SY Outer Rim – A Family's Sailing Adventure

Sailing across the world's oceans with four kids

Großstadterlebnis auf Tahiti

(28.04.2017 – Tag 1.042)

Für viele Europäer ist Tahiti der Inbegriff von Südsee, idyllisch und fast genauso weit entfernt wie das biblische Paradies. Um von Deutschland nach Tahiti zu gelangen, braucht man mindestens zwei Langstreckenflüge. Reiseberichte der ersten hier ankommenden Segler haben wesentlich zur Idealisierung Tahitis beigetragen. Da schrieben Männern, die eine lange und beschwerliche Reise von Europa im Bauch eines Schiffes hinter sich gebracht hatten. Diese Reisen führten um Kap Horn, entlang der stürmischen chilenischen Küste und durch die unermessliche Weite des Pazifiks. Man blieb bei segnender Hitze Tage, wenn nicht gar Wochen in einer Flaute gefangen. Man geriet in Stürme mit Wellen hoch wie die Häuser. Man litt an Seekrankheit, aß alten Schiffszwieback mit gepökeltem Fleisch und hoffte, dass die Vorräte reichen.

Nach all den Strapazen hatte man endlich eine satt grüne Insel vor sich, mit exotischen Pflanzen, die jedes freie Fleckchen Erde in drei Schichten überwuchern, und nicht weniger exotischen Frauen, die das Konzept der Keuschheit noch nicht kennen gelernt hatten. Das entspricht doch ungefähr dem Bild von Eva im Garten Eden. Besser noch, an Land gibt es hier weder Schlangen noch anderes für Menschen gefährliches Getier. Die ersten Besucher wurden mit der sagenhaften polynesischen Gastfreundschaft empfangen, blieben nur für kurze Zeit und nahmen den Mythos Tahiti mit nach Hause. Für die grausamen Rituale mit Menschenopfern oder rivalisierende Kämpfe zwischen den einzelnen Stämmen gab es in den Mythen keinen Platz.

Paul Gaugin fühlte sich von diesem irdischen Garten Eden so angezogen, dass er die öde alte Welt hinter sich gelassen hat, um ein glückliches, sorgenfreies Leben auf Tahiti zu führen. Es dauerte nicht lange, bis der berühmte Maler von der Realität eingeholt wurde. Junge Mädchen, die mit einem das Bett teilten, gab es immer noch genug. Doch die einheimische Bevölkerung hauste in primitiven Hütten, ihre Kultur und Tradition wurden von den christlichen Missionären unterdrückt und verboten. Die weiße Oberschicht scheute keine Kosten und ihr Lebensstil unterschied sich kaum von dem des Abendlandes.

Das mit den Kosten stimmt heute immer noch. Es ist erstaunlich, was an Waren hierher eingeflogen wird. Da viele Polynesier Selbsversorger sind und kaum Einkommen haben, überlegte sich die Regierung ein schlaues System. Statt Einkommensteuer zahlt man hier Konsumsteuer beim Kaufen der Waren. So kommen zu den beträchtlichen Transportkosten erhebliche Steuern dazu. Am Ende sind Kleidung, Haushaltstechnik und andere Konsumgüter oft drei bis vier Mal so teuer wie in Europa. Das treibt selbst die Preise für lokale Produkte in exorbitante Höhen. Ein Kilo Zuchchini aus lokaler Produktion kostet im Supermarkt etwa 10 Euro, ein Liter frischer Milch 3-4 Euro. Damit es keine Aufstände gibt sind Preise für einige Grundnahrungsmitteln stattlich festgelegt. Für einen Euro pro Liter kann man H-Milch wahlweise entweder aus Frankreich oder aus Neuseeland kaufen.

An der Promenade von Papete erinnert wenig an Südsee. Der zwischen der Stadtmarina und der viel befahrenen Straße liegende Park mit schönen Spielplätzen hätte auch in Europa stehen können. Zum ersten Mal seit Jahren werden wir mit dem Regelzwang konfrontiert: der Spielplatz darf nicht mit Schuhen betreten werden; Kinder, die älter als 12 Jahre sind, dürfen innerhalb des Spielplatzes nicht mal auf einer Bank sitzen. Das wird auch fleißig kontrolliert. Die im Park spielenden Kinder sind fast alle hellhäutig und blond.

Es gibt auch schöne Seiten der französischen Exclave. Unsere Kinder entdecken für sich eine französische Konditorei und geben ihr Taschengeld gerne für Schockoladen-Eclair aus. Die Einheimischen – egal ob französich oder polynesisch – sind ausnahmslos freundlich und hilfsbereit. Der Aufenthaltsraum der Marina ist klimatisiert. Man kann beliebig lange unter der Dusche stehen, ohne an den dröhnenden Wassermacher denken zu müssen. Endlich gibt es wieder einige Ersatzteile für das Boot, einigermaßen zuverlässige Internetverbindung und große, gut bestückte Supermärkte.

Da Restaurants – wie alles andere – hoffnungslos überteuert und für den Alltag unbrauchbar sind, haben sich die Einheimische etwas einfallen lassen. Jeden Abend ab Einbruch der Dunkelheit werden neben der Anlegestelle für Kreuzfahrtschiffe kleine „Esswagen“ geparkt, daneben Plastikmöbeln aufgebaut. Vor jedem Wagen brutzelt ein Grill, auf dem frischer lokaler Fisch und Steaks gegrillt werden. Dazu gibt es Pommes oder Reis. Wer damit nicht zufrieden ist, darf nebenan chinesisch oder eine Pizza essen. Das ist zwar keine feine französische Küche, aber wir sind recht zufrieden.

Unsere Marina liegt mitten im Stadtzentrum von Papette und mit direktem Blick in das Hafenbecken und die im Westen liegende Insel Moorea, die häufig in der untergehenden Sonne leuchtet. Immer wieder beobachten wir große Luxus-Yachten, die unweit der Marina an- und ablegen. Darunter die RISING SUN, mit 138 m Länge nicht mehr ganz in den Top-10 der größten Motoryachten, oder die ARCTIC, ein ehemaliger Bergungsschlepper, der zu einer Luxusyacht mit Antarktis-Potenzial ungebaut wurde. Aber am meisten begeistern uns die 66m Sloop ANATTA oder die nicht nicht wesentlich kleinere Ketsch HETAIROS. Leider sehen wir keine dieser Yachten unter Segel.

Noch vor dem offiziellen Ende des Hurrikansaison läuft das erste Kreuzfahrtschiff in den Hafen von Papete ein. Das riesiges Ungetüm parkt fast direkt neben uns. Arvid zeigt auf die Reihen von Kabinenfenster und fragt: „Warum gibt es dort so viele Gefängnisse?“ An diesem Tag ist Papette von dicken, fast bewegungsunfähigen geschmacklos in Hawaii-Hemden gekleideten Menschen regelrecht überschwemmt. Extra für sie bauen die Einheimischen kleine Verkaufstände mit traditionellen Blumenkränzen auf, die direkt am Stand geflochten werden. Auch Perlenläden lauern überall auf Touristen und versprechen einem Beratung auf Englisch und makellose Qualität.

Touristenkitsch bekommt man überall. Brauch man dagegen etwas Alltägliches, läuft man sich die Füße platt, bevor man etwas annähend passendes findet. Während sich die Kinder am Vormittag an Bord mit Schule beschäftigen, radelt Thomas stundenlang durch Papeete auf der Suche nach Ersatzteilen, Holz oder Trekking-Sandalen. Er fragt sich durch und wird von einem Laden zum nächsten geschickt. Glücklicher Weise gibt es hier fast alles irgendwo, man muss nur Zeit und Geduld mitbringen und kompromissbereit sein.

In der Hoffnung mehr von der Insel zu sehen mieten wir uns für einen Tag ein Auto. Auch hier herrscht Regelwahn. Bei der Autoübergabe bekommen wir eine detaillierte Liste mit Straßen, die wir auf keinen Fall befahren dürfen. Sonst drohen hohe Strafen, es wird angeblich mit GPS kontrolliert. Wir folgen der Hauptstraße, die rund um die Insel führt und steigen ein paar Mal aus, um einen Ausblick auf die türkisfarbene Lagune von oben zu erhaschen. Das Inselinnere ist saftig grün und mit dichten, einladenden Bergregenwäldern bedeckt. Doch gerade die einzige ungeteerte Straße, die quer durch die Insel führt, dürfen wir nicht befahren. Trotz der Menge an Touristen, gibt es keine brauchbare Wanderwege durch die Natur. Wenn nicht Wald, dann vielleicht Strand? Doch selbst der berühmteste Strand ist ein kurzer, dünner Streifen Sand direkt an einer viel befahrenen Hauptstraße.

Beim Abschied von Tahiti sind wir aber weder enttäuscht noch ernüchtert. Wir hatten wenig erwartet und das wurde erfüllt. Hierher kommt man nicht, um Südseeidylle zu finden, das wussten wir vorher. Sicher kann man hier auch ruhige und hübsche Ecken finden, aber die können wir anderswo ohne zu suchen entdecken. So waren wir nach zwei Wochen auch froh, den Besorgungs- und Reparaturstress und die Hektik der Großstadt Papeete hinter uns zu lassen … mit wieder funktionierendem Wassermacher.

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