SY Outer Rim – A Family's Sailing Adventure

Sailing across the world's oceans with four kids

Südwärts zu den Gefährlichen Inseln

(27.03.2017 – Tag 1.010 – 20.086 sm)

Enorm groß ist der Pazifik, insbesondere im Vergleich zu den darin liegenden, beinahe winzigen und weit verstreuten Inseln – und trotzdem gibt es eine fast einheitliche polynesische Kultur? Das Volk, das keine Schriftzeichen hatte, kannte auch keine Seekarten. Oft wird die Kunst der Navigation so einfach dargestellt: man folge dem Wind und achte auf Vögel, dann findet sich schon Land, oder wenigstens eine kleine Insel. Bereits bei der Überquerung des östlichen Pazifiks haben wir selbst erlebt, dass Vögel noch Tausend Meilen entfernt vom Land zu finden sind. Denen kann man ja lange nachjagen.

Wie merkt man sich dann aber den Weg von Insel zu Insel, ohne Kompass, ohne Sextant? Die Kunst der Navigation wurde innerhalb der Familien von einer Generation zur nächsten weiter gegeben. Dabei handelt es sich nicht um konkretes, wissenschaftliches Material sondern um Lieder und Gesänge, die man erst richtig interpretieren musste. Die Polynesier vermochten die See wie ein offenes Buch zu lesen. Die Bewohner Marquesas kauften in Rarotonga – 2.500 Kilometer entfernt – leuchtend rote Papageienfedern für ihren Häuptlingsschmuck ein. Mit gut gefülltem Segel und Rückenwind kommt man von den Marquesas auch einigermaßen leicht nach Rarotonga. Aber wie haben sie bloß den Rückweg mit Schiffen geschafft, die nicht am Wind segeln konnten?

Eine Familie hat uns vor kurzem erzählt, ihre Überfahrt von West nach Ost, von Taiti zu den Marquesas war mit Abstand die schlimmste ihres Lebens. Dabei haben sie die ganze Strecke gegen Wind und Welle und meist unter Motor fahren müssen. Die Polynesier schafften es offensichtlich ohne Motor und mit Liedergut als Weganweisung statt Karten und GPS. Ohne Kompass merkten sie sich die Wege anhand der Sternenbilder, wussten die Wolkenformationen und die Schwellrichtungen zu interpretieren. Auch der Zeitpunkt des Ablegens ist nicht unerheblich. Nicht einmal die modernen, robusten Metallboote wollen in der Zyklonsaison nach Rarotonga unterwegs sein, der Hafen dort sogar in bestimmten Monaten gesperrt.

Auf dem Weg nach Westen liegt das Touamotu-Archipel im Weg, das auch heute noch den Namen „Dangerous Islands“ (gefährliche Inseln) nicht zu unrecht trägt. Die kleinen Atolle sind auf 1.600 Kilometern wie verschüttete Perlen über die unendliche Weite des Ozeans verteilt. Weil sich die Inseln nur ein paar Meter aus dem Meer erheben, erkennt man sie selbst auf einem Radarbild nur anhand der Palmen erst bei weniger als 10 Meilen Abstand. Vor der Ära des GPS zogen die Segler es vor in einem weiten Bogen von Marquesas direkt zu den Gesellschaftinseln zu segeln. Wie sich die frühen Polynesier hier durchgeschlängelt haben, ist ein Rätsel.

Heute sind die elektronischen Karten so genau, dass man sich auf sie einigermaßen verlassen kann. Mit ihrer Hilfe kann man sich sicher sein, in der Nacht nicht ein Atoll zu rammen. So wollen wir uns auch dorthin wagen. An einem düsteren Nachmittag, kurz nachdem ein Gewitter durchgezogen ist, inmitten der immer noch stürmischen Windböen aus unterschiedlichen Richtungen gehen wir in der Bucht von Taipivai Anker auf, setzen Segeln und fahren los … und der Spaß beginnt.

Kaum sind wir aus der Bucht heraus dreht der Wind auf Süd und schläft bald ganz ein. Also Motor an, glücklicherweise nur für 10 Meilen. Dann ist der Wind zurück, allerdings weiterhin aus Süd, so dass wir hart am Wind segeln müssen. Böig ist es außerdem verbunden mit kleinen Winddrehungen. Wo ist nur der vorhergesagte Ostwind? So müssen wir für den ersten Tag einen westlicheren Kurs halten als geplant.

Am Abend des ersten Tages segeln wir westlich an Ua Pou mit seinen schroffen Felsspitzen vorbei. Im bunten Licht des scheidenden Tages sehen die Gipfel besonders geheimnisvoll aus. Auch wenn langsam ein paar Sterne zu sehen sind, leuchten in der Nacht rings um uns herum Wetterleuchten und Blitze. Immer wieder reffen wir ein und dann wieder aus, um auf die Böen zu reagieren. Unser Logbuch wird voller und voller.

Doch am zweiten Tag bessert sich die Lage, die Sonne kommt raus und wir genießen zwei ruhige Segeltage mit blauem Himmel, so gut wie keinen Regenböen und ruhiger See. Am dritten Tag frischt der Wind auf mehr als 20 Knoten auf. Eigentlich hatten wir geplant, als erstes Atoll Raroia anzulaufen. Aber selbst mit dem guten Wind werden wir es heute nicht schaffen, vor Einbruch der Dunkelheit dort anzukommen. Also müssten wir etwa 12-14 Stunden vor dem Pass warten, bevor wir die innere Lagune erreichen und ankern können. Das heißt eine zusätzliche Nacht auf See. Daher ändern wir unsere Pläne und entscheiden uns für Makemo. Dorthin ist der Weg weiter und so können wir die zusätzliche Nacht wenigstens nutzen.

Dazu muss man wissen, dass man in die Atolle der Tuamatos nicht zu jeder Zeit anlaufen kann. Jedes Atoll sieht beinahe wie ein angeknabberter Donut aus. Ein fast geschlossener Ring, gebildet aus Korallen, umgibt eine große Lagune im Inneren des Atolls. Vom Ring erheben sich ab und zu Palmen-bewachsene flache Sandinseln. Die Einfahrt ist nur über wenige, meist recht enge Pässe möglich. Die offene Wasserfläche im Inneren des Atolls ist mehr oder weniger schiffbar.

Viele Stellen des Korallenrings sind so flach, dass der mächtige Pazifikschwell leicht darüber kommt und dauernd Wasser in die Lagune hineindrückt. Je stärker der Wind desto mehr Wasser gelangt in die Lagune. Die große Menge an Wasser beeinflusst auch die Strömung in den Pässen. Da die Strömung dort nicht selten 7-8 Knoten erreicht und das ausströmende Wasser auf den Schwell des offenen Ozeans trifft und/oder eine Wind-gegen-Strömungs-Welle entstehen kann, möchte man so eine Enge nur bei Stillwaser und noch viel mehr bei Tageslicht passieren. Doch wie errechnet man diesen Zeitpunkt? So einfach wie in jedem anderen Tidengewässer ist das nicht. Mehrere Quellen, die wir haben, sagen unterschiedliche Zeiten voraus. Wir haben sogar ein Excel-Script mit dem die Faktoren wie Wind, Windrichtung, Schwellhöhe, Dauer der Windwirkung etc. berücksichtigen kann. Aber selbst dieses Script heißt nur „Guestimator“, also „Schätzer“ und gibt nur einen groben Anhaltspunkt für den Zeitpunkt des Stillwassers.

Da der Wind nicht nachlässt und wir nicht die genaue Zeit für das Stillwasser im Ost-Pass von Makemo kennen, macht Natalya sich Sorgen um den Zustand des Passes. Es gibt nur einen Weg es zu überprüfen: bei direkter Sicht. Wir nähern uns vorsichtig dem Pass. Wir können deutlich das ablaufende Wasser erkennen. So gut wir sehen können sind es keine brechenden, stehenden Wellen. Natalya verbarrikadiert trotzdem das Boot und schließt selbst den Niedergang. Manche Segler beschrieben ihre Erfahrungen, wie sie in einer stehende Welle rückwärts abgerutscht sind. Zur Sicherheit picken wir uns auch am Steuerstand ein.

Als wir in den Pass kommen, hat man das Gefühl, durch einen überdimensionierten Kochtopf zu fahren. Die Bilder geben nicht annährend den Zusand des Wassers wieder. An manchen Stellen kämpft Thomas gegen 6 Knoten Gegenstrom. Wirbel mit unterschiedlichen Richtungen versuchen permanent die Outer Rim zu drehen. An einer Stelle ist der Strom sogar quersetzend. Paso O`Ryan in Feuerland erscheint dagegen als Übung für Anfänger. Der Spuk dauert einige Minuten, dann sind wir in der Lagune angekommen.

Doch wer glaubt, man ist dann sicher, der irrt sich. Das innere der Lagune ist voll mit ausgedehnten Korallenriffen und einzelnen Korallenköpfen, die sich auch knapp unter der Wasseroberfläche befinden können und schwer zu sehen sind. Während Thomas das Schiff steuert, hält Natalya vom Bug Ausschau. Der Weg zum Ankerplatz vor dem einzigen Ort des Makemo-Atolls ist nicht weit. Wir versuchen einen ausreichend großen Fleck Sand zu finden. Doch die kleinen Korallenköpfe am Grund hat hier jemand so verteilt, dass kein Boot ankern kann, ohne dass die Kette sich in ihnen verfangen kann. Nach drei Tagen Fahrt sind wir ziemlich müde und werfen trotzdem unseren Anker auf gut Glück in tiefes Wasser. Um die verhakende Kette machen wir uns ein andermal Gedanken. Wenigstens sind wir uns sicher, dass die Outer Rim dabei keine Korallen berührt. Dann darf sich der Skipper nach drei schlaflosen Nächten eine Ruhepause gönnen.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 27. März 2017 von in Uncategorized.
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