SY Outer Rim – A Family's Sailing Adventure

Sailing across the world's oceans with four kids

Von verlorenen Kriegen und geopferten Kindern

(14.08.2016 – Tag 785)

Auch wenn sie Tausende von Kilometern entfernt liegen sind die Falklandinseln – oder besser gesagt die Malvinas – in Argentinien überall präsent. Fast das Erste was wir in Campo Quijano sehen ist das Denkmal zum Falklandkrieg 1982. Fein säuberlich sind weiße Kreuze aufgereiht, Namen von Gefallenen in Gedenksteine eingemeißelt und das Ganze durch ausrangiertes Militärgerät abgerundet. Die Erinnerung an die Niederlage gegen die Engländer scheint den Argentiniern wohl sehr wichtig zu sein. Unseren Kindern gefällt natürlich das Spielen auf den Panzerwagen und Geschützen. Ein willkommener Start für unsere kurze Besichtigung des Ortes bevor wir die paar Kilometer zur Hauptstadt der Region weiter fahren.

Nach den kühlen Tagen in den Bergen fühlt sich Salta drückend heiß an. Unser Hotel liegt ziemlich weit vom Zentrum entfernt. Es fahren zwar genug Busse, aber wer vorab keine elektronische Fahrkarte zum Bezahlen hat, darf nicht einsteigen. Dass die Suche nach so einer Karte in Argentinien auch einen halben Tag dauern kann, haben wir schon in unseren allerersten argentinischen Stadt, Mar del Plata, herausgefunden. Und überhaupt dauert in Argentinien alles mindestens doppelt so lang wie anderswo auf der Welt. Als wir in einer kleinen Imbissbude unser Mittagessen bestellen, sind wir schon kurz vor dem Verhungern bevor das Essen endlich auf den Tisch kommt.

Die kleine Stadt wirkt ruhig und stilvoll. Es sind keine besonders herausragenden architektonischen Meisterwerke, die ihr Bild bestimmen, sondern die Gesamtheit der gut erhaltenen Kolonialgebäude im spanischen Stil. Der Zentralplatz wird von einer kleinen Kathedrale beherrscht. Leider ist sie bei unserem ersten Besuch geschlossen. Daher entscheiden wir für einen Museumsbesuch. Klingt einfach? Nein, in Argentinien ist nichts einfach. Wir haben kein Bargeld, Kreditkarten werden nicht akzeptiert. Daher muss Thomas zuerst einen Geldautomaten finden, bei dem man tatsächlich Geld abheben kann. Gestern hat das an mehreren Automaten nicht geklappt und wir mussten Dollar schwarz tauschen, aber heute haben wir ausnahmsweise Glück, so dass wir tatsächlich Eintritt bezahlen können. Die liebe Dame am Schalter bittet uns aber fünf Minuten zu warten, das Museum sei gerade zu voll. Die fünf Minuten ziehen sich in die Länge. Seitdem wir uns entschieden haben das Museum zu besichtigen, ist bestimmt schon eine Dreiviertel Stunde vergangen.

Der Hauptschatz des Museums sind drei Mumien, die an der Grenze zwischen Chile und Argentinien hoch oben auf dem Gipel des für die Inkas heiligen Vulkan Llullaillaco (kann man das auch aussprechen?) vor einigen Jahren gefunden wurden. Die Inkas haben schon früh verstanden, dass das Gedeihen ihrer Zivilisation in den Täler sehr wohl von den Niederschlägen hoch oben in den Bergen abhängig ist. Das animierte sie dazu für die Sicherung ihrer Existenz der heiligen Berge größtmögliche Opfer zu bringen, und dazu gehörten auch Menschenopfer. Die Feierlichkeit und die Grausamkeit des Rituals steht den Spielen von Panem nicht nach.

Nur adlige, makellos schöne, auserwählte Kinder durften geopfert werden. Nach einer prachtvollen rituellen Hochzeit am zentralen Platz in der Hauptstadt Cuzco zogen die Kinder und ihre Begleiter zu den Opferstellen los. Die lange und beschwerliche Reise von über 1.300 km quer durch die Anden hat sicher Wochen gedauern. Und dabei wussten die Kinder sicher die ganze Zeit, welches Schicksal sie am Ende der Reise erwartet. Der Aufstieg zum Gipfel des über 6.700 Meter hohen Vulkans ist heute noch mit moderner Kleidung und Ausrüstung eine große Expedition. Was für ein Aufwand stellte die Aktion vor 500 Jahren dar?! Während der dort stattfindenden Zeremonie wurden die Kinder dann durch Cocablätter und Alkohol betäubt. Anschließend wurden sie in tiefen Erdlöchern lebendig begraben.

Von den drei sich im Besitz des Museums befindlichen Mumien wird immer nur eine präsentiert. Wir sehen vor uns ein etwa 6 Jahre altes Mädchen im Schneidersitz hockend. Weil sie in ihrem Grab von einem Blitz getroffen worden ist, trägt sie den Namen Lightning Girl. Der Blitz hat nach ihrem Tod zwar Teile des Gesichts zerstört, doch das Kind erscheint erschreckend lebendig, fast als schlafe es nur. Die Kleidung trägt noch Farben, man sieht sehr deutlich das zu den kleinen Zöpfchen geflochtenes Haar. Am durchdringlichsten ist jedoch ihr Gesichtsausdruck. Sie ähnelt nicht den leblosen ägyptischen Mumien, deren Gesichter nur aus angespannter pergamentartiger Haut bestehen. Man kann sehr deutlich die tiefe Entspannung und Teilnahmslosigkeit und schutzlose Kindlichkeit eines Kleinkindes in den Zügen des geopferten Kindes entdecken.

Die Kinder wurden bis zur Bewusstlosigkeit mit Alkohol und Drogen betäubt, in eine steinerne Grube am Gipfel lebendig eingemauert, um hier den Tod durch Unterkühlung zu finden … Wer den Grund für die extrem hohe Kriminalität und den geringen Wert des einzelnen Lebens auf dem südamerikanischen Kontinent nur in der ungleichen Wohlstandsverteilung sieht, kann hier einen tieferen Blick in die Geschichte werfen. Die Ausgrabung der Kinder hat eine heftige Diskussion losgetreten. Es gab viele Stimmen, die glaubten, diese Kinder gehören dorthin, wo sie ihre letzte Ruhe gefunden haben. Doch vor allem unter Berücksichtigung von Sicherheitsaspekten – alleine die Grabbeigaben stellen einen unschätzbaren Wert dar – wurden die Mumien unter strenger Bewachung doch ins Museum überführt.

Nach dem Museumsbesuch schlendern wir durch die umliegenden Parks in Richtung Hotel. Am Sonntagnachmittag ist die grüne Anlage randvoll mit spielenden Kindern, auf den Picknickdecken sitzenden Eltern, jungen küssenden Pärchen und älteren Damen und Herren auf den Bänken. Fast allen ist ihre indianische Abstammung deutlich anzusehen. Mütter und Väter, die in Deutschland mit ihrer Lehre oder dem Studium noch nicht fertig wären, haben zwei-drei kleine Kinder an der Hand. Das ist ein ganz anderes soziales Bild als wir aus den „weißen“ Küstenregionen des Argentiniens kennen. Auch von besagtem Hochmut der Argentinos ist hier keine Rede. Hier trifft man keine spanischen Caballeros, die bei 1,50 Größe es schaffen Thomas von oben herab anzuschauen. Die Menge ist fröhlich entspannt und scheinbar unbeschwert. Was sie an sozialen und finanziellen Problemen haben, haben sie am Sonntag zuhause liegen lassen. Als Thomas eine übergroße Wurstschnecke an einem Imbisstand fotografiert, lacht die Verkäuferin nur herzhaft über die weißen Touristen.

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