SY Outer Rim – A Family's Sailing Adventure

Sailing across the world's oceans with four kids

Golfo ohne Leiden

(02.04.2016 – Tag 681 – 12.455 sm)

Die Strecke von Tortel bis zum Golfo del Penas wollen wir in einem Tag zurücklegen. Daher ist frühes Aufstehen und Ablegen ohne Frühstück angesagt. Die Crew ist kurz vor dem Meutern, aber der Skipper bleibt unerbittlich. Die Tage sind kurz geworden, und wir müssen bis zur Anbruch der Dunkelheit Puerto Francisco – eine Caleta am Eingang des Golfes – erreichen. Außerdem wollen wir die Unterstützung des Ebbstroms nutzen, der an diesem Tag schon früh einsetzt.

Natalya versorgt die Kinder mit Frühstück und legt sich nochmal aufs Ohr. Als sie nach einiger Zeit wieder rausschaut, ruft Thomas, er brauche Hilfe. Er ist vom Canal Martinez eine Abkürzung gefahren, und muss durch eine nicht kartografierte Stelle zwischen zwei Felswänden durch, die vielleicht 50 Meter breit ist. Natalya und Vsevolod halten am Bug nach Hindernissen Ausschau. Die Nerven sind gespannt. Das Wasser bildet Wirbel und kleine Strudel, aber alles im grünen Bereich. Wir tasten und vorsichtig durch. Als wir die Enge hinter uns haben, atmen alle auf.

Kurz vor unserem Ziel kommt uns ein flacher langgezogener Schwell entgegen – die ersten Grüße aus dem Golfo. Die Kinder freuen sich – ab jetzt haben sie wegen der Welle schulfrei. Wir biegen zur Einfahrt nach Puerto Francisco ab. Die ist recht eng. So kommt es uns gerade recht, dass heute so gut wie windstill ist. Auch Landleinen müssen heute nicht unbedingt sein. Die Bucht ist groß genug, Outer Rim liegt frei vor Anker.

Thomas und die Jungs setzen das Dinghy ins Wasser und fahren los, um unseren Wasservorrat aufzufüllen. Ein kleiner Wasserfall fällt unweit des Ankerplatzes vom steilen Fels ins Wasser. Man muss die vollen Kanister gar nicht ins Dinghy hieven, sondern kann sie mit einem Schlauch gleicht im Boot auffüllen. Nachdem die Arbeit erledigt ist, hört es endlich auf zu regnen. Die Wolken brechen auf, und die Sonne kommt heraus. Wir folgen dem Rauschen des Wassers und den Schaumspuren, und erkunden einen kleinen reißenden Fluss. Weit kommen wir nicht, da eine Stromschnelle im Weg ist.

Arvid möchte am Strand spielen, so suchen wir die Bucht ab nach etwas was an Strand erinnern kann. Die Ufer sind steil und steinig. An einer steinigen relativ flachen Stelle, die wir ausgesucht haben, passen gerade vier Personen nebeneinander drauf. Arvid findet einen kleinen Wasserfall und ist damit zufrieden. Vsevolod findet den Miniwasserfall langweilig und versucht den Bach hinauf zu klettern. Irgendwann geht der kleiner Bruder ihm nach. Lange hört man nichts, danach kommen zwei pitschnasse Jungen zurück. Es sieht so aus, als ob sich sich weiter oben unter den Wasserfall gestellt haben. Regenklamotten sind also auch bei Sonnenschein ganz wichtig!

Natalya versucht den Hügel hinauf zu klettern in der Hoffnung einen freien Blick auf den Kanal Messier zu bekommen. Die Vegetation ist so dicht, und das Gelände so zerklüftet, dass sie bald aufgibt. Nachdem sie aus dem Gebüsch voll bedeckt mit Pollen, trockenen Blättern und sonstigen pflanzlichen Teilen herauskommt, will keiner die Erfahrung teilen. Die westliche Seite der Caleta sieht diesbezüglich vielversprechender aus. Da könnte man wohl bis zur Spitze des Berges hinaufsteigen und einen Blick auf den Golf zu haben, aber dafür haben wir keine Zeit mehr. Es ist schon Abend, und für morgen ist keine große Wanderung, sondern ein langer Schlag geplant. Die Nacht ist sternenklar. Das ist ein gutes Zeichen: der Druck steigt, kein Nordwind in Anmarsch.

Wir überlegen hin und her, ob wir gleich bei Sonnenaufgang ablegen sollen, damit Thomas es mit der Navigation einfacher hat, oder am Nachmittag, damit Natalya und die Kinder einen großen Teil der Strecke schlafen können. Schließlich rechnen wir genau aus, dass bis zur Caleta Suarez 97 Meilen zu segeln sind. Auch wenn wir in der Dämmerung ablegen, ist es äußerst zweifelhaft, dass wir vor Anbruch der Dunkelheit am Ziel ankommen. Daher entscheiden wir uns erstmal in Ruhe Mittag zu essen, danach alles so seefest wie möglich zu machen und erst dann Anker zu lichten.

Natalya ist lange damit beschäftigt alles im Boot so zu verstauen, dass in der Nacht nichts wandert oder klappert. Küchenschränke werden mit den verbliebenen Lebensmitteln vollgestopft. Kein Topf hat heute Nacht genug Freiraum. Thomas lacht und fragt, ob Natalya es vor hat, heute doch in die Drakestraße zu fahren. Wir starten ein Experiment mit pharmazeutischem Schnickschnack und kleben uns ein Pflaster gegen Seekrankheit hinter das Ohr. Sollten komische Nebenwirkungen auftreten, haben wir noch genug Zeit, um unsere Entscheidung zum Ablegen zu revidieren. Aber es geht erstaunlich gut – keine Schläfrigkeit oder Müdigkeit wie bei all den anderen Mitteln dieser Art – ist zu spüren.

Schließlich ist es so weit. Der Anker wird hoch geholt. Wir passieren die enge Einfahrt und setzen die Segel. Mit leichtem Wind dümpelt die Outer Rim mit 3 Knoten durchs Wasser. Aber wir haben es heute ausnahmsweise nicht eilig. Der Tag ist strahlend blau, die Sicht ist perfekt. Vor uns sehen wir die Insel San Pedro, mit einem gestreiften Leuchtturm darauf. Hinter uns erstrahlen die weißen Gipfeln des nördlichen Teils des patagonischen Eisfeldes. Der Schwell ist ganz leicht, unter einem Meter. Wie genießen die ersten zehn Meilen. Wir hätten nichts dagegen, dass die Fahrt weiterhin so entspannt bleibt. Nur das ist zu schön, um wahr zu sein, das ist uns doch bewusst.

Vor San Pedro und der ihr gegenüber liegenden Insel sichten wir unzählige Walblase. Kurz darauf entdecken wir auch die Wale. Schwarze, sichelförmige Finnen tauchen aus dem Wasser. Leider sind beim Abtauchen keine Fluken zu sehen. Dieser Art Wale sind wir noch nie begegnet. Kurz denken wir, es könnten Orcas sein, aber das Gesamtbild passt doch nicht dazu. Wer hätte denn gedacht, dass wir in einem der berüchtigsten Gewässer der lokalen Segler mit dem Teleobjektiv und Fernglas am Deck herum rennen und versuchen Wale möglichst günstig zu erwischen. Wir sind der Natur dankbar für die großartige Gelegenheit und das schöne Wetter. Mit unseren Biologie-Büchern an Bord ordnen wir die gesichteten Tiere den Seiwalen zu.

Die Kinder bekommen Hunger und essen unter Deck alles auf was sie finden können. Irgendwann ist das mit dem Segeln aus. Wir kommen überhaupt nicht mehr voran, sondern schaukeln mit dem Schwell hin und her. Thomas wirft den Motor an. Es dauert aber keine fünf Minuten bis frischer Südwest in der vorhergesagten Stärke von 15 Knoten kommt und unsere Segel fühlt. Die Outer Rim düst mit 9 Knoten durch das Wasser. Thomas freut sich über die Rauschefahrt, Natalya ist das zu viel, daher wird gerefft. Auch nach dem Reffen fällt die Geschwindigkeit selten unter 8 Knoten. Natalya und die Kinder gehen unter Deck.

Als Natalya nach einiger Zeit wieder ins Cockpit kommt, entdeckt sie auftürmende Berge und klaffende Täler, einander abwechselnd, seitlich an die Outer Rim anrollen. Wir schätzen die Wellenhöhe auf vier Meter. Wider Erwartung kommt keine Kreuzwelle. So gleitet unser Boot mit prall gefüllten Segeln mit ordentlicher Geschwindigkeit und ohne Taumelbewegung durch die hohe See. Mit Anbruch der Dunkelheit gehen die Kinder ins Bett. Nur Vsevolod meldet sich freiwillig für die erste Nachtwache in seinem Leben, und übernimmt die erste Schicht. Zuerst ist er lange damit beschäftigt genug Kleidung anzuziehen. Ohne Sonne wird es draußen schnell kalt. Am Ende seiner Wache kämpft er angestrengt gegen den Schlaf und die Müdigkeit. Als die Stunde vorbei ist, ist unser großer Junge mächtig stolz. Er war eine Stunde lang alleine für die Sicherheit des Bootes und der Crew zuständig und hat Papa eine Stunde Ruhe geschenkt.

Als alle Kinder schlafen stellen wir erstaunlich fest, dass wir Hunger haben. Die Pflaster wirken einwandfrei. Obwohl wir seit einigen Stunden unterwegs sind, verspüren wir kein Anzeichen von Seekrankheit. So suchen wir in der gut aufgeräumten Küche nach Essbarem. Natalya geht ins Bett und darf schlafen während Thomas durch die Nacht navigiert. Alle außer dem Skipper schlafen die Nacht durch und wachen erst kurz vor dem Ziel auf. Obwohl wir uns immer noch auf dem offenen Ozean befinden, ist die Welle deutlich weniger geworden.

Im schwachen Licht des Mondes ziehen wir an der Westküste Chiles vorbei und umrunden die Peninsula de Tres Montes. Schon von Weitem ist das Licht des Leuchtturms am Capo Raper zu sehen. Thomas hält immer 2-3 Meilen Abstand von der Küste, navigiert nach Seekarte. Je näher wir dem Capo Gallegos kommen desto näher erscheint die Küste. Da kann irgendwas nicht stimmen. Also vorsichtig etwas weiter weg fahren, liegen ja doch einige Inseln und Felsen im Weg. Später stellen wir fest, dass Teile der Küste tatsächlich auf der Karte über eine Meile gegenüber der Realität verschoben sind – und zwar landeinwärts. Da kann man schnell mal eine böse Überraschung erleben. Wer hätte gedacht, dass diese viel befahrene Strecke so schlecht kartografiert ist. Gut, dass Thomas hier vorsichtig war!

Am Vormittag fällt der Anker in der Caleta Suarez. Der Kapitän kann sich jetzt endlich ausruhen. Die Kinder sitzen auf heißen Kohlen und warten, bis sie an Land dürfen. Sie haben gehört, dass es hier am Strand ein Walskelett zum Entdecken gibt.

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