SY Outer Rim – A Family's Sailing Adventure

Sailing across the world's oceans with four kids

Salpeterstadt Chacabuco

(11.08.2016 – Tag 782)

Das Leben und Arbeiten in der trockensten Wüste der Welt kann einem entbehrungsreich und freudlos erscheinen. Das Klima ist so trocken, dass in großen Teil der Wüste weder Tiere noch Pflanzen überleben können. Doch auf der Jagd nach dem weißem Gold der Wüste – dem Salpeter – haben Menschen im 19. Jahrhundert künstliche Oasen geschaffen, in denen es den Arbeitern – und vor allem den Verwaltern – an nichts fehlen sollte. Chacabuco ist das am besten erhaltenste Beispiel solcher Siedlungen und überausprächtig obendrein.

Auf einem kleinen ummauerten Fleck Wüste wurde kein primitives Arbeiterdorf mit windschiefen armseligen Hüten errichtet, sondern eine moderne Stadt. Sie verfügte nicht nur über solche zu den Zeiten eher seltenen Einrichtungen wie ein Krankenhaus, Bibliothek und Theater, sondern auch über einen unter hiesigen Bedingungen unbeschreiblichen Luxus in Form eines Swimming Pools und Badehäusern mit fließendem heißen Wasser.

Die sehr gut erhaltenen Gebäude der Stadt sind heute als Freilichtmuseum zu besichtigen. Auf unserem Weg von Antofagasta nach San Pedro machen wir hier Zwischenstopp. Wir schlendern durch eine kleine Photoausstellung im ehemaligen Theatergebäude und betrachten die Bilder. Hausfrauen, umgeben von lachenden Kindern sitzen am Rand des Schwimmbeckens. Automobile fahren durch die Straßen, und das in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts! Es gibt nicht nur Konserven zu essen, sondern auch einen hübschen Gemüseladen. Schuhe für diejenigen, die es sich leisten können, werden von einem ansässigen Schuster aus Leder genäht.

Die Arbeit wird im großen Ausmaß mithilfe von ausgefeilter Technik erledigt. Alles ist darauf getrimmt, die Effizienz der Anlage zu steigern… Es hätte so gut gehen können, nur hat der Planer einen strategischen Fehler begangen, und das Geld der Inverstoren wurde fast buchstäblich gemeint in der Wüste begraben. Da die Anlage im Jahre 1922 schon deutlich nach dem Erfinden des künstlichen Salpeterherstellungsverfahrens erbaut wurde, war ihr Schicksal von vorne rein klar. Nur wenige Jahre warf die Mine Profit ab, um nach einigen Jahren Existenzkampf in 1938 geschlossen zu werden.

Das Wüstenklima hat die Stadt perfekt konserviert. Fast alle Gebäude stehen noch, manche kann man ohne Gefahr betreten. Wir gehen ins Theater und schauen auf die Bühne. Mehrmals die Woche wurden hier Vorstellungen gegeben: Filme wie Theateraufführungen. Alles ist so echt und unverändert geblieben, dass man sich leicht eine bunte Menge an Zuschauern, einen flackernden schwarzweißen Stummfilm und einen lebhaft begleitenden Pianisten oder gar ein Orchester im Orchestergraben vorstellen kann.

Auf der Markthalle ist noch die Inschrift zu sehen, die übersetzt heißt „wer betrogen wurde, solle sich sofort beschweren“. Die Kirche hat leider einen Brand nicht überstanden. Die Wohnbaracken haben ihre Dächer verloren, aber in den Luxuswohnungen der Verwalter sehen die gusseisernen Badewannen fast wie neu aus. Was war das für ein Aufwand das alles hierher zu schleppen!? Wahrscheinlich erst um das Kap Hoorn und um die halbe Welt herum, und dann über den Landweg durch die Wüste. Woher die notwendige Wassermenge kam konnten wir nicht herausfinden. Auf jeden Fall sieht die Anlage jetzt nicht mehr nach einer Oase aus.

Chacabuco war die einzige Salpeterstadt, die von vorne rein rundherum eingezäunt war. Die Sicherheitsprobleme in Südamerika fingen scheinbar nicht erst im Zeitalter des Tourismus an. Der Luxus sollte gut geschützt werden, auch wenn es so abseits lag. Die Tatsache sorgte dafür, dass die Anlage nach dem Militärputsch von Pinochet 1973 in ein Gefangenenlager für Oppositionelle umfunktioniert wurde. Sicherheitstechnisch kann man ja die Lage kaum toppen. Auch wenn das Tor geöffnet bleibt, kommt man ohne große Unterstützung von außen nicht weit.

Kennt man das Pinochet-Regime, ist man doch überrascht, dass die Gefangenen sowohl die Schule als auch das Theater wiederbeleben durften. Unter der Gefangen befanden sich genug Professoren und Lehrer um alle Fächer zu unterrichten. Nur die Geschichte Chile und die Philosophie zu lehren war verboten. Auch gab es unter den Gefangenen genug Ärzte und Schauspieler für das Krankenhaus und das Theater. Jedoch befanden sich unter der fast zwei Tausend Gefangenen nicht nur die Intellektuellen. Vor dem Militär-Regime waren auch die einfachen Arbeiter und Bauern nicht sicher.

Nach einer Stunde in der prallen Wüstensonne wird es uns so heiß, dass wir ins Auto flüchten. Auch wenn hier zu den Salpeterzeiten einiges an Luxus gab, war das Leben hier mit Sicherheit nicht unanstrengend.

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