SY Outer Rim – A Family's Sailing Adventure

Sailing across the world's oceans with four kids

Indianerbrot, Kaktusfrüchte und Andenfuchs

(20.08.2016 – Tag 791)

Die geteerte Straße einfach zurück nach Calama zu fahren erscheint uns zu langweilig. Natalya kramt den Reiseführer aus und sucht nach einer besseren Alternative. Die ist auch schnell gefunden – eine durch noch ursprünglich wirkende Indianerdörfer führende Schotterpiste, unzureichend ausgeschildert und in schlechtem Zustand. Klingt genau richtig für uns!

Etwa nach einer Stunde Fahrt erreichen wir die erste Sehenswürdigkeit – die Geysire el Tatio. Bei Tageslicht ist kaum was zu sehen. Das haben wir aber schon im Voraus gewusst. Um die Geysire wirklich sehen zu können, muss man hier am frühsten Morgen, kurz vor Sonnenaufgang erscheinen. Diejenigen, die besonders hart im Nehmen sind, entscheiden sich für eine Übernachtung unter freiem Himmel, entweder in einem mitgebrachtem Zelt, oder in den verlassenen Baracken. In über 3.000 Meter Höhe kann man in der Nacht unter freiem Himmel gar nicht genug anziehen. Für uns – mit kleinen Kindern – ist das sicher nicht zu empfehlen.

Die Geysire sind nicht zu sehen, dafür kommt direkt zu unserem Auto ein Andenfuchs und schaut uns erwartungsvoll an. Tollwütig ist er wahrscheinlich nicht, aber auch nicht mehr ganz wild. Offensichtlich haben die Touristen oder schon eher die Touristenführer das Tier angefüttert. Unsere Kinder freuen sich riesig. Auch wenn das nicht der erste Fuchs im Freien ist den wir sehen, so nah kam bis jetzt keines der Tiere.

Am Geysirfeld endet die Straße. Ups, unser Reiseführer sagt, sie solle an diesem vorbei und weiter in die Berge gehen. Das war einmal… heute nicht mehr. Wir drehen um und suchen nach einer anderen Möglichkeit in die gewünschte Richtung zu kommen. Auf der Suche nach einer passenden Abzweigung fahren wir an einer Lagune mit unzähligen Andengänsen und einigen uns noch nicht bekannten Enten vorbei. Natalya gefällt der Ort so sehr, dass sie dort aussteigen und Mittagspause machen möchte. Thomas schaut sie ungläubig an: wir sind auf vier Tausend Meter, der frische Wind zerzaust das Gras und in der Lagune schwimmen zarte Eisschollen. Aber wann sieht man sonst noch aus solcher Nähe eine Andengans?

Wir setzten uns ans Ufer, packen unseren Proviant aus und genießen den Augenblick. Die Vögel sind überhaupt nicht scheu und kommen ganz nah. Sie erwarten von uns keine Krümmel, sondern gehen ganz entspannt ihren Geschäften nach: tauchen unter und durchkämmen den See auf der Suche nach Essbarem. Irgendwann wird es den Kindern doch zu kalt und sie flüchten ins Auto. Trotz des Sonnenscheins liegen die Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt.

Wir fahren durch eine atemberaubende Gegend und verstehen nicht, warum die ganzen Touristen sich um die Sternchen im Reiseführer scheren, statt hierher zu kommen. Die Gegend ist einsam und so ursprünglich wie zur Anbeginn der Zeit. Schneebedeckte Vulkane ragen am Horizont auf. Außer der Straße gibt es auf der ganzen Strecke so gut wie keine menschlichen Spuren.

Wir haben unsere Abzweigung nach Caspana – dem als Ziel des Tages ausgesuchten Indianerdorf – immer noch nicht gefunden. Die Crew nervt Thomas mit den Vermutungen, dass wir bald wieder an der geteerten Straße nach Calama ankommen, wenn es so weiter geht. Thomas lässt sich nicht verunsichern, vertraut seiner Intuition und fährt unbeirrt weiter. Und tatsächlich, nachdem Natalya und die Kinder die Hoffnung fast aufgegeben haben, kommt ein Straßenschild – Caspana. Das kleine Dorf versteckt sich in einem kleinen engen Tal. Die meisten Häuser sind im Windschatten der Berge gebaut. Durch die Mitte des Dorfes fliest ein lebendiger Bach, der die Bewohner mit Wasser versorgt und ihnen Landwirtschaft ermöglicht. Da sie im engen Tal kaum Platz haben, wurden ihre Felder in der für die Gegend traditionellen Terrassen aufgeschüttet. Dieser Aufbau ist nicht nur platzsparend, sondern ermöglicht auch die optimale Bewässerung. Manche Terrassen werden noch immer so bestellt.

Unsere Unterkunft für heute ist recht spartanisch: eine Bretterhütte mit Stockbetten. Da die Wände der Hütte recht dünn sind und nur vor Wind nicht aber vor Kälte Schutz bieten, hat jedes Bett einen Berg an Decken. Wir holen uns noch zusätzliche und empfehlen den Kindern zu zweit in den Betten zu schlafen, um sich besser warm zu halten.

Nachdem wir in unserem „Hotel“ das Gepäck abgeliefert haben, gehen wir auf Erkundungstour. Eine Familie backt in einem traditionellen Steinofen Brot. Wir schauen alle zu, wie sie erstmal den Ofen sauber kehren und dann die Brote mit einer großen Holzschaufel hinein schieben. Das sieht lecker aus, daher fragen wir sie, ob sie uns ein Paar Fladen verkaufen können, was sie auch bereitwillig machen. Das war gar nicht so schlecht, denn sonst gibt es im Dorf so gut wie nichts zu kaufen. Der kleiner Tante Emma Laden verkauft nur Limonade und Konservendosen. Die Dorfbewohner versorgen sich anderswo – oder selbst.

Das Dorf macht einen sehr ordentlichen und aufgeräumten Eindruck im Gegensatz zur indianisch geprägten Stadt Libertador General san Martin in Argentinien. die wir vor ein paar Tagen besucht haben. Sind scheinbar doch nicht die Traditionen der Indianer an dem Müllchaos dort schuld sondern das Moderne: die Konsumgesellschaft, die den Wert nur auf Verbrauchen legt und sich keine Sorgen um die Folgen und die Zukunft macht. Wir lassen die Kinder am Bach spielen und laufen den Hügel hoch bis zur Kirche. Aus Lehm gebaut, klein und gedrungen bückt sie sich unter der Last der Jahre. Um durch das Portal zu gehen hätte nicht nur Thomas sondern auch Natalya den Kopf einziehen müssen. Aber leider ist die Kirche geschlossen. Im Glauben der Indianer vermischen sich katholische Bräuche mit den eigenen Traditionen. So hängen an einem Kreuz Süßigkeiten und halb leere Limonadenflaschen als Wegzehrung für den Weg nach dem Tod.

Als wir durch die enge Straßen wieder bergab zu den Kindern laufen, flitzt uns ein Kolibri entgegen. Wo kommt denn der her? Und wie lebt er hier überhaupt bei der Höhe und Kälte?

In der Nacht wird es richtig kalt. Fünf Decken helfen wenig. Selbst unsere durch Patagonien so abgehärteten Kinder beschweren sich über die Kälte. Als wir das Hotel am Morgen verlassen, ist es in der Sonne draußen wärmer als drinnen. Wir haben kaum etwas fürs Frühstück. Doch Natalya sieht unten an den Terrassen einen Dorfbewohner, der Kaktusfrüchte aberntet. Als sie ihn fragt, ob er ihr was fürs Frühstück verkaufen könne, füllt er eine große Tüte mit Früchten voll und will dafür kein Geld nehmen. Es ist ein Geschenk für die Fremden. Er sagt, es sei schade, dass wir nicht während der Saison gekommen sind, sonst hätte er uns nicht nur Kaktusfrüchte, sondern auch Pfirsiche oder Äpfel geben können. Die Oase lebt vom Obstanbau.

Die frischen Früchte sind sehr schmackhaft, doch unsere Kinder kauen lieber an trockenen Fladen statt eine Frucht auch nur zu probieren. Wir haben so viel geschenkt bekommen, dass es nicht nur fürs Früstück reicht, einen Teil packen wir wieder ein.

Der Weg nach Calama verläuft ohne besondere Ereignisse. Eigentlich haben wir hier so viel gesehen, dass die braunen Touristenschilder über irgendwelche Ruinen uns wenig interessieren. In einem weiteren Indiodorf, Aiquina, machen wir Zwischenstopp. Es ist weniger traditionell. Die Häuser sind eher modern, die Kleidung meist westlich. Aber wie in Caspana befindet sich alles in einem sehr ordentlichen Zustand. Heute ist Sonntag und viele kommen aus dem Umland zur Kirche. Die meisten Pickups sind voll mit Wasserkanistern. Die Pumpe neben der Kirche ist dauernd im Betrieb.

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