SY Outer Rim – A Family's Sailing Adventure

Sailing across the world's oceans with four kids

Abschied vom südamerikanischen Festland

(29.11.2016 – Tag 892)

Unsere Kinder sorgen fleißig für den Erhalt deutscher Traditionen. Kurz vor dem Sankt-Martins-Tag startet Franka eine Laternenbastelaktion. Arvid bekommt von seiner lieben Schwester eine feurige Raketenlaterne. Talora fertigt unter Frankas Anleitung eine Eule. Vsevolod bastelt eine Laterne, die das Sonnensystem darstellt. Arvid ist Feuer und Flamme im Dunkeln seine Laterne leuchten zu sehen. Nach Einbruch der Dunkelheit ziehen unsere Kinder mit ihren Laternen in der Hand und laut Lieder singend durch die Straßen. Die Einheimischen gucken uns neugierig an und freuen sich über die aktiven Kinder.

Die Bürokratie nervt. Mitte November wissen wir immer noch nichts von unserem Autographo, der Erlaubnis die Galapagos Inseln anzulaufen. Unser Agent antwortet nicht auf unsere Nachfragen. Wenn das so weiter geht, verbringen wir Weihnachten noch am Festland.

Ende November feiern Franka und Vsevolod ihren zehnten Geburtstag. Sie wollen ihren Schokoladenkuchen selber backen und wünschen sich zur Feier des Tages einen ausführlichen Strandbesuch. Nach dem großen Erdbeben im April sind alle Touristen aus der Stadt verschwunden. Wir haben den riesigen Sandstrand für uns alleine. Vsevolod reitet unermüdlich die Wellen auf seinem Bodyboard und lässt sich manchmal und widerwillig überreden, einem seiner Geschwister das Brett zu leihen.

Dank unseres kleinen Abenteurers können wir sogar noch das ecuadorianische Gesundheitssystem testen. Arvid spielt gerade wieder ausgelassen in unserer Kabine. Natalya, die gleich nebenan in der Küche arbeitet, hört „Auf die Plätze, fertig, los!“, dann einen Schlag und riesiges Geschrei. Unser Junge liegt mit stark blutendem Kopf am Boden. Schnell versorgt Thomas die Platzwunde mit einem Pressverband und fährt Mama und Kind mit dem Dinghy an Land. Mit dem Pickup des Marinamanagers geht es ins nahe gelegene Krankenhaus, wo die Wunde schnell und gut genäht wird. Arvid bekommt einen großen Verband auf den Kopf und sieht deutlich mitgenommen aus. Aber das wohl ehr wegen der Erkenntnis, dass man sich auch ernsthaft weh tun kann. Die Wunde verheilt gut und Arvid ist schnell wieder aktiv. Die Behandlung im Krankenhaus ist übrigens kostenlos, wie alle Leistungen des Gesundheitssystems in Ecuador. Es lebe der Sozialismus!

Während des Wartens auf das Autographo beschäftigen wir uns mit der Verproviantierung für die nächsten Monaten. Die Lebensmittelpreise auf den vor uns liegenden Südseeinseln sind um ein Vielfaches höher als auf dem Festland. Wir laufen jeden Tag zum Supermarkt und packen so viel wie wir tragen können ein. An einem Aktionstag kaufen wir fast 200 Dosen Bier mit einem Rabatt von fast 50%. Der Filialleiter spricht uns in der Schlange vor der Kasse an auf unseren einseitigen Einkauf ein und sagt, dass maximal 16 Dosen Bier pro Familie erlaubt sind. Wir lächeln zurück und machen keine Anstalten das Bier wieder zurück zu bringen. Woraufhin er uns freundlich versichert, dass diese Nummer an der Kasse nicht durchgehen wird. Doch wie schon so oft in Südamerika, wissen seine Angestellten an der Kasse nichts von der Regelung oder beachten sie vorsätzlich nicht. Keiner hat was dagegen und wir bekommen unser Bier konkurrenzlos billig.

Als wir nach dem Biereinkauf in die Marina zurückkehren, kommt uns der aufgeregte Marinamanager entgegen: „Erdbeben! Erdbeben! Habt ihr das gespürt? Ein starkes, aber ein kurzes!“ Nein, haben wir nicht. Wir waren mit unserem Einkauf viel zu sehr beschäftigt. Und da im Supermarkt keine Panik ausgebrochen ist, waren wir wohl nicht die einzigen, die die Vibrationen nicht wahrgenommen haben.

Da die Lebensmittel in den Tropen oft von Mehlwürmer und Rüsselkäfern befallen sind, frieren wir die ganzen Getreideprodukte präventiv ein. Erst nach mindestens 24 Stunden in der Gefriertruhe werden sie in der Bilge verstaut. Damit ist die Kapazität dessen was man an einem Tag einkaufen kann schon begrenzt. Doch auch das Angebot im Supermarkt ist limitiert. Regelmäßig kaufen wir die Regale leer, und so bleiben sie auch mehrere Tage stehen. Die Waren links und rechts davon werden gleichmäßig in die Lücke verteilt, um den Mangel zu kaschieren. Nur wir wissen, dass hier unser gewünschtes Produkt fehlt – Nudeln, Mehl, Marmelade, Schokocreme etc. Im großen Supermarkt scheint keiner einen Überblick über den Bestand zu haben. Zu unserem Entsetzen beschäftigen sich Mitarbeiter lieber ausdauernd und fleißig mit der Aufgabe, Chipstüten flach zu klopfen, damit möglichst viele davon ins Regal passen.

Die Kinder nutzen die ruhige Zeit für den Schulunterricht. Thomas kümmert sich um die Vorbereitung des Schiffes für den Pazifik. Wir entscheiden uns auch, unsere Ankerkette neu galvanisieren zu lassen. Vor Anker liegend ist das aber gar nicht so einfach. An eine Mooring wollen wir nicht, da dazu unser Vertrauen fehlt. Also holen wir den Anker hoch, schäkeln die Kette ab, schäkeln an den Anker unsere zweite Kette und die Ankerleine und lassen das ganze wieder ins Wasser. Bei Seitenwind und Strömung im Fluss kein leichtes Manöver. Und da wir den Anker zu schnell ins Wasser fallen lassen, gräbt er sich auch nicht gut ein. Also wieder hoch und langsam neu setzen. Die Kette geht anschließend auf eine 250 km lange Reise bis nach Guayaquil von wo sie nach einer Woche tatsächlich einwandfrei galvanisiert wieder zurück kommt. Mit der Erfahrung des ersten Ankermanövers geht dieses Mal das Wechseln von Leine auf Kette deutlich schneller.

Generell ist Thomas ziemlich ungeduldig und hat die Nase voll vom Leben in Marina und Stadt. Sollte die Ausstellung des Autographos noch länger dauern könnten wir noch ein paar Wochen nach Kolumbien reisen. Natalya studiert den Reise-Know-How für dieses schöne Land und schreibt eine Liste der Sehenswürdigkeiten zusammen, die für uns interessant sein könnten. Eines Abends legt sie die Liste zur Bewilligung dem Kapitän vor. Am nächsten Morgen trifft jedoch wider Erwartens die Nachricht ein: „Unser Autographo ist da!“ Wir können ablegen. Das war es wohl mit Kolumbien. In der Befahrenserlaubnis stehen feste Daten zwischen denen wir uns auf den Galapagos-Inseln aufhalten dürfen. Also müssen wir bald ablegen, um den Zeitraum maximal nutzen zu können.

Am Tag des Ablegens lassen wir unser Unterwasserschiff von einem Taucher reinigen. Wer auf den Galapagos mit auch nur einer Seepocke am Rumpf ankommt, wird zurückgeschickt und soll sein Schiff außerhalb der Parkgewässers (40 Meilen raus) reinigen. Wir kaufen einen Vorrat an Obst und Gemüse für die Überfahrt. Gegen 3 Uhr Nachmittags verlassen wir die Marina und somit auch das südamerikanische Festland. Ein großer Abschnitt unserer Reise geht zu Ende. Mehr als 1,5 Jahre haben wir auf diesem wunderbaren Kontinent verbracht.

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