SY Outer Rim – A Family's Sailing Adventure

Sailing across the world's oceans with four kids

Südwind bläst uns in den Estero Atracadero

(10.04.2016 – Tag 689 – 12.605 sm)

Auch wenn es für uns Nordwind-Geplagte so klingen mag, das Folgende ist kein Märchen! Am früheren Morgen kündigt sich Südwind durch leichtes Schlagen der Wellen am Heck an. Schnell raus hier, bevor er weg ist! Wir verlassen unser windgeschütztes Versteck der Caleta Jacqueline und setzen noch beim Herausfahren aus der Bucht die Segel. Schon den dritten Tag in Folge bleibt der Himmel strahlend blau. Heute keine Wolke am Himmel! Im Süden hebt sich der majestätische schneebedeckte Gipfel des Monte San Valentin, mit 4.058 Metern weit und breit der höchste Berg und der alleinige Herrscher über dem nördlichen patagonischen Eisschild.

Wir biegen nach Norden in den Canal Errazuriz, und dann… stirbt der Wind. Das war es mit dem Segeln!? Es herrscht komplette Windstille, das Wasser ist spiegelglatt, wie im Lehrbuch, 0 Beaufort. Die Enttäuschung des Skippers ist maßlos. Hätten wir doch gestern fahren sollen, aber da war Natalya der Wind mit 25 vorhergesagten Knoten zu frisch. Das alte Spiel: Segel rein, Motor an! Aber Wunder gibt es doch, es dauert kaum eine Viertelstunde, da kommt der Wind zurück, und schiebt uns sanft von hinten und ganz ohne Böen vorwärts. Mit voller Besegelung als Schmetterling rast die Outer Rim zum Teil mit über 9 Knoten durch das Wasser.

Wir machen uns Gedanken über die weitere Route und entscheiden uns gegen den Umweg nach Puerto Aysen, ziehen kurz in Erwägung in den geschützteren Canal Puyuhuapi (wie lange muss man üben, bevor man das aussprechen kann?) einzufahren, verwerfen aber bald die Idee wegen des zusätzlichen Umweges von etwa 60 Meilen. Die Winde sind in den nächsten Tagen so günstig, dass wir nicht unbedingt einen zusätzlichen Schutz brauchen. Dann gilt es noch eine Entscheidung zu treffen: wollen wir in die Zivilisation, das heißt vor einem Dorf vor Anker gehen, Einkaufen können und Internet haben – oder bleiben wir so lange es geht in der Wildnis bleiben? Wir können uns nicht entscheiden und befragen die Kinder. Sie stimmen für die Wildnis.

So fahren wir am späten Nachmittag in das Estero Atracadero (was romantisch klingt heißt übersetzt „Schiffsanlegestelle“). Schiffe sind weit und breit keine zu sehen. Dafür machen wir bei der Einfahrt in den Fjord unsere erste Bekanntschaft mit einer Fischzuchtstation (Salmonera). Sie versperrt die ohnehin schon mehr oder weniger schmale Einfahrt. Dabei hängen um das eigentliche Fischzuchtbecken herum einige Mooringbojen in ordentlichen Größe, von denen noch Leinen im Wasser hängen und sich wie Fangarme in unsere Richtung ausstrecken. Langsam tasten wir uns vorbei. Auf dem Weg werden wir von einem Fischer in einem kleinen Bötchen freundlich begrüßt. Die Bucht bietet genug Platz um frei zu ankern. Die Kinder beschweren sich, dass die Bucht nicht komplett wild ist und Anzeichen von Besiedelung zeigt. Daran werden wir uns ab jetzt gewöhnen müssen.

In den nächsten Tagen steigen wir auf den höchsten Hügel an der Bucht, um einen freien Blick auf den Canal Moraleda zu bekommen. Die Vegetation am Ufer übertrifft alles, was wir bis jetzt gesehen haben. Wir suchen zum Anlanden eine Stelle, die unserer Meinung nach dafür am besten geeignet ist. Durch eine Art Fuchstunnel unter der dichten Vegetation ziehen wir uns auf allen Vieren krabbelnd am steilen Ufer hoch. Aha, an einer Stelle ist ein Baum gefällt worden, um den Weg passierbar zu machen. Also ist hier doch mehr als nur ein Fuchs durchgekommen.

Im Gegensatz zu den vorherigen Erfahrung wird hier der Bewuchs mit steigender Entfernung vom Ufer nicht lichter. Hoch in den Himmel ragende Bäume, buschige stachelige Sträucher, mannshohe Farne verschmelzen im wilden Durcheinander zu einer fast undurchdringlichen grünen Wand. Dabei wachsen sie nicht auf einem ebenen Grund, sondern auf mehr oder weniger steilen Felsen. Thomas entdeckt im Dickicht einen kleinen zwitschernden Vogel, dessen Schwanz fast doppelt so lang ist wie der Körper. Der Vogel ist gar nicht scheu, aber bei jedem Versuch den Auslöser der Kamera zu drücken hüpft er einen Ast im Busch weiter. Fokussieren ist kaum möglich. Nach einer langen erfolglosen Jagd muss der Jäger seine Kamera wieder einpacken. Später identifizieren wir ihn als Moors Wiretail.

Nachdem Erklimmen der ersten Höhenstufe setzt sich Vsevolod hin und entscheidet, dass er lieber hier auf uns wartet. Natalya und Thomas gehen weiter. Dabei ist Thomas der Einzige, der den eigentlichen, aus fast senkrecht abfallenden Granitbrocken bestehenden Gipfeln, erreicht. Natalya setzt sich im Windschatten hin und genießt den Blick auf den schneebedeckten Vulkankegel des Volcan Macá am gegenüberliegenden Ufer und die im Canal Moraleda verstreuten unzähligen großen und kleinen Insel. Ein wenig weiter südlich, mitten im Kanal sind die Häuser von Puerto Aguierre zu erkennen.

Als wir wieder unten am Dinghy ankommen, ruhen wir uns nach dem Kampf erstmal aus bevor wir zurück zum Boot fahren. Dabei entdecken wir die unverwechselbaren Finnen zweier eigentlich recht scheuer Weißbauchdelfine, die ganz nah bei uns am Ufer vorbei schwimmen. Natalya überlegt, ob sie badet, in der Hoffnung, mit den Delfinen schwimmen zu können. Das Wasser ist aber so kalt, dass sie sich auf Füße Baden begrenzt. Ein Seelöwe schaut kurz aus dem Wasser. Auf den Felsen entdecken wir eine für uns neue Art Kormoran: die Buntscharben. Im Gegensatz zu allen bisher gesehenen Arten haben sie knallrote Füße. Man fragt sich schon, welche Vorteile die Evolution in diesem Merkmal gefunden hat. Welche Vorteile gegenüber dezenteren Farben bringen sie einem fast schwarzen Vogel?

In den nächsten Tagen herrscht Ruhe an Bord. Die Kinder sind gar nicht traurig, dass die Caleta keinen richtigen Strand und somit keine Landausflüge bietet. Wir haben in Aussicht auf viele Wochen Regen für sie einige Bastelprojekte mitgenommen. Bis jetzt waren sie aber so viel unterwegs, durften so viel Neues mitmachen und erleben, dass sie für Basteln selten Zeit hatten. Heute basteln sie ein Solarflugzeug aus Holz und Pappe. Es wird fleißig gesägt, gebohrt und geleimt. Als das fertige Modell einwandfrei funktioniert, ist die Freude groß. Danach wird herumexperimentiert, wie viel Sonne nötig ist, um das Flugzeug zum Laufen zu bringen. Ob das auch mit einer Taschenlampe geht? Arvid hat seine eigenen Experimentierideen: wann kann ich das Modell anfassen, ohne dass jemand zusieht? Wie viel Kraft ist nötig, um das Flugzeug umzuschmeißen? Wie groß ist das Geschrei der großen Geschwistern dabei? So wird es

keinem langweilig.

Und zu guter Letzt erreicht uns kurz vor Abfahrt aus dem Estero die Nachricht, dass unsere Freunde von der SY Kalibu in Kürze zu uns aufschließen werden. Da freuen sich die Kinder auf ausgedehnte Spieleabende und die Erwachsenen auf angeregte Unterhaltungen.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 10. April 2016 von in Uncategorized.
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