SY Outer Rim – A Family's Sailing Adventure

Sailing across the world's oceans with four kids

Abstecher nach Tortel

(30.03.2016 – Tag 678 – 12.313 sm)

Während wir den Canal Baker nach Osten weiter fahren, wird dessen Wasserfarbe immer intensiver. Von leichtem Grün am Eingang des Kanals geht sie ins intensiv Türkis über. Wir wünschen uns ein paar Sonnenstrahlen, um diese Farbenpracht in vollem Maße zu erleben. Heute wird uns dies nicht gegönnt, dazu haben wir wohl zu viel Sonne am Wochenende bekommen. Aber wenigstens regnet es nur einen Teil des Tages.

Kurz vor dem kleinen Ort Tortel ruft Natalya die Armada, Baker Radio, über Kanal 16. Alles kein Problem, sie erwarten uns. Da für die nächsten Tage wenig Wind vorhergesagt ist, ankern wir frei, mitten in der Bucht vor dem Ort. Die Kinder haben schon einen tollen Sandstrand gesichtet und setzten sich eher widerwillig erst zum Mittagessen hin. Danach wird das Dinghy ins Wasser gelassen, wir fahren zum Steg. Anlanden ist kein Problem. Überall gibt es gut ausgebaute Stege. Die Dorfbewohner nutzen selber ihre Dinghys um von einem Ende des Dorfes zum anderen zu fahren. Und wie sie fahren … mit voller Geschwindigkeit im Stehen – und falls es regnet mit einem Regenschirm.

Thomas will zuerst zur Capitania, um uns anzumelden. Tortel steht als Zwischenziel gar nicht auf unserer Zarpe (Erlaubnis zur Fahrt in den chilenischen Gewässern), nicht das es deswegen Probleme gibt. Aber die Capitania ist erst mal geschlossen. Siestazeit! Erst am späteren Nachmittag ist jemand anzutreffen. Die Beamten sehen sich Pässe und Zarpe ganz genau an, machen einige Eintragungen in ihrem Computer und wünschen uns dann einen angenehmen Aufenthalt in Tortel. Sehr nett und wenig bürokratisch.

Lange Zeit war Tortel genauso isoliert und abgeschieden wie Puerto Eden. Seitdem vor wenigen Jahren eine Straße gebaut wurde, die das Dorf mit dem transamerikanischen Highway verbindet, ist die Zeit der Isolation vorbei. In Erwartung eines touristischen Booms wurden im Dorf einige kleine Hostels, ein Hotel und einige kleine Restaurants geöffnet. Und es scheinen sich tatsächlich ein paar Touristen hierher zu verirren, der große Boom ist aber ausgeblieben. Chile hat so viel zu bieten, die Urlaubstage, vor allem die Anreise miteinberechnet, sind so knapp, dass ein Ort abseits der Hauptsehenswürdigkeiten keine große Chancen hat. Für uns hat das seinen besonderen Charme.

Die Häuser des Ortes kriechen an den steilen Hängen den Hügel hinauf. Aus den Fenstern haben die Einwohner einen Blick auf die türkisfarbene Bucht. Im Rücken leuchten bei Sonnenschein intensiv blaue Gletscher an den Gipfeln der Berge. Die ganze Idylle wird nur etwas durch die Versorgungslage vermiest. Wegen Wassermangels im lokalen Wasserkraftwerk ist der Strom rationiert und wird nur zu bestimmten Tagesstunden bereitgestellt. Die Gemüseauswahl im "Supermarkt" besteht aus verschrumpelten Karotten und welken Kartoffeln, noch trostloser als in Puerto Eden.

Unsere Kinder spielen begeistert am Strand. Den Hinweis, das man dort Schuhe ausziehen sollte, haben wir frech ignoriert. So abgehärtet sind wir doch nicht. Es ist sowieso keiner außer uns dort. Wer an diesem Strand eine Dusche gebaut hat, hatte es wahrscheinlich vor, irische oder dänische Schwimmgäste einzuladen. Als der Regen anfängt will der schon erwachsene Teil der Crew an Bord. Der Kinderteil protestiert und will weiter spielen. So einigen wir uns darauf, dass wir in einem der überdachten Spielplätze vor dem Regen Schutz suchen. Obwohl es im Dorf nicht wenige Kinder gibt, sind wir dort die einzigen Besucher. Es wirkt so aus, als ob diese Spielplätze gar nicht zu der lokalen Kultur gehören, und nur für Besucher gebaut wurden.

Am nächsten Tag gehen die Kinder einer ihrer Lieblingsbeschäftigungen nach. Sie streifen durchs Dorf und streicheln und dressieren alle frei verfügbaren Hunde und Katzen. Am Abend gehen wir in einem kleinem Lokal essen. Es ist nicht gerade günstig, aber der Fisch ist frisch und lecker, wenngleich wenig ideenreich zubereitet. Unsere Kinder werden langsam erwachsen. Sie wollen auch nicht nur Pommes, sondern ebenfalls eine Portion Fisch mit Salat dazu. Wir essen ganz romantisch beim Licht einer LED-Taschenlampe. Strom gibt es ja erst ab acht Uhr abends, und im Herbst wird es schon wesentlich früher dunkel.

Tortel liegt an der Mündung des Rio Cochrane, den angeblich wasserreichsten Fluss Chiles. Ein ganzes Stück ist der Fluss sogar schiffbar, zumindest mit dem Dinhgy. Das will sich Thomas nicht entgehen lassen und packt kurzerhand die Kinder ins Beiboot und düst los, raus aus der Bucht von Tortel. Draußen kommt dann schon ein etwas kräftiger Wind mit zugehöriger Welle entgegen, entsprechend nass werden die Insassen. Arvid ist das zu viel und verkriecht sich am Boden. Aber bald sind die 3 Kilometer auf dem offenen Kanal hinter uns und wir biegen in den Flusslauf ein. Das Wasser ist hier ruhig, die Vegetation rahmt das Fahrwasser dicht ein. Und wenn man sich nicht auskennt kommt was kommen muss: Wir laufen auf eine Sandbank auf. Zu dumm, dass hier das Fahrwasser nicht mittig im Fluss verläuft sondern ganz am Rand der Wasserfläche. Also Motor hoch und freikämpfen.

Der Expeditionstrupp fährt einige Kilometer den Fluss hoch bis zu einer großen Sandbank in einer Flussbiegung. Hier steigen wir aus. Die Kinder versuchen, den Sand umzugraben und bauen Tunnel und Straßen. Thomas erkundet die Gegend und die Vegetation und entdeckt dabei Großwild … schwarz, braun, weiß und macht Muhhh. Ganz eindeutig sind wir hier immer noch nahe der Zivilisation. Dennoch schön, die etwas andere Flora zu erkunden, am Fuße hoher schneebedeckter Berge und steiler Wasserfälle im Hintergrund.

Nach einigen Spiel- und Erkundungsstunden am Flussufer geht es wieder zurück. Ein lokales Versorgungsboot fährt gerade an uns vorbei, da fahren wir einfach hinterher. Die werden schon wissen, wo das Fahrwasser am besten ist. Irgendwann biegen sie vom Flusslauf ab. Uns ist das nicht suspekt und wir fahren wieder aufs offene Wasser hinaus. Thomas ist zu übermütig und nimmt die Kurve etwas zu eng. Schwupps sind wir wieder aufgelaufen. Dieses Mal kommt stärkerer Wind und Welle von der Seite und drückt uns immer stärker in den Sand. Wir müssen schon richtig kämpfen, um wieder frei zu kommen. Dann geht es mit Wind im Rücken zurück nach Tortel. Dort treffen wir natürlich auf das lokale Boot. Hätten wir uns nur bis zum Schluss an die rangehängt. Dann wüssten wir auch, wie die Abkürzung verläuft. Aber sei es drum, der Ausflug war trotzdem toll und die Kinder hatten ein ausgiebiges Bad im Sand.

Am Abend studieren wir das letzte Mal den Wetterbericht und entscheiden uns am Samstag über Golfo der Penas zu fahren. Leichte Südwinde sind für einen längeren Zeitraum vorhergesagt.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 30. März 2016 von in Uncategorized.
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