SY Outer Rim – A Family's Sailing Adventure

Sailing across the world's oceans with four kids

Ein Wiedersehen

(23.04.2016 – Tag 702 – 12.715 sm)

Nach einigen warmen und sonnigen Tagen in Puerto Santo Domingo stürmt es seit zwei Tagen ziemlich heftig. In der Nacht fegen Böen über 40 Knoten durch die breite Bucht. Die majestätischen Vulkane hinter dem Strand haben sich in einen grauen Schleier gehüllt. Wir studieren zum zehnten Mal den Wetterbericht. Am Nachmittag solle sich der Wind auf 15-20 Knoten beruhigen. Ohne lange zu überlegen legen wir nach dem Frühstück ab.

Am Nordausgang des Canal Refugio kommt uns ein Fischer entgegen. Natalya erscheint das schon sehr suspekt, aber nach der langen Diskussion von gestern will sie heute keine neue beginnen und dem eh schon genervten Skipper erst recht nicht ein Umkehren vorschlagen. Es dauert keine fünf Minuten bis dem Fischer eine satte Böe folgt. Der Windmesser springt auf 40 Knoten – aus Nordwest. Das Meer wird immer unruhiger. Als wir den Schutz des Kanals verlassen und uns in den Golfo del Corcovado begeben wird die Welle schlagartig größer. Der heftige Westwind hat in der Nacht eine hohe und recht spitze Welle aufgebaut. Die quer zum Wind laufende Flut macht mit, und verwandelt das Meer in eine Kreuzsee. Zum Glück kommt der Wind nicht genau von vorne.

Segel werden gesetzt, was die Schaukelei im Boot ein wenig verringert. Hart am Wind, mit Fock und Groß im dritten Reff rasen wir mit 8 Knoten und ordentlicher Schräglage durch die wütende See. Im Gegensatz dazu war die Überquerung des Golfo del Penas eine sanfte Kaffeefahrt. Brecher kommen von vorne und fallen über den Bug herein, steigen bis ins Segel hoch. Kaum kann man bis drei zählen, da kommt die nächste Welle und trifft uns seitlich. Das Wasser fliegt über das Cockpit auf die andere Seite. Hinter unserem Heck bleibt eine zehn Meter breite Spur aus Schaum und Gischt. Die Outer Rim hat mit dem Wetter nicht das geringste Problem und läuft sicher und entspannt durch das Wasser, pflügt unermüdlich durch die Brecher.

Natalya und Thomas bleiben an Deck und bewundern die Wellen. Schwerer haben es die Kinder. Da Natalya sich unter solchen Bedingungen nicht unter Deck begeben kann, müssen unsere Großen die Betreuung von Arvid übernehmen und werden seekrank. Natalya berichtet ihnen regelmäßig wie viele Meilen wir noch vor uns haben: 15, 12, 10. Unsere Großen sind inzwischen zuverlässige Helfer. Obwohl es den beiden unter Deck kräftig übel wird, schließen sie sich zusammen und halten durch. Nach oben kommt keine Beschwerde, kein Meckern und kein Jammern.

Bald können wir einen Tick abfallen und die Genua im 4. Reff setzen. Die Wellen treffen uns nicht mehr so stark von vorne, sind aber immer noch brechend, und so hoch, dass sie über den Bug fallend auch in das Segel einsteigen. Als wir die Schutz der ersten Insel erreichen, atmen alle auf. Wir haben immer noch über sieben Knoten Fahrt, haben aber das Gefühl stehen zu bleiben. Noch einige Meilen – beidseits begleitet von Pinguinen und Pelikanen – und der Anker fällt in einer kleinen gut geschützten Ecke des großen Puerto Tictoc. Beim Ausbringen der Landleinen starrt Natalya ein Nachtreiher an: „Willst du deine Leine wirklich an meinen Baum legen?“ Sehr unwillig verlässt er seinen Sitz und ist so beleidigt, dass er in den nächsten Tagen gar nicht mehr zurückkehrt.

Nachdem alles gesichert ist, versuchen Natalya und Thomas die Ufer der kleinen Caleta zu erforschen. Der auch hier spürbare Schwell und starker Tidenhub macht das Anlanden nicht einfach. Nach einigen Metern durch das dichte Unterholz, einen kleinen Bambuswald und einige uns schon bekannte, aber mit der Fortbewegung richtung Norden immer größer werdenden Sträuchern kehren wir enttäuscht zurück. Der Wald ist im wahrsten Sinne undurchdringlich. Nicht, dass einzelne Zweige oder Büsche einem ab und zu den Weg versperren. Man versinkt über einen Meter tief in der Bodenvegetation und hat nur eine grüne Wand der höheren Etagen vor Augen. Es wäre bestimmt interessant eine neue Art Wald kennenzulernen, aber jede Fortbewegung erscheint sinnlos. Hundert Meter weiter ist die Wand genauso dicht wie vorher.

Als Natalya wieder im Dinghy sitzt, ist sie voll mit Blütenstaub bedeckt. Der Wald ist trotz der hohen Breiten immergrün. Obwohl wir uns mitten im Herbst befinden, blühen immer noch genug Pflanzen. Am Ufer entdeckt Thomas einige leuchtend rot blühende Bromelien. Das Meer hat sich so weit beruhigt, dass wir uns eine Fahrt zu den Vogelfelsen in der Bucht gönnen können. Langsam pirschen wir uns an die Pelikane heran und lassen uns an ihnen vorbei treiben. Irgendwann wird es den großen Vögeln zu eng, sie heben ab und verlassen die Felsen. Im Flug bilden sie eine geordnete V-Formation. In den anderen gut geschützten Ecken sitzen zwei Fischer. Das Meer da draußen ist doch noch ungenießbar. Bei akzeptablem Wetter gehen sie bei jeder Gelegenheit ihrer Arbeit nach. Fisch wird hier kaum gefangen. Sie sind auf der Suche nach Muscheln, Seeigeln und Octopuse, die sich beim Tauchen von Meeresboden holen.

Am nächsten Tag bessert sich das Wetter deutlich. Blauer Himmel lässt sich blicken. Eines nach dem anderen inspizieren neugierige Tiere unser Boot. Ein kleiner Seebär dreht seine Kreise um die Outer Rim. Er ist gar nicht fotoscheu, ganz im Gegenteil, er scheint unsere Aufmerksamkeit zu mögen. Von Bord beobachten wir, wie er scheinbar schwerelos durch das Wasser gleitet. Es ist faszinierend mit welcher Grazie sich ein an Land so plump und ungeschickt wirkendes Tier unter Wasser bewegen kann. Als wir unsere Wäsche am Vordeck aufhängen, schaut uns das Tier aufmerksam zu. Kaum ist der Seebär weg, entdecken wir einen Seeotter. Ganz leger auf dem Rücken liegend, treibt er an uns vorbei. Eine kleine Schule Pealedelfine drehen ständig ihre Kreise im Bucht herum. Sie haben keine Zeit zu spielen, offensichtlich sind sie mit Jagen beschäftigt. Immer wieder durchpflügen sie in Formation schwimmend das Wasser.

Am Nachmittag suchen wir am Ufer für die Kinder einen Platz zum Spielen. Durch eine enge Flachstelle, die bei Niedrigwasser fast trocken fällt, fahren wir in eine kleine Lagune ein. Nachdem die Kinder ausgestiegen sind, muss Thomas das Schlauchboot außerhalb der Lagune anbinden, damit wir wieder später wieder zurückfahren können. Weil wir an Bord schon das Brüllen der Seelöwen gehört haben, versuchen wir sie jetzt zu finden. Leider sitzen sie nicht am Ufer, das wir zu Fuß erreichen können, sondern auf einem nackten Felsen ziemlich weit draußen. Und was für eine große Kolonie. Mehrere Hundert Tiere tummeln sich auf der von Wellen umtosten kleinen Insel.

Zwei Fischer rudern uns mit einem kleinem Holzboot entgegen. Sie sind dabei, ihr Abendessen zu holen. Vor der engen Einfahrt werfen sie von Ufer zum Ufer ein Netz ins Wasser. Danach wird mit einem langen Stock aufs Wasser kräftig geschlagen. Fische geraten in Panik und verfangen sich in den Netzmaschen. Kaum ist eine Viertelstunde vergangen, haben die Männer drei Fische im Boot. Während unseres Abendessens entdeckt Thomas ein Segelboot, das gerade dabei ist in unsere Bucht einzulaufen. Eine deutsche Flagge? Kann nicht sein! Wir schauen noch mal, es wird schon langsam dunkel, haben wir uns vielleicht getäuscht? Nein, das ist ganz sicher! Die Kinder jubeln und johlen. Die Umrisse passen genau auf Kalibu! Noch bevor Kalibu genankert hat, springen wir ins Dinghy und fahren ihnen entgegen. Sie sind heute auf wesentlich nördlichere Winde als erwartet getroffen und nutzten sie um nach Tictoc zu kommen. Noch bevor Kalibu richtig vertäut wird, bringt Birgit Zoë und Leonard zu uns, damit die Kinder gemeinsam spielen können. Später kommen auch Thomas und Birgit an Bord. Die Kinder dürfen fast bis zur Mitternacht wach bleiben.

Am nächsten Vormittag fällt unseren Kindern die Schule nicht leicht. Sie haben ihre Freunde so lange nicht gesehen, und würden viel lieber gleich gemeinsam spielen. Aber auch die Kinder der Kalibu haben heute einen Mathetest und Spanisch. Zwischen so vielen Ausflügen und Tagen auf See ist es nicht immer einfach, genug Zeit zum Lernen zu finden. Obwohl es am Nachmittag in Strömen regnet, gehen alle Kinder gemeinsam an Land. Sie erforschen den Strand, spielen im Wald und am Wasser. Thomas würde gerne mit dem Schlauchboot zu den Seelöwen auf die offene See herausfahren, das Wetter (und insbesondere ein Veto von Natalya) hindert ihn daran.

Am nächsten Tag herrscht die Windstille. Endlich ein schöner Tag um die Seelöwenkolonie zu besuchen. Wir können ganz nah an sie heranfahren. Die Tiere haben einen glatt ins Meer ablaufenden Felsen ausgesucht. Wollen sie baden gehen, rutschen sie sanft in die Brandung hinein. So müssen sie nicht an den scharfen Ecken und Kanten vorbei. Gruppen von Jungtieren sonnen sich unter Betreuung von wenigen Seelöwendamen. Als wir uns ihnen nähern, werden die Kindergärtnerinnen nervös und schubsen ihre Schützlinge Richtung Wasser. Der Platz in der Sonne ist so angenehm warm, keiner der Jungtiere ist so übereifrig, Hals über Kopf ins kalte Nass zu springen. Als die Seelöwendamen einsehen, dass wir nur vorbeitreiben, ohne einen Versuch zu machen bei ihnen an Land zu gehen, lassen sie das Baden auch sein.

Thomas fotografiert die Seelöwen aus der Nähe. Mit den verschneiten Bergspitzen im Hintergrund ergeben sie ein tolles Motiv. Nachdem wir jeden Seelöwen aus allen Richtung fotografiert haben, fahren wir zu den Kindern zurück. Jetzt fahren sie mit Thomas zu den Tieren. Nur Arvid will nicht im Dinghy aufs offenes Wasser, daher bleibt er mit Natalya am Strand. Für den Abend ist Ablegen angesagt. In der Nacht sollte der hier so seltener Ostwind kommen. Für die Überquerung des Golfos del Corcovado von Ost nach Nordwest wäre das eine günstige Gelegenheit. Es ist schon fast ganz dunkel als wir an den Inseln und Felsen vorbei aus der Bucht heraus fahren. Über uns funkeln die Sterne, die Milchstraße ist ganz klar und deutlich zu sehen. Die Kinder haben ein Sternbild „Krücke“ erfunden, und suchen es bei jeder Gelegenheit am Himmel. Kalibu hat schon etwas vor uns abgelegt und erscheint uns als kleines Licht am Horizont.

Der Wind lässt auf sich warten, dann spielt er mit uns Drehen und Verstecken. Mehrmals müssen wir die Segelstellung ändern. Eine entspannte Nachtfahrt stellt man sich anders vor. Zwischendurch denken wir schon, dass wir hätten genauso gut unter Tags motoren können. Der Mond geht auf, und alle Kinder gehen begeistert noch mal an Deck, um die hohen Berge des Ostufers im Licht des Vollmonds zu bewundern. Auch Arvid ist von der Naturschauspiel fasziniert. Alle außer Thomas gehen schlafen. Der Skipper bleibt am Deck und führt uns sicher durch die Nacht und kann lange und meditativ Schneeberge im Mondschein betrachten.

Um fünf Uhr Abends erreichen wir unser Ziel – den Hafen von Queilen. Es ist noch stockdunkel, der Mond ist weg, der Himmel ist zum großen Teil bedeckt. Wir wissen, dass in dieser Bucht viele Austern- und Fischfarmen auf unachtsame Seefahrer lauern. Natalya stellt sich mit einer starken Taschenlampe am Bug und versucht sie im schwarzem Wasser auszumachen. Das einzige was sie dabei sieht sind große Quallen. Durch ihre weiße Farbe reflektieren sie sehr gut. Ohne Zwischenfälle arbeiten wir uns bis zum Ankerplatz vor. Um halb sechs können wir unter Deck in die Koje gehen. Es bleibt nicht viel Zeit, bis die Kinder aufstehen und nach Frühstück fragen, sie konnten ja die ganze Nacht ihren Schlaf genießen.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 23. April 2016 von in Uncategorized.
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