SY Outer Rim – A Family's Sailing Adventure

Sailing across the world's oceans with four kids

Ein paar Tage bei den Shuar-Indianern im Amazonas-Regenwald – Teil 1

(28.10.2016 – Tag 860)

Man stellt sich einen Dschungelausflug als eine Kombination aus einer langen, zermürbenden Fahrt über schlammige Straßen, einer Menge an Spezialausrüstung von hochprozentigem DEET bis zu Moskito-undurchlässiger Kleidung, und einer guten Portion Abenteuergeist vor. Hört man Amazonas, erwartet man eine grüne Hölle in der hungrige Anakondas und Piranhas nur darauf warten, einen zarten Weißen zu verschlingen. Die Wirklichkeit sieht jedoch weit weniger dramatisch aus.

Nachdem wir in der einzigen Reiseagentur in Macas eine Dschungeltour gebucht haben, bringt uns ein bescheidener weißer Minibus nach einer kurzen Fahrt in das Dorf Nueva Esperanza am Rand des Dschungels. Hier endet die Straße, weiter geht es nur zu Fuß. In der Nacht hat es heftig geblitzt und geregnet, der Himmel ist immer noch mit dunklen tiefen Wolken verhangen. Die Sonne ist nicht in Sicht. Wir steigen aus und machen unter einem Dach eine kleine Pause, um unser einziges Stück der Spezialausrüstung – die kniehohen Gummistiefel – anzuziehen. Währenddessen zerlegt der frische Wind das Dach, hebt die Wellblechplatten ab, und lässt einen der morschen Dachbalken vor unseren Nasen auf den Boden abstürzen. Unser Führer beruhigt alle „tranquillo, tranquillo …“ und versucht das morsche Dach wieder notdürftig zusammenzusetzen. Dabei wirken die großen Wellbllechplatten im Wind wie ein Segel. Die Reise scheint vielversprechend zu werden …

Unser weiterer Weg führt durch den Wald. In den Senken treffen wir auf das erste Raubtier: der Matsch frisst unsere Gummistiefel. Vor allem auf die kleinen Kinderstiefel hat er es abgesehen. Der Wind rauscht in den Wipfeln der hohen Bäume. Plötzlich ertönt keine hundert Meter hinter uns ein kräftiges Krachen. Ein vom Wind entwurzelter Baum kracht quer über den Pfad auf den Boden. Haben sich die Geister gegen die Gringos verschworen? Unserem Führer ist nichts anzumerken, er bleibt bei seinem tranquillo und führt uns unbeirrt weiter. Auf dem Weg erklärt er die Namen und die Verwendung der heimischen Pflanzen. Die Staubblätter eines kleinen unscheinbar wirkenden gelben Blümchens werden mit Erde vermischt als Schmerzmittel für zahnende Babys verwendet. Wir probieren sie mit der Zungenspitze und tatsächlich wird sie leicht betäubt. Andere Kräuter, deren Geschmack stark an Minze und Koriander erinnert, eignen sich eher für die Küche.

Nach etwa einer Stunde kommen wir an unserer Bambushütte an, in der wir die nächsten drei Nächte verbringen werden. Es gibt weder Türen noch Fenstern, sondern eine Decke, die den Eingang verdeckt. Entlang der Wände stehen spartanische Bettgestelle. Der Boden besteht aus gestampfter Erde, und Strom gibt es eh keinen. Nachdem sich alle einquartiert haben, wird ein kleines Frühstück angebotenen. Es gibt eine Schale aus Bananen mit Joghurt. Einige Familienmitglieder stochern in der Schale herum und wollen egal was es komme, keine Bananen zu sich nehmen. Wir haben keinerlei Proviant dabei. Also entweder das Angebotene essen oder hungern.

Unsere Führer gehören zum Stamm der Shuar, den Ureinwohner dieses Teils der Amazonaswälder. Im Gegensatz zu vielen anderen Stämmen, ist es ihnen sehr lange gelungen, die Unabhängigkeit zu behalten. Erst leisteten sie den Expansionsversuchen der mächtigen Inka erfolgreich Widerstand, dann kämpften sie geben die weißen Konquistadoren an. Bis zum Einbruch des 19. Jahrhundert lebten sie vollkommen autark. Erst dann gelang es den weißen Missionaren einige Missionsstationen in ihrem Gebiet zu gründen und die Christianisierung voranzutreiben. Die Bräuche und die Ritten der Indianer zusammen mit ihrem kriegerischen Erfolg verhalfen ihnen zu dem Ruf, berüchtigte Barbaren zu sein. Aus abgeschnittenen Köpfen ihrer im Krieg gefallenen Feinde stellten sie durch eine Art Mumifizierung Schrumpfköpfe her. Obwohl sie selbst behaupteten, sie gehören nicht zu den Trophäen des Krieges, und nicht der Kopf selbst, sondern der Ritus der Übertragung der Macht und der Kraft des verstorbenen auf den Sieger von Bedeutung ist, kam diese Einstellung im Westen nicht an. Die Weißen zahlten für solche grässlichen Souvenirs hohe Preise. Da als Zahlungsmitteln Feuerwaffen gewünscht wurden, nahmen die Gewalt und der barbarische Ruhm der Indianer noch zu.

Viele Familien leben bis heute auf ihre traditionelle Weise als Halbnomaden tief im Dschungel. Es ist nicht mehr so tief, dass sie keinen Kontakt mit der Zivilisation haben, jedoch halten sie sich in vielem ganz bewusst auf Distanz. Obwohl manche Siedlungen durchaus über eine gut befahrbare Straße erreicht werden können, lassen sie keine Touristen ohne Begleitung eines ihnen bekannten Führers in ihr Dorf hinein.

Auf dem Hof mitten im Wald, den wir besuchen dürfen, wohnt eine Familie mit mehreren Kindern. Ein vierjähriger Junge rennt uns freudig entgegen, und untersucht genauestens alle elektronischen und technischen Teile die wir tragen. Auch wenn er nicht viel älter ist als Arvid ist er deutlich stämmiger und kräftiger, hat dichtes pechschwarzes Haar und bronzenfarbene Haut. Das 9-jährige Mädchen trägt ihr Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und blickt uns neugierig aus der Küche an.

Da der Wind sind noch nicht gelegt hat, raten uns die Führer von einer Wanderung im Wald ab. Stattdessen wird uns die traditionelle Art der Gesichtsbemalung vorgeführt. Eine Kapsel des Annatostrauches, der gleich in der Nähe der Siedlung wächst, wird geöffnet, deren Samen mit einem Blattstiel vorsichtig zerdrück und angerührt. Danach kann es gleich los gehen. Gemalt wird mit dem gleichen Blattstiel. Für Männer und Frauen sind unterschiedliche Muster reserviert. Der Saft der Pflanze hinterlässt auf der Haut leuchtend orange Spuren, die nach der Trocknung weder verwischen noch verschmieren. Normalerweise ist diese Farbe nur für besondere Anlässe reserviert und darf im Alltag nicht verwendet werden. Unsere Kinder sind vom Programm begeistert und lassen sich bereitwillig schminken. Nur Arvid kann sich nicht überwinden sich von einem unbekannten großen Mann mit langen schwarzen Haaren bemalen zu lassen, daher bittet er Mama die Aufgabe zu erledigen.

Nachdem alle einen indianischen Touch bekommen haben, wird Blasrohr-Schießen veranstaltet. Die Ausmaße und das Gewicht des Blasrohr sind für uns ein wenig überraschend. Das aus zwei Hälften gefertigte Holzrohr misst etwa 2,50 Meter in der Länge und wiegt so viel, dass Frauen und Kinder es nicht ohne Hilfe in der Schießposition halten können. Als Zielscheibe wird in einer relativ kurzen Entfernung eine Bananenblüte aufgehängt. Die Pfeile sind klein und unscheinbar und erinnern eher an einen Schaschlick-Stäbchen als an eine Tod bringende Waffe. Sollten die Pfeile mehr töten als eine Bananenblüte, werden ihre Spitzen eingekerbt und in ein starkes Gift eingetaucht. Bei einem Treffer bricht der Pfeil an der eingekerbten Stelle ab, die giftige Spitze bleibt dabei im Körper des getroffenes Tieres fest stecken. Vsevolod ist von dem Wettschießen so begeistert, dass er sich selber ein Blasrohr basteln möchte. Na dann ist er lange beschäftigt. Die aufwendige Aushöhlung und das Zusammenfügen der zwei Holzteile dauert im Schnitt etwa einen Monat.

Am Nachmittag herrscht die gewünschte Windstille und wir können endlich in den Wald gehen. Die Kinder lassen sich beruhigen, dass der Wald für die Anakondas und Kaimane zu kalt ist. Unser Führer scheint jeden Baum und jede auch noch so unscheinbare Pflanze hier zu kennen und führt uns eine Menge der Heilpflanzen vor, selbstverständlich alles mit Namen, von denen wir nicht viele behalten können. Hat man eine stark blutende Wunde nach einem ungeschicktem Umgang mit einer Machete, soll man eine bestimmte Moosart zerkauen und sich auf die Wunde kleben. Hat man Hunger, kaut man lila Stiele einer Pflanze, die am Rand des Pfades wächst. Wir probieren gehorsam, schmeckt tatsächlich angenehm säuerlich. Nur bei den Ameisen, die nach Zitrone schmecken sollen, weigern wir uns.

Der Wald ist zwar relativ locker, und manches Licht dringt bis zum Boden ein, jedoch wachsen hier unter anderem auch mächtige Bäume. Aus flachen, fast 1,5 Metern hohen Wurzeln werden Türen und Fenster gefertigt. Natalya versucht herauszufinden, ob man dafür den Baum fällen muss oder nicht, aber unser Spanisch reicht für so eine komplexe Konverstation nicht aus.

Da der Wald ziemlich nah an der Zivilisation liegt, sehen wir keine größeren Tiere. Dafür eine Menge an Spinnen und unterschiedliche Insekten. Manche Spinnen sind so groß wie die Hand eines Kindes. Auf ihrem Rücken tragen sie auffällige Zeichen – Kreuze und Linien in grellen Farben. Die Meldung ist unmissverständlich Vorsicht, ich bin giftig! Eine Spinne hat sogar Stacheln, die giftig sein sollen. Auf den großen herzförmigen Blättern einer Pflanze, die an Kallas erinnert, zeigt uns der Führer ein riesiges bedrohlich wirkendes Insekt. Doch im Gegensatz zu den giftigen Spinnen ist das Tier harmlos und frisst nur Gras.

Natalya fragt den Führer wie es hier mit Schlangen aussieht. So nah am Flussufer bei so einem warmen Klima müsste es doch genug von denen geben. Die Antwort lautet, ja, es gibt sie sehr wohl. Aber für sie gilt das gleiche Prinzip, das jeder schon in Deutschland kennt. Erschrickt man keine Schlange, wird man auch nicht angegriffen. Bei dem Lärm, den unsere Gruppe verursacht, kann man sich sicher sein, dass wir keine sehen.

Nach einer guten Stunde gehen wir wieder aus dem Wald heraus. Es dämmert schon und alle, vor allem die Kinder, haben einen Riesenhunger. Doch das Abendessen lässt auf sich warten. Das Essen wird in der Küche am offenen Feuer gekocht und es dauert ewig, bis die unterschiedlichen Bestandteile auf einer einzigen Feuerstelle gekocht werden. Unsere Kinder lernen zum ersten Mal, dass nicht jeder einen Kochherd mit mindestens zwei Platten hat, so dass das Hauptgericht und die Beilage gleichzeitig fertig werden. Hier hat man das Dilemma, entweder ist der Fisch kalt, oder die Beilage… oder beides, wenn man dazu noch gebratene Bananen servieren möchte. Sie gehören scheinbar zu jedem Gericht dazu. Ihr Geschmack erinnert an süße Kartoffeln, jedoch können unsere Kinder nicht die Hemmschwelle zu überwinden und die Bananen gebraten und gesalzen zu essen.

Nach dem Essen fühlen sich alle ziemlich müde. Es werden erstmal Betten vorbereitet. Unsere Gruppe besteht aus 10 Menschen, außer uns noch eine Familie aus Frankreich. Keiner will in dieser Hütte alleine schlafen. Wahrscheinlich ist „Keine“ ein treffender Ausdruck. Wer weiß, wer in dieser offenen Hütte ins Bett kriecht, und ob die Decken warm genug sind.

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