SY Outer Rim – A Family's Sailing Adventure

Sailing across the world's oceans with four kids

Ein paar Tage bei den Shuar-Indianern im Amazonas-Regenwald – Teil 2

(30.10.2016 – Tag 862)

Während wir am nächsten Morgen auf das Frühstück warten, zeigen uns die Indianer all das, was wir ohne ihre Augen nicht sehen … einen großen Vogel in den Baumwipfeln (Natalya sieht ihn nicht mal mit dem Fernglas), ein riesiges Bienennest in luftiger Höhe, eine gelbe Orchidee, die angeblich um die Hundert Dollar Wert ist. Am sonnigen Morgen flattern unzählige Schmetterlinge über den Blüten eines uns unbekannten Baums am Flussufer. Wir können aus der Nähe lange beobachten wie sie mit ihrem langen Rüssel Nektar trinken. Eine Straße der Blattschneideameisen kreuzt den Weg. Von Früh bis spät tragen sie kleine Blattstücke in Richtung ihres Nestes. Die frisch geschnittenen Blätter gehören nicht zu ihrer Nahrung. Damit werden im Bau Pilze gezüchtet, die den Ameisen schmecken. Die Symbiose zwischen dem Pilz und den Ameisen ist so eng, dass beide ohne einander nicht überleben können.

Nach dem Frühstück fahren unsere zwei Jungs mit einem der Indianer im Kanu, um das gestern ausgelegte Netz wieder einzuholen. Mit voller Begeisterung schreien sie zum Ufer, dass sie tatsächlich Fisch gefangen haben. Das Netz wird aufgehängt, die Kinder versuchen die zappelnden Fische aus den engen, verdrehten Maschen herauszufummeln. Währenddessen beschäftigt sich der Indianer mit einem schwarzen, schlangenartig zusammengerollten Ding, das er als allererstes, bevor die Kinder es entdecken, vorsichtig mit zwei Stöckchen aus dem Netz befreit, und gegen einen Stein so lange schlägt, bis es ganz sicher tot ist. Scheinbar ist das Wasser hier nicht ungefährlich.

Bevor wir mit dem Kanu einen kleinen Ausflug machen können, müssen erstmal die unzähligen Lecks gestopft werden. Der alte Einbaum ist ziemlich rissig und läuft ganz sicher in kurzer Zeit voll, wenn man diese Ritzen nicht stopft. Überraschenderweise wird zum Kalfatern kein Pech oder Teer genutzt, sondern weißer Lehm. Bevor wir ablegen, packt unser Führer einen großen Klumpen mit ein. Das Kanu gleitet lautlos durch den ruhigen Fluss. An manchen Uferstellen kann man deutliche Tierspuren sehen. Hätte man mehr Zeit und genug Geduld, würde man hier einen Tapir zum Gesicht bekommen.

An einer Stromschnelle muss das Boot gedreht und durch das flache Wasser gezogen werden. Wir machen einen kurzen Halt am nächsten Hof. Unser Führer leiht sich von seinem Bruder einen großen Metallhaken für die Fischjagd. Den bindet er mit einer Schnur an einen frisch geschnittenen Speer und taucht so bekleidet wie er ist, ins Wasser ein. An dieser Stelle säumen viele kleine Unterwasserhöhlen das Flussufer, in denen der gesuchte Fisch haust. Der Indianer taucht sie eine nach der anderen ab, aber leider ist heute kein Fisch zuhause. Im Gegensatz zu den Netzen, ist das die traditionelle Art zu fischen. Etwa eine halbe Stunde lang dauert die Jagd. Arvid ist müde, und schläft fast ein. Am Rückweg wird er wieder agil und möchte selber den Kahn stochern. Mit einem kleinen Stecken hilft er mit.

Natalya und Thomas nutzen den Nachmittag um zu zweit nochmals den Wald auf eigene Faust zu erkunden. Auch wenn man den gleichen Pfad noch mal nimmt, sieht man trotzdem Neues. Als Thomas sich umdreht, entdeckt er eine wunderschöne zart blaue Orchidee. Eine Zeitlang sind wir uns nicht ganz sicher, ob wir noch auf dem richtigen Weg sind und laufen eher nach Gefühl. Am Ende kommen wir doch noch rechtzeitig vor dem Abendessen zurück.

Vsevolod tigert schon traurig um die Küche herum. Eigentlich sind die Portionen nicht üppig, und wenn man die Bananen weg lässt für einen schnell wachsenden Jungen eher dürftig. Dann lässt das Essen noch so lange auf sich warten. Doch jeder bekommt gleich viel – sowohl Arvid als auch unsere Führer und ihre Familienmitglieder. Hier ist man gewohnt sparsam zu leben und mit Wenigem zufrieden zu sein. Nichts wird weggeworfen. Unser Begleiter isst seinen Fisch so sauber ab, dass die Gräten am Ende glänzen. Unter seinen Füßen wartet ein Hund, der die blitzebanken Gräten mit Gier und Vergnügen restlos aufisst. Jeder anständige Hundebesitzer im Deuschland würde bei dem Vorschlag seinen Hund damit zu füttern ein Schaudern kriegen, doch diesem Tier scheinen die spitzen Gräte nichts auszumachen.

Beim Essen dreht sich das Gespräch um die Lebensweise der Shuar. Polygamie ist nach wie vor sehr häufig. Angesehene Stammesmitglieder haben bis zu vier Frauen, die reich mit Kindern gesegnet werden. Die meisten in Wald lebenden Familien leben nach wie vor ziemlich autark. Zum Hof des unseren Führers muss man 3 Stunden auf einem Pferd reiten. Da kann man sicher nicht oft einkaufen gehen …

Auf die Traditionen und Bräuche wird viel Wert gelegt, sie werden kaum mit christlichen Ritten vermischt. Wenn ein Christ zu Kirche geht, geht ein Shuar zu einem Wasserfall. Dort leben seine heiligen Geister, bei denen er Beistand sucht. Wenn für einen Christen Weihnachten das höchste Fest ist, ist es für Shuar Arutam – eine Art Initiationsritus für kleinen Jungen, währenddessen sie sich eine Verstärkung für ihre spirituelle Kraft suchen. Während die Männer sich viel mit den fragen der spirituellen Kraft beschäftigen und auf die Jagd gehen, liegt die ganze restliche Arbeit auf den Schultern der Frauen. Sie alleine bestellen die Feldern, gebären und versorgen die Kinder. Selbst Chicha – ein traditionelles alkoholisches Getränk – dürfen nur Frauen für ihre Männer herstellen.

Einerseits freut man sich die alte Kultur in ihrer so ursprünglicher Weise noch anzutreffen. Andererseits wird einem die Perspektive doch klar. Es gibt mehr Kinder als der Wald ernähren kann. Es gibt viele Männer, die ausgestoßen werden. Wie sonst bekommt man denn das Verhältnis vier Frauen für einen Mann Die Verlockungen der modernen Zivilisation wirken auf Kinder sehr anziehend. Diejenigen, die eine Schule besuchen dürfen, nehmen sicherlich dort mehr mit, als nur reines Wissen über die Fächer.

Zum Abschluss des Abends gibt es eine kleine musikalische Vorführung. Unsere Führer ziehen ihre traditionellen Gewänder an und singen in Begleitung der Gitarren und Panflöten. Die Nacht ist so stockfinster, dass es uns nicht gelingt, ein einzige erfolgreiches Bild zu schießen. Die Künstler sind sichtlich nervös. Ganz geheuer ist es ihnen beim Auftritt nicht. Man sieht schon, dass sie es nicht häufig machen. Sie haben nur vier oder fünf Mal im Jahr Besuch von Touristen. Doch gerade diese zwar nicht ganz professionelle aber bestechend ehrliche und authentische Art haben wir bei den Shuar zu schätzen gelernt. Wir schliefen in einer primitiven Hütte und waren öfter hungrig als satt, doch haben wir in den zwei Tagen überraschend vieles nicht nur über den Wald, sondern auch über die Menschen erfahren.

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