SY Outer Rim – A Family's Sailing Adventure

Sailing across the world's oceans with four kids

Wanderungen am Quilotoa-Krater – Auf dem Quilotoa-Loop Teil 2

(05.11.2016 – Tag 868)

Nur gut, dass wir nicht geahnt hatten was bei Quilotoa heute los ist. Sonst wären wir womöglich lieber noch eine Nacht im ruhigen und gemütlichen Isinlivi geblieben. Quilotoa ist so touristisch wie es nur möglich ist. Die ehemals kleine Indio-Siedlung mit einem Dutzend Familien wurde komplett auf Tourismus getrimmt. Man sieht keine Wohnhäuser und Geschäfte des Alltags mehr sondern nur noch Hotels und Restaurants. Hunderte geparkte Autos stehen dazwischen. Um das Dorf überhaupt betreten zu dürfen, muss man 2 Dollar pro Person am Kontrollhäuschen am Eingang des Ortes zahlen. Danach bekommt man einen Parkplatz zugewiesen, der überraschender Weise dann kostenlos ist.

Wegen der Feiertage und Schulferien um Allerheiligen stürmen heute die Ecuadorianer den Ort. Wir machen uns schon Sorgen ob wir überhaupt eine Übernachtungsmöglichkeit finden. Das erste Hostel, das etwas frei hat, verlangt 15 Dollar pro Person für ein dunkles Zimmer mit dem Odor der öffentliche Toilette nebenan. Das zweite ist besser, will aber 25 Dollar pro Person haben. Beim dritten haben wir Glück und finden ein bescheidenes aber sauberes Zimmer. Während Natalya sich das Zimmer anschaut, fragt sie den Wirt nach dem Preis. 100 Dollar sind schon happig, aber was besseres werden wir heute hier wohl nicht finden. Da Natalya sich mit den Zahlen auf Spanisch nicht so sicher fühlt, fragt sie fünf Minuten später bei der Wirtin nochmal nach. Diese ist mit der Hälfte des Preises zufrieden, und wir bekommen für die 50 Dollar sogar noch ein Abendessen dazu. Was für eine tolle Kommunikation im Familiengeschäft.

Der Hauptgrund nach Quilotoa zu kommen ist natürlich nicht die touristische Infrastruktur sondern der direkt am Ort gelegene Vulkankrater und sein türkisgrün leuchtender Kratersee. Bevor wir die gut dreihundert Höhenmeter zu der Lagune hinuntersteigen vergewissern wir uns, dass man unten am See ein Pferd für den Wiederaufstieg mieten kann. Auf fast 4.000 Metern Höhe werden unsere jüngeren Kinder den Aufstieg zu Fuß nicht verkraften.

Auf dem Weg versinken unsere Füße knöcheltief in der weichen, lockeren Vulkanasche. Man hat das Gefühl, sich auf einer Autobahn zu befinden. Der Fluss an Menschen und Lasttieren geht in beide Richtungen ohne Pause. Jeder Fußtritt wirbelt feinsten Staub auf, der überall eindringt. Man spürt ihn in der Nase, schmeckt ihn im Mund, er klebt perfekt an der mit Sonnencreme überzogenen Haut. Irgendwo mitten auf dem Weg fragt man sich, warum man überhaupt runter will. Der Blick von oben ist ohne Zweifel beeindruckender. Doch Wasser hat etwas Anziehendes an sich. Wäre der Krater leer, gäbe es für den Abstieg sicherlich wesentlich weniger Interessenten.

Unten angekommen, setzen wir uns erstmal hin um zu verschnaufen und die Nähe des Wassers zu genießen. Baden sollte man hier nicht. Das Wasser des Kraters enthält ungesunde Mineralien, ist stark alkalisch. Jedoch darf man hier Kajak fahren. Vsevolod würde sich gerne eines mieten, doch die Warteschlange ist so lang, dass man vermutlich mehrere Stunden warten muss, um eines zu ergattern. So wie häufig in Südamerika, darf man dann mit dem Kajak auch nicht frei am See paddeln. Stattdessen hat man einer der drei vorgeschriebenen Routen, je nach Dauer der Fahrt, zu folgen.

Nach einiger Zeit am Wasser machen wir uns an den Aufstieg. Thomas und Vsevolod gehen zu Fuß vor. Die anderen wollen den Aufstieg zu Pferd bewältigen. Doch auch dort steht eine lange Schlange. Während wir eine Viertelstunde dort stehen, kommen zwei Pferde an. So haben wir keine Chance ein Lasttier zu bekommen. Natalya schickt Franka auf einer Abkürzung vor, packt den schlafenden Arvid auf den Arm und steigt zu Fuß auf. Nach den ersten Hundert Metern stellt es sich heraus, dass Talora nicht weiter laufen kann. Es geht nicht um Unlust, die Füße tun so weh, dass sie nicht weiter gehen kann. Natalya geht mit einem schlafendem Kind in einem Arm und einem fast heulenden an der anderen Hand langsam hoch. Als ihnen ein Treiber mit zwei Pferden entgegen kommt bettelt Natalya ihn an, die Kinder mitzunehmen. Bereitwilliger als gedacht dreht er um und setzt Talora und Arvid auf die Pferde. Jetzt ist klar, warum keine Pferde bei der wartenden Menschenschlange ankommen. Alle werden vorher abgefangen ohne dass sie ganz nach unten kommen.

Talora vergisst augenblicklich ihre schmerzenden Füße und ist wunschlos glücklich, auf einem Pferd reiten zu dürfen. Dafür dass Arvid vor dem Aufsteigen aufgeweckt wurde, hält er sich wacker und sitzt souverän alleine im Sattel. Natalya will die Kinder nicht alleine lassen und rennt den Pferden nach. Die Luft fehlt, der Schweiß rennt das verstaubte Gesicht herunter, das Herz klopft bis zum Hals. Nur dem Pferdeführer fehlt nichts. Er ist fit und leicht zu Fuß. Den ganzen Tag pendelt er mit seinen Tieren im Eiltempo hoch und runter. An einem Tag wie heute nimmt er mehr Geld für den Service ein, als ein durchschnittlicher Ecuadorianer in einem Jahr verdient – bei 10 Dollar pro Pferd und Ritt kein Wunder! In der Mitte des Weges entdeckt Natalya Franka, die knallrot und verschwitzt von der Abkürzung wieder auf den Weg kommt. Sie darf sich hinter Arvid aufs Pferd setzen. Froh und munter kommt die ganze Gruppe wieder am Kraterrand an. Auch Thomas und Vsevolod sind schon da.

Wir schauen von oben auf die staubige Serpentine. Da wird sich wohl schon das eine oder andere Drama abgespielt haben. Wir sind seit Wochen im andienen Hochland, schnappen zwar bei extremen physischen Aktivitäten nach Luft, aber fühlen uns sonst fit. Wie man sich fühlt, wenn man aus dem Tiefland für einen Tagesausflug hierher kommt, würden wir nur ungern ausprobieren. Thomas erzählt, dass eine Frau vor ihm beim Aufstieg einfach zusammengebrochen ist und auf dem Weg liegen blieb.

Am Abend warten wir ungeduldig auf das Abendessen, das im Hotelpreis inklusive ist. So wie die Küche aussieht, ist es überhaupt fragwürdig, ob wir das essen wollen. Natalya hat den Wirt so verstanden, dass das Essen um 6 Uhr ist. Als wir deutsch pünktlich um 6 Uhr vor der Küche stehen, heißt es aber erst um 7 Uhr. Arvid ist kurz vor dem Verhungern. So geht Natalya auf die Suche nach etwas Essbarem durch das Dorf. Doch Pommes sind nirgendwo zu finden. Auch ansonsten gibt es nichts, was unser Kleiner essen würde. Nicht mal Brot kann man in den Läden kaufen, sondern nur Souvenirs und Süßigkeiten. Schon in der Dunkelheit findet Natalya eine kleine Garküche, die die letzten Empanadas brät. Sie nimmt alles was da ist mit. Arvid verschlingt sein Stück in Windeseile. Die anderen müssen teilen. Es gab nicht genug für alle.

Während wir weiter warten, kommt der Sohn des Wirtes um den Ofen in unserem Zimmer anzuwerfen. In der Höhe sind die Nächte frostig kalt. Die Kinder schauen mit Interesse, was er zum Anzünden nimmt. Ein Sprachlehrbuch, aber um welche Sprache es sich handelt können wir nicht klar erkennen. Um 7 Uhr probieren wir es in der Küche nochmals. Dieses Mal dürfen wir uns hinsetzen, aber nur um weiter zu warten. Wir sitzen nicht in einem Restaurant, sondern im Esszimmer der Familie. Die Sofaecke der Familie mit laufendem Fehrnseher ist direkt daneben. Alles befinden sich in demselben großen Raum. Hinter einer Wand ist die Küche. Eine junge Frau sitzt mit einem in dicke Wollkleidung eingepackten Säugling auf dem Sofa. Auf dem Esszimmertisch liegt das Buch zum Anzünden – ein bilinguales Spanisch-Queschua Buch für die 7. Klasse.

Endlich ist unser Essen da. Zwar nicht so fein serviert wie gestern in Isinlivi, doch anständig, schmackhaft und vegetarisch. Eine Suppe, Reis mit Gemüse und einer Scheibe Frischkäse, ein heißer Tee. Als wir fertig sind, kann die große Familie selbst mit dem Abendessen anfangen. Ganz unerwartet an so einem kitschigen Touristenort haben wir einen kleinen Einblick in einen ganz authentischen Alltag einer lokalen Familie erhalten können.

Für den nächsten Morgen wird für 6 Uhr früh der Wecker gestellt. Natalya, Franka und Vsevolod wollen mit dem ersten Licht los, um die Lagune am Grat des Kraters zu umrunden. Als sie los gehen, ist die Gegend menschenleer. Keine Spur vom gestrigen Trubel. Außer dem Pfeifen des Windes ist nichts zu hören. Die Lagune leuchtet grün in den ersten Strahlen der Morgensonne. Am Horizont ist die verschneite Spitze des Vulkans Iliniza Sur zu sehen.

Fast der ganze Weg führt direkt am Rand des Kraters, mit freiem Blick auf die Lagune auf der einen und auf das nächste Tal und hoch aufragende Berge auf der anderen Seite. Doch der Weg ist keinesfalls gerade und flach. Was man durch einen mühsamen Aufstieg an Höhe gewinnt, muss man in den nächsten Minuten wieder abbauen. Der Wind nimmt zu. Für die Pausen verstecken wir uns hinter Büschen oder in kleinen Wäldchen. Die ersten Menschen treffen wir erst nach der Hälfte des Weges. Der Wind wird derart stark, dass Vorankommen Probleme bereitet und uns feinen Sand ins Gesicht schmeißt.

Als der Weg sich im letzten Drittel vom Grat abweicht und hinter den Hügeln versteckt, sind wir froh, Schutz vor dem peitschenden Wind gefunden zu haben. Auf dem letzten Kilometer treffen wir auf Thomas, Arvid und Talora, die uns entgegen laufen. Im Dorf peitscht der Wind den Staub durch die Straßen. Wir sind aber schon vom Kopf bis Fuß verstaubt, schlimmer kann es nicht werden. Die Großen sind stolz über die erbrachte Leistung. Für die 14 Kilometer auf 4.000 Metern Höhe mit einigen hundert Metern Höhenunterschied haben sie nur knappe 4 Stunden gebraucht. Nach so einer Wanderung haben wir auch einen Mordshunger, wollen aber erstmal zum nächsten Dorf auf den Markt, da dieser gegen Mittag schließt.

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