SY Outer Rim – A Family's Sailing Adventure

Sailing across the world's oceans with four kids

Frierend und hungernd an der Laguna de Mojanada

(24.10.2016 – Tag 856)

Nach einer sehr intensiven Zeit in Quito sind wir froh, den Trubel der Großstadt hinter uns gelassen zu haben. Über die Panamericana fahren wir nach Norden, tiefer in die Berge hinein. Die Berghänge sind ziemlich trocken und an vielen Stellen fast frei von Vegetation. Damit sie nicht auf die Straße abrutschen müssen zum Teil ganze Berghügeln einbetoniert werden.

Wir haben noch kein Tagesziel. Während der Fahrt blättert Natalya im Reiseführer, um ein möglichst abgelegenes Naturparadies zu finden. Kurz vor Otavallo zweigt eine löchrige Schotterpiste zum Vulkan Mojanda und seinem Kratersee von der Hauptstraße ab. Thomas bereut schnell, dieses Mal aus ökonomischen Gründen keinen Vierradantrieb gemietet zu haben. Jetzt fahren wir in einem hoffnungslos untermotorisierten kleinen Familienauto, das mutig gegen den Anstieg kämpft. Die Kinder kichern auf der Rücksitzbank und bieten an, auszusteigen und dem armen Auto durch Schieben zu helfen. Es ist kein Vergleich zu unserem Minenjeep aus Chile. Auf der Strecke von gut 15 km spüren wir jedes Loch und jeden großen Stein. Obwohl dicke grau Wolke über den Bergen hängen, regnet es noch nicht.

Endlich sind wir ganz oben am Rand des Kraters und können in die Caldera hineinschauen. Der Reiseführer preist den See am Boden der Caldera als türkis an. Doch heute wirkt das Wasser eher schwarz. Der Blick ist einmalig, doch viel Zeit zum Genießen haben wir heute nicht. Keiner will die abenteuerliche Schotterpiste in der Dunkelheit befahren. Erst recht nicht mit so einem Auto wie unserem. Wir steigen wieder ein, und fahren in die Caldera rein, bis wir fast am Ufer des Sees ankommen. Obwohl wir in Quito am Vormittag geschwitzt haben, ist es hier empfindlich kalt. Immerhin sind wir auf gut 4.000 Metern. Wir holen alle Jacken, die wir haben, aus dem Kofferraum und ziehen sie an.

Am Ufer entscheidet sich Arvid für ein kaltes Bad. Alles Einreden bringt nichts. Unser Kleiner antwortet, dass es ihm wohl klar ist, dass das Wasser kalt ist, und zieht sich ganz entschlossen aus. Trotz der Frische hat er tatsächlich Spaß im Wasser, planscht, spritzt und wirft Steine ins Wasser. Andere Wanderer lächeln, doch keiner will mitmachen.

Neben dem Parkplatz sehen wir einfache Cabanas – so heißen hier Bretterhütten für Touristen. Die Kinder reden auf Natalya ein, und versuchen sie dazu zu bewegen, dort nach den Übernachtungspreisen zu fragen. Wir haben nur 50 Dollar im Geldbeutel und so gut wie nichts zu essen dabei. Die Kinder lassen nicht locker. Die Befragung ergibt 10 Dollar pro Bett. Also können wir uns vier Betten leisten und für die 10 restlichen Dollar was zu essen kaufen. Die Kinder schreien: „Hurra!“. Wir sind auf vier Tausend Metern, es ist kalt, die Hütte hat weder Strom noch Ofen, und wir haben nichts zu Essen dabei.

Bevor der kleine Imbiss am Parkplatz zumacht, können wir einige kleine Tütchen mit hartem Maisbrot kaufen. Das hat zu reichen. Während wir überlegen, ob wir Wasser kaufen sollen oder noch mehr Brot, macht der Laden zu. Jetzt haben wir Geld gespart: haben kein Wasser und gerade genug Brot um nicht mit knurrendem Magen ins Bett zu gehen. Als Natalya den Parkranger fragt, ob man Seewasser trinken kann, holt er uns eine 5-Liter Flasche eiskaltes Wasser: ein Problem weniger. Jetzt sind wir alle Sorgen los und können am See so viel Zeit verbringen wie wir wollen und morgen früh noch am Rand des Kraters wandern gehen.

Als es dunkel wird setzten wir uns zu einer kalten Feuerstelle vor der Hütte, um unser bescheidenes Abendessen mit einem phantastischen Blick zu genießen. Die Farben des Tagen verwandeln sich in Pasteltöne. Über die Bergrücken kriechen feine Nebelschwaden in die Caldera hinein. Als der Parkranger sieht, wie unsere Kinder an der Feuerstelle basteln beim Versuch aus ein Paar noch warmen Kohlen und einem Haufen trockenes Schilf einen Hauch von Lagerfeuer zu basteln, bringt er uns einen großzügigen Haufen trockener Äste und ein Stück Metallrohr, um das Feuer anzufachen.

Im Häuschen neben uns grillt eine ecuadorianische Großfamilie. Ob aus Mitleid für die armen weißen Kinder, die vor ihren Augen an trockenem Brot kauen müssen, oder aus reiner Gastfreundschaft – sie schenken uns einen vollen Teller von ihrem Grill. Jetzt bleibt sogar genug Brot fürs Frühstück übrig! Als es dunkel wird, kommen zuerst ihre Kinder, und dann nach und nach die Erwachsenen zu unserem Feuer. So weit wie unsere Spanischkentnisse es erlauben entsteht eine lebhafte Unterhaltung. All die ganze große Schar gehört zu einer Familie. Als ich den Vater frage, wie viele Kinder er hat, erzählt er stolz: „10!“. Manche sind schon erwachsen, manche so jung wie unsere Kinder. Sie wohnen in den grünen Bergen, zwei Stunden Autofahrt entfernt und unternehmen heute einen „kleinen“ Familienausflug. Wir erzählen von unserem Lebensstil und überraschenderweise kann der Familienvater das ganz gut verstehen, und findet Reisen um die Welt ganz toll. Da spüren wir schon einen erheblichen Unterschied zu manchen anderen Ländern, in denen die Welt mit den Grenzen des einigen Landes endet. Die Frauen stellen uns Fragen zum Alltag in Deutschland, die Männer sind überrascht, dass bei uns nicht jeder mit einem PS-starken Luxuswagen fährt. Während sich die Erwachsenen unterhalten, tobt die Kindermenge ausgelassen in der Dunkelheit herum. Unsere Kinder sind nicht so entspannt und bleiben lieber dicht beim Feuer und ihren Eltern.

Spät am Abend gehen die Ecuadorianer noch mal zum See, um sich zu verabschieden und fahren nach Hause. Es gibt doch tatsächlich Leute, die diese abenteuerliche Schotterpiste in der Nacht fahren. Jetzt haben wir den See für uns alleine! Wir suchen unsere Taschenlampe, um in völliger Dunkelheit den Weg zur Toilette zu finden. Auch in der Hütte ist es stockfinster: kein Mond, keine Sterne, man sieht nicht mal die eigenen Hände. Heute schlafen wir voll bekleidet. Ob die dünnen Decken reichen? Die Höhe macht sich wieder bemerkbar. Die Kinder schlafen ziemlich schnell ein, aber Thomas und Natalya finden trotz der Müdigkeit keine Ruhe. Statt ordentlichem Schlaf befinden wir uns in einem Standby-Modus und haben früh das Gefühl, stundenlang wach gelegen zu haben.

Am nächsten Morgen klettern wir auf den Cerro Negro – einem Berg im Caldera-Rand. Es gibt zwar ein Schild, das einen Wanderweg verspricht. Doch statt des Weges finden wir Trittspuren, die am äußerst steilen Hang durch Gras und Gestrüpp querfeldein führen. Arvid gibt nach den ersten 20 Metern auf und ist durch nichts nach vorne zu bewegen. Auch die Mädchen ziehen es lieber vor unten auf das Ende des Expeditions zu warten. Nur Vsevolod geht mit uns zum Gipfel auf gut 4.200 Metern mit. Der Hang ist so steil, die Luft so dünn, dass wir uns alle paar Metern zum Verschnaufen hinsetzen müssen. Das Herz pocht einem bis zum Hals. Wir ziehen uns an den Grasbüscheln weiter nach oben. Als wir oben ankommen, sind wir fix und fertig, fallen ins Gras und genießen einen phantastischen Blick auf den See und die umliegenden Berge. Heute sind die Lichtverhältnisse deutlich besser als am Vortag. Der See präsentiert sich in leuchtenden Farben. Es ist absolut still. Wir hätten hier stundenlang sitzen bleiben können, doch unten ist Arvid bestimmt schon ungeduldig.

Natalya rennt ins halsbrecherischem Tempo wieder runter, um ihn zu beruhigen. Nachdem er direkten Blickkontakt mit uns verloren hat, macht er sich trotz der Anwesenheit seiner zwei älteren Schwestern große Sorgen um seine Existenz und heult so herzzerreißend, dass ihn das ganze Tal hören kann. Wir fahren den gleichen Schotterweg wieder herunter, und schon auf der halben Strecke wird es wieder ziemlich heiß. Unser Tagesziel für heute ist Otavalo, ein kleines Städtchen nur weniger Dutzend Kilometern von hier entfernt.

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