SY Outer Rim – A Family's Sailing Adventure

Sailing across the world's oceans with four kids

Wale – tot oder lebendig

(03.04.2016 – Tag 682 – 12.529 sm)

Caleta Suarenz liegt in der Mitte der über den offenen Ozean verlaufende rauen Passage, die den südlichen mit dem nördlichden Teil der chilenischen Kanäle verbindet. Sie bietet sowohl ein gutes Versteck im Falle schlechten Wetters als auch eine gut Möglichkeit, vor den weiteren hundert Meilen auf offener See zu verschnaufen. Daher ist sie bei uns Seglern sehr beliebt.

Für uns ist diese Caleta eine ziemliche Enttäuschung. Die Kinder haben gehört, dass dort am Ufer ein Walskelett liegt. Man stellt sich dabei einen einsam gestrandeten Wal vor, dessen vom Wind und Wetter trockene polierte Knochen in schöner ursprünglicher Anordnung am Ufer liegen. Stattdessen entdecken wir als erstes Überreste eines relativ frischen Walkadavers. Unter den frischen Knochen liegen noch Haut und Blubber. Der faulige Geruch des Todes und der Zersetzung macht sich breit. Das Gras rundherum ist fest getrampelt, Überreste von Tüten, Lebensmittelverpackungen, Bierdosen, Weinflaschen sind breit verstreut. Ganz offensichtlich waren hier Menschen an Werk.

Das etwa 18 Meter lange Skelett liegt so hoch über der Wasserlinie und außerdem mit der Fluke voraus. Nach Strandung sieht das nicht aus. Als wir an den Ufern der Caleta entlang wandern entdecken wir auch einige Delfinüberreste. Alle so weit im Gras, dass sie unmöglich ohne menschliche Hilfe dorthin hätten gelangen können. Am nächsten Walkadaver sitzt ein halbes Dutzend Geier. Als wir uns der Stelle nähern räumen sie unwillig das Feld – aber nicht weit, und landen auf dem nächsten Baum. Es gibt noch einiges zu holen. Welche Fischer sind so dreist vor der Küste Chilie Wale und Delfine zu jagen und zu zerlegen? Und zu welchen Zwecken? Man weiß zwar, dass Delfine oft in Netzen als Beifang landen. Doch zeigen die Ufer der Caleta keine anderen Überreste: weder Fisch-, noch Schalentierspuren. Ein 18 Meter langer Wal geht nicht so einfach als Beifang durch …

Wir fahren wieder zurück zur Outer Rim. Nach dem Abendessen soll es weiter gehen. Wir berechnen die Zeit so, dass wir wieder die Nacht durchsegeln und am frühen Morgen bei den ersten Sonnenstrahlen bei unserem Ziel ankommen. Im Zwielicht der Dämmerung verlassen wir die schützende Bucht. Natalya ist schon dabei die Kinder fürs Bettgehen vorzubereiten als sie heftiges Klopfen an den Fensterscheiben hört. Panisch schaut sie heraus: "ist was mit dem Boot?" Nein, mit dem Boot ist alles bestens, Thomas trommelt alle zusammen, um Wale zu beobachten. Im lautem Abendtrubel an Bord hat keiner seine vorangegangenen dezenteren Rufe gehört.

Wir dürfen den Walen beim Jagen zuschauen. Mehrere Tiere schwimmen im Kreis. Dabei tauchen sie immer wieder auf. Leider ist weder Schnauze noch die Fluke zu sehen, so dass wir anfangs nicht eindeutig bestimmen können, um welche Art es sich hier handelt – es waren aber vermutlich wieder Seiwale. Kräftig ausgeatmete Luft bildet unter Wasser unzählige Bläschen und erschreckt die mitten im Kreis befindlichen gejagten Fische. Den Schutz des Schwarms suchend schließen sich die Beutetiere immer enger zusammen. Bei der nächsten Runde ziehen die Wale einen noch engeren Kreis. Wenn die gewünschte Dichte erreicht ist, müssen sie nur noch das Maul aufzureißen und zu warten, bis genug Nahrung darin gelandet ist. Einige Albatrosse gesellen sich dazu, um an der reichen Beute Anteil zu haben. Man kann nur raten, was unter Wasser passiert und wer an dem Festmahl noch beteiligt ist. Ein Seebär springt plötzlich ganz aus dem Wasser. Eine ganze Weile sehen wir dem Schauspiel in unmittelbarer Nähe der Outer Rim zu, dann drehen wir ab und halten auf den Pazifik zu.

Leider ist der Wind so weit abgeflaut, dass wir anfangs kaum Fahrt machen. Die Outer Rim schaukelt ziemlich heftig ohne ordentliche Anströmung der Segel im mächtigen Schwell. Zum Glück ist das nur vorübergehend – als wir den Windschatten der letzten Insel verlassen, ist der Wind wieder da. Der kommt von achtern, daher wird für die Nacht die Genua ausgebaumt. Dabei ist für einige Zeit das Schiff komplett den Wellen ausgesetzt, da die Segel vollständig eingerollt werden müssen. Entsprechend heftig ist die Bootsbewegung. Natalya hält mit einer Hand die Leinen, mit der anderen krallt sie sich an der Reling fest. Das Deck hüpft auf den Wellen drauf und drunter, das Boot schlingert von einer Seite zur anderen.

Thomas stellt fest, dass eine der Unterwanten (seitliche Befestigung des Mastes) zu locker geworden ist – Splint vergessen einzusetzen! Er schleppt daher die beiden Rigging-Schlüssel (riesige Gabelschlüssel) an, um die Wanten nachzuziehen. Während Natalya mit einem Schlüssel das Anschlussstück hält, dreht Thomas den Wantenspanner fest. Festhalten wird immer problematischer, da Natalya Mühe hat, selber auf dem wild hüpfenden Deck das Gleichgewicht zu halten. Schließlich ist die Schraube fest genug, jetzt fehlt nur noch der Splint, um sie in der Position zu fixieren. Aber wo war der denn? Während Thomas in aller Hektik unter Deck den ganzen Inhalt seines Navitischs durchsucht, muss Natalya weiter den Schraubenschlüssel festhalten: bei drei Meter Schwell auf Vorwindkurs. Sie klopft verzweifelt gegen die Fensterscheibe: Beine und Arme schlafen ein! Die Pins sind aber nicht da! Als Provisorium kommt dann ein Stück Draht zum Einsatz, gewonnen aus einem Metallkleiderbügel. Natalya ist erlöst, und darf jetzt verschnaufen.

Mit schwachen achterlichen Winden haben wir auf diesem Stück fast mehr Geschaukel als im Golfo del Penas, obwohl die See eigentlich weniger wild ist. Die Nacht verläuft ohne weitere Zwischenfälle. Bei gutem Wetter unter blauem Himmel fahren wir in die breite Einfahrt der Bahia Anna Pink ein. War im äußeren Süden jeder zweite Namen mit Desolation (Verwüstung) verwandt, kam nach der Magelanstraße ein wenig Zuversicht in Spiel. Viele Namen haben dort was mit Esperanza (Hoffnung) zu tun. Auch wenn Ultima Esperanza (letzte Hoffnung) nicht wirklich zuversichtlich klingt, passt es doch zur Gegend. Pink dagegen passt überhaupt nicht, und wirkt ganz fremdartig. Aber was Entdeckern alles einfallen kann … wenn etwas abseits der Hauptroute nachsieht, dann findet man z. B. auch eine Ihla Jungfrauen, die sich mitten in einem Estero Fallos befindet …

Bahia Anna Pink begrüßt uns mit drehenden Winden von allen Seiten. Das Segeln wird sehr mühsam. Dauernd fällt das Vorsegel zusammen, steht back. Der Wind ist der Meinung wir sind in den letzten zwei Tagen genug gesegelt. Irgendwann geben wir den Kampf auf und schalten für die letzten zwei Meilen bis zur Einfahrt nach Puerto Millabu den Motor an. Die Nacht war für den Skipper anstrengend genug und wir sind froh, als dann endlich der Anker fällt.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 3. April 2016 von in Uncategorized.
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