SY Outer Rim – A Family's Sailing Adventure

Sailing across the world's oceans with four kids

Andiner Wochenmarkt in Saquisili

(03.11.2016 – Tag 866)

Die kleine Stadt Latacunga liegt im Schatten eines der höchsten Vulkane der Welt – des Cotopaxi. Die Beziehung der Einheimischen zu dem mächtigen Berg vereint Angst und Dankbarkeit. Seine Ausbrüche haben oft genug die umliegenden Städte und Dörfer zerstört. Doch bringt sein hoher Gipfel in einer sonst recht trockenen Region reichlich Regen, der auf fruchtbare Vulkanböden fällt und den Bauern eine reiche Ernte beschert.

Als wir uns Latacunga nähern, versteckt sich der Cotopaxi hinter einem dunklen Wolkenvorhang. Es dauert nicht lange, da fängt es auch schon an wie aus Kübeln zu regnen. Wir fahren durch eine dichte Wasserwand. Zu dem Regen gesellt sich noch Hagel. Harte Körner prallen vom Auto ab. Passanten verstecken sich unter dem erstbesten Hausvorsprung. Die Straßen verwandelt sich in reißende Flüsse, wir fahren durch 20-30 cm hohes die Straßen hinabschießendes Wasser. Natalya steigt aus, um sich in einem Hotel nach einer Übernachtung zu erkundigen. Zwanzig Metern bis zur Tür – danach ist sie komplett durchnässt. Wie sich herausstellt, völlig umsonst. Das Hotel hat nichts frei. Im nächsten Hotel haben wir mehr Glück. Wir können direkt vor der Haustür anhalten und trockenen Fußes aussteigen. Der Regen hat fast aufgehört. Jedoch stellt sich Natalya beim Ausladen des Autos vor dem Kofferraum und bekommt einen Schwall Wasser vom Dach ab.

Nachdem es aufgehört hat zu regnen warten wir noch eine Viertelstunde ab bis aus den Flüssen wieder Straßen werden. Für so eine kleine Stadt, besitzt Latacunga ziemlich viele große Kirchen. Wir dürfen sie allerdings nur von außen anschauen. In Zeiten außerhalb der Messe bleiben sie geschlossen. Thomas ersteht in einem Bekleidungsgeschäft einen zur lokalen Tracht passenden Hut. Die Kinder entdecken in einem Schaufenster bunte kunstvoll gestaltete Masken. Wir gehen hinein und werden wie so oft gefragt, woher wir kommen. Als die Verkäuferin hört, dass wir Deutsche sind und noch dazu aus München, blüht sie auf und erzählt uns, dass sie dort Freunde hat. Die nette Dame will unseren Kindern eine Freude machen und bietet ihnen Hüte zur Anprobe an. „Sie müssen nicht kaufen, machen doch lieber ein Bild!“ Von ihr erfahren wir, dass diese Woche in Latacunga das größte Fest des Jahres stattfindet: der Umzug der Mama Negra. Ursprünglich fand das Fest zur Ehre der Madonna statt, die Latacunga vor Vulkanausbrüchen schützen solle. Auch wenn der Schutz nicht immer zuverlässig ist und die Stadt schon einige Male durch einen Vulkanausbruch komplett zerstört worden war, glauben die Einheimischen immer noch an die Wirkung der Statue. So wie es in Südamerika oft der Fall ist, wurde die traditionelle katholische Version in ein buntes Muster der indigenen Traditionen und Geschichten eingeflochten. Zu der heiligen Madonna gesellte sich eine schwarze Figur – die Mama Negra. Auch Hexen, die Zuschauer mit Rauch und Schnaps reinigen, gehören zur Tradition.

Am nächsten Morgen müssen wir wieder früh aufstehen, um den Markt des nahe gelegenen Ortes Saquisili zu erleben. Dabei ist die Beschreibung „Markt“ ein wenig irreführend. Der örtliche Markt ist nur ein kleiner Teil der Veranstaltung. Dort konzentrieren sich Obst- und Gemüseverkäufer. Die Waren sehen leuchtend frisch aus. Es gibt hier keine bleichen Tomaten, die nie die Sonne gesehen haben. Die Preise stimmen nachdenklich. Eine Holzkiste mit Paprika oder Tomaten, geschätzt 5 kg kostet 2 Dollar. Was müssen die Bauern für wenig Geld auf ihren Feldern schuften! Zum Vergleich: als wir einem unserer Kinder einen Sonnenhut kaufen, kostet der Hut auf dem gleichen Markt 8 Dollar.

Man geht hier nicht zum Markt, um einfach nur einzukaufen. Neben den Gemüseständen wird in kleinen Garküchen gekocht, gegrillt und gebraten. Obwohl die Zeit des Frühstücks schon längst hätte vorbei sein sollen, und Mittagessen noch lange nicht in Sicht ist, fehlt es den kleinen Geschäften nicht an Gästen. Unsere Kinder bleiben bei einem Grill mit auf Spießen gespannten Meerschweinchen stehen: die lokale Delikatesse wirkt eher erbärmlich als appetitlich. Deutlich sind die Nagezähne zu sehen, die krumm in alle Richtungen abstehen.

Außer dem Marktplatz an sich, gehören zu dem Markt einige Blocks des Wohngebietes, die für die Dauer des Marktes für die Durchfahrt abgeriegelt werden. An den Straßenseiten wird alles angeboten, was man hier zum Leben braucht. Vor dem Getreideverkäufer läuft eine kleine Mühle: frischer geht es nicht. Gegenüber liegen Berge an Schlappen in allen Größen und Farben. An Improvisationstalent fehlt es den Ecuadorianern nicht. An einem Stand werden große aus alten Autoreifen angefertigte Körbe verkauft. Uns fällt ein, dass man so einen Korb nicht erhitzen kann. Doch für diesen Zweck gibt es gleich daneben auch eine Lösung: große Töpfe aus alten Ölfässern. Wer sich keine neue Kleidung leisten kann, sucht in den Bergen des Second-Hands nach annähernd passenden Sachen. Ist die Hose zu lang oder das Hemd zu weit geht man ein paar Schritte zu den Nähern, die mit ihren Nähmaschinen direkt auf der Straße sitzen. Da sie keinen Stromanschluss haben, werden alle Nähmaschinen mit Fußwippen angetrieben.

Zum Schluss schauen wir noch beim Tiermarkt vorbei. Um den Handel mit großen Tieren wie Lamas oder Schaffe zu erleben, muss man sehr früh da sein. Wir sind ziemlich spät dran und können nur bei Hühnern, Kaninchen und Meerschweinchen zuschauen. Die Tiere werden in geschlossenen Mehlsäcken getragen und gehalten. Meldet sich ein Käufer, darf er in den Sack reingucken. Besonders weiße kleine Kaninchen haben es Arvid angetan. Er würde sie gerne alle kaufen. Auch wenn der Verkauf grausam aussieht, haben diese Tiere durch die fehlende Massentierhaltung wahrscheinlich viel bessere Lebensbedingungen als ihre europäischen Verwandten. Wenn wir dem zuschauen was die Einheimischen einkaufen, essen sie relativ wenige tierische Produkte. Die meisten Käufer tragen große Mengen an frischem Obst und Gemüse nach Hause.

Zum Abschluss des Tages stellen wir fest, dass unser Mobiltelefon nicht mehr da ist. Thomas kann sich dunkel erinnern, im Tiermarkt von einem Typen angerempelt worden zu sein. Wahrscheinlich hat der Gauner währenddessen das Telefon aus der Tasche gezogen. Der Verlust ist zwar nicht groß – über das in Brasilien in der Not gekaufte Modell und seine wenigen Funktionen haben wir uns schon lange geärgert. Es ist aber trotzdem nervig und wäre vermeidbar gewesen. Demnächst müssen wir bei solchen Menschenansammlungen besser aufpassen.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 3. November 2016 von in Uncategorized.
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