SY Outer Rim – A Family's Sailing Adventure

Sailing across the world's oceans with four kids

Durch die Vegetationsstufen des Bergnebelwaldes im Nationalpark Calilegua

(16.08.2016 – Tag 787)

Auch wenn Salta durchaus interessant ist, gäbe es für den zweiten Tag dort nicht viel Spannendes zu sehen. Daher fiel uns die Entscheidung relativ leicht, am nächsten Tag wieder weiter zu fahren.

Auf der Straße nach Norden kommt eine Polizeikontrolle nach der anderen. Uns ist zwar nicht ganz klar, was genau gesucht wird, aber es scheint hier Sicherheitsprobleme gegeben. Als uns eine Polizeikontrolle anhält, versuchen wir unsere Aufregung zu verbergen. Wir sind ja wieder zu sechst im Auto und das heißt in Argentinien nichts Gutes. Wir werden auch tatsächlich zur detaillierteren Kontrolle auf den Seitenstreifen gebeten. Aber der Polizist macht uns zum Glück lediglich darauf aufmerksam, dass das Einschalten des Abblendlichtes in Argentinien auch bei Tag Pflicht ist. Es bleibt bei dem Hinweis, keine Strafe.

Außer Sicherheitsprobleme scheint es hier auch Umweltprobleme zu geben. Die ganzen Felder beiderseits der Straße sind flächendeckend mit Müll bedeckt. Nach dem recht aufgeräumten Chile ist das für uns fast ein Kulturschock. Nach einer langen und anstrengenden Suche in der Mittagshitze finden wir in Libertador General san Martin, was alles andere als Touristenmekka ist, eine Hospedaje zum Übernachten. Die Stadt hinterlässt keinen guten Eindruck. Alle Parkbänke und Spielplätze sind kaputt. Durch eine der Hauptstraßen fließt dauern eine undefinierbare, übel riechende Brühe. Auch der Markt mit Frauen die auf dem Boden vor ihrem Gemüse hocken, mutet afrikanisch an.

Nach einem entspannten Nachmittag mit Spielen im Stadtpark suchen wir ein Restaurant fürs Abendessen. Die Wahl der Kinder fällt auf eine Pizzeria in italienischen Farben. Während wir in der Abenddämmerung draußen sitzend auf die bestellten Pizzen warten, wird es auf der Straße plötzlich laut. Die überlaute Musik wird noch von knallenden Raketen übertönt. An der Spitze eines kleinen Umzugs wird eine prachtvoll geschmückte Marienfigur getragen. Der Trage mit der Mutter Gottes folgen in farbenfrohe Nationalkostüme gekleidete Tänzer, die einen wilden mit Trommeln untermalten indianischen Tanz vorführen. Leider haben wir nicht einmal eine Handykamera dabei, um von der Prozession ein Bild zu machen.

Der fette Käsefladen, den wir nach einiger Wartezeit zu essen bekommen haben, hat mit echter Pizza noch weniger gemeinsam als die gerade gesehene Maria-Prozession mit einem katholischen Fest. Auf einen scheinbar vor Tagen gebackenen trockenen Teigboden wurden lieblos ein paar Stücke Gemüse und Tonnen von Industriekäse gelegt und dann das Ganze etwas aufgewärmt. Von Backen kann keine Rede sein. Als Ergebnis bekommen wir eine mehr als 1 cm dicke lauwarme Käseschicht auf einer harten, trockenen an Kork-Topfuntersetzer erinnernde Bodenplatte serviert. Wir Erwachsenen stochern etwas lustlos in der Masse herum, die Kinder lassen sich nicht stören und essen auch den fetten Gemüsefladen mit großem Appetit.

Für den nächsten Tag ist ein Ausflug in den Nationalpark Calilegua geplant. Dort gibt es einen urprünglichen, subtropischen Bergnebelwald. Der Park ist im Gegensatz zu manchen von uns besuchten Orten recht gut zu erreichen. Am Parkeingang wird nicht einmal kontrolliert oder Eintritt verlangt. Auch nach entsprechender Suche unsererseits konnten wir am Kontrollposten keinen Ranger auftreiben. Eine feste Schotterpiste führt hoch in die Berge hinein. Vor einem ausgeschilderten Wanderpfad lassen wir das Auto stehen und laufen in den Wald hinein. Im Schatten der großen Bäume ist es angenehm kühl.

Der Nebelwald ist licht, es ist kein alles überwuchernder Dschungel. Angeblich gibt es hier auch Tiere, sogar Jaguare, aber unsere Kinder schrecken zuverlässig alles ab was nur irgendwie in unsere Nähe kommen könnte. Der Weg führt uns zu einer kleinen Lagune hinunter, die so voll mit Wasserpflanzen bedeckt ist, dass kein Wasser mehr zu sehen ist. Eine Viertelstunde später machen wir an einem lebendig plätschernden Bach Rast. Die Kinder gehen sofort ans Wasser und versuchen Dämme zu bauen. Thomas begibt sich auf Schmetterlingsjagd. Einige flattern direkt am Ufer. Wenn sie sich hinsetzen und ihre Flügel zusammenklappen, sieht man sie auf dem braunen Lehm gar nicht mehr. Klappen sie die Flügel auf, sind sie wieder farbenprächtig.

Auf dem Rückweg weigert sich Arvid bergauf zu laufen. Natalya trägt ihn fast die ganze Zeit, dabei will er nicht einmal von seinem großen Spazierstock trennen. Den schleppt Mama auch gerne mit. Wir fahren mit dem Auto weiter hoch in die Berge und beobachten wie mehrere Vegetationszonen einander ablösen. Die Bäume werden immer kleiner. War der Wald unten immergrün, stehen die Bäume in den höheren Lagen noch fast alle kahl. Manche Wegpunkte bieten einen spektakulären Blick ins Tal. Es riecht sehr intensiv nach Blumen. Ein uns unbekanntes Tier, das wie eine Kreuzung zwischen einer Maus und einem Hasen aussieht, flitzt knapp vor unserem Auto über den Weg.

Zurück in der Stadt geht Natalya am Abend in einen kleinen Laden um eine Flasche Bier zu kaufen. Sie entscheidet sich für eine ordentlich kalt aussehende Glasflasche. An der Kasse geht die Diskussion los. „Liebe Senora, die Flasche können wir ihnen nicht verkaufen!“ Nein, es geht nicht darum, dass Frauen kein Bier trinken sollen, sondern um das Pfand. Auf der Flasche ist mehr als ein Euro Pfand drauf. Wenn ein Argentinier eine Flasche Bier kaufen möchte, dann geht er mit einer leeren Flasche hin, und tauscht sie gegen eine volle Flasche ein. Rückgabe gegen Geld, so wie wir das aus Europa kennen, geht nicht.

Eine Verkäuferin bringt Natalya als Ersatzvorschlag zwei Dosen Bier, die eigentlich genauso viel kosten wie die Flasche mit Pfand. Natalya klammert sich aber an ihrer große kalte, mit Kondenswasser bedeckte Glasflasche fest, versucht sich durchzukämpfen und fragt, ob sie denn das Pfand auch bezahlen kann. Der Ladenbesitzer – ein älterer Herr hat eine bessere Lösung. Als er eine leere Plastikflasche mit Colaresten herbeibringt, braucht Natalya erst einmal ein Paar Sekunden, um zu kapieren, was er vor hat. Erst als seine Helferin darum gebeten wird, einen Flaschenöffner anzuschaffen, leuchtet es ihr ein, dass der liebe hilfsbereite Herr das kalte Bier in die leere Plastikflasche hier und jetzt umfüllen möchte. Natalya bekommt einen Lachkrampf und lässt die Flasche nicht los. Sie kann das Gesicht von Thomas, der sich bei der drückende Hitze auf eine Flasche kaltes Bier freut und stattdessen eine warme nach Cola schmeckende schale Flüssigkeit kriegt, sehr bildhaft vorstellen.

Das ist schon klar, dass nicht das einfache Volk die unzähligen blöden Regeln, die einem in Argentinien so häufig vorkommen, geschaffen hat. Dem Ladenbesitzer ist es selbst peinlich. Er schlägt Natalya vor, das er gegen die Regel die Flasche morgen doch gegen Geld zurücktausch. Jedoch ist am Morgen als wir weg fahren der Laden doch geschlossen. Die Flasche wird noch noch einige Hundertkilometer auf der Ladefläche herumkullern, bevor wir sie beim Zurückgeben des Mietwagens in Copiapo endgültig entsorgen.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 16. August 2016 von in Uncategorized.
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