolonie nähern fliegen gleichzeitig ein paar Tausend Vögeln laut kreischend auf, schwirren aufgeregt in der Luft und finden keine Ruhe. Es sind so viele, dass sie wie eine dunkle schwarze Wolke wirken. Sie sind noch nicht beim Brüten, wahrscheinlich erst in der Vorbereitung.

Es ist erstaunlich, wie viel Leben so ein kleines Atoll beherbergen kann. Als wir durch das flache Korallengestein waten, entdecken wir ein Schlangentier, dass doch nicht unserer Vorstellung von einer Seeschlange entspricht, und Landschlangen gibt es auf den pazifischen Atollen nicht. Beim näheren Betrachten des grauen, etwa 50 cm langen Tieres sehen wir den Kopf und die Zähne einer Muräne. Wahrscheinlich handelt es sich auch um ein Jungtier. Wer weiß schon, wie sich die jungen Muränen verhalten. Ein ausgewachsenes Tier würde man nicht unbedingt im flachen Wasser bei hellem Sonnenschein beobachten dürfen.

Auch von der One Tree Island tönt lautes Vogelgekreische bis zu unseren Ankerplatz, und das wollen wir genauer untersuchen. Wir fahren drei Meilen mit unserem Dinghy in die Richtung und entdecken dort einige Rotfußtölpelküken, die schon flügge sind. Auch finden wir eine junge Feenseeschwalbe in den Ästen versteckt. Auch andere uns unbekannte Arten brüten dort, im Gegensatz zu Gull Island in den niedriegen Baumkronen versteckt.

Bevor wir zurück fahren, wollen wir noch an einigen Korallenköpfen schnorcheln. Die Schnorchelstelle ist fantastisch: sie liegt ganz nah um Ufer, hat keinerlei Strömung, dafür eine große Artenvielfalt und jede Menge Fische, unter anderem auch richtig große. Die Sicht ist so toll, wie man es sich nur wünschen kann: keine Schwebstoffe, kein Sand, keine Algen. Als wir uns der Riffkante nähern, können wir einen Blick in einen tiefen Abgrund werfen. Selbst in 50 Metern Tiefe sieht man einzelne Steine am Grund.

Nach einem tollen Schnorchelerlebnis gestaltet sich die Rückfahrt zu Outer Rim als problematisch. Egal wie lange Thomas an der Starterleine ziegt und am Vergaser schraubt, der Motor macht nicht mit. So müssen wir die 3 Meilen rudern. Zum Glück herrscht heute fast vollkommene Windstille, so dass wir nicht gegen Wind und Welle kämpfen müssen. Dafür ist die Hitze unerträglich. Unser Schlauchboot hat schon länger keine Bank mehr. Daher muss Thomas im Stehen rudern. Als dann auch noch eine Ruderdolle ausreißt geht selbst das nicht mehr. Dann bleibt uns nichts anderes übrig als auf polynesische Art mit losen Padden zu zweit durch das Wasser zu rudern. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit. Arvid versteckt sich vor der tropischen Mittagssonne unter einer kleinen Abdeckung. Die anderen Kinder halten die großen Floßen ihrer Eltern über dem Kopf. Das Wasser ist so ruhig, dass wir auf der Strecke alle Korallenköpfe ausführlich bewundern können.

Wir hätten noch viel länger auf Suwarrow bleiben können: im flachen Wasser die Schildkröten beobachten, am Rande des Waldes am Abend den Kokoskrabben auflauern, oder einfach in einer der schattigen Hängematten unter den Palmen ein Buch lesen. Doch unser nächstes Ziel ist Niue. In den nächsten Tagen sind keine Westwinde vorhergesagt. Wer weiß, wie lange noch. Jeder Tag, den wir hier verbringen, verkürzt möglicherweise unseren Aufenthalt auf Niue. Da man dort auf dem offenen Ozean im Passatwind-Lee der Insel an einer Mooring liegt, sollte man bei Westwinden dort nicht bleiben… und wenn man nicht gegen Westwinde nach Tonga kreuzen will, soll man die zwei Tage für diese Passage noch dazu rechnen. Wir verlassen das Atoll ohne eine einzige menschliche Seele gesehen zu haben, aber um viele Eindrücke reicher.

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