SY Outer Rim – A Family's Sailing Adventure

Sailing across the world's oceans with four kids

Zum patagonischen Eisfeld und in den Estero Peel

(02.03.2016 – Tag 650 – 11.928 sm)

Heute ist ein traumhafter Tag, um den Kanal Union nach Norden zu fahren. Statt der mächtigen Welle, die wir vor zwei Tagen an der gleichen Stelle erlebt haben, herrscht heute spiegelglattes Wasser vor. Am blauen Himmel ziehen vereinzelt kleine weiße Wolken an uns vorbei. Alle Berggipfel entlang des Kanals, auch der mächtige Monte Sarmiento, liegen frei. Frischer Schnee funkelt an ihren Gipfel. Blaue Gletscher fließen mal wellig mal zackig von ihren Hängen herunter. Keiner von ihnen reicht bis zum Wasser.

Unsere Kinder finden es schade, dass wir nicht in Puerto Fontaine anhalten. Die verspielten Delfine, die wir bei unserem letzten Stopp dort antrafen, haben sie ins Herz geschlossen. Wir wollen aber heute möglichst weit in diesem Kanal kommen. Die windarmen Tagen hier sind eher selten, und der Kampf gegen Wind und Welle von vorne an den windreichen Tagen kostet einiges an Geduld, Kraft und Diesel. Lange überlegen wir und schwanken hin und her, ob wir in der Caleta Victoria auf Kalibu warten sollen. Schließlich entscheiden wir uns schweren Herzens für die Caleta Bernard weiter nördlich, mit der Absicht wieder zurück zu kommen, falls Kalibu es zeitnah bis Victoria schaffen sollte.

Die Caleta Bernhard liegt geschützt hinter einer Reihe von kleinen Inseln. Es ist ganz friedlich und ruhig. Die Stille wird nur durch das Tröpfeln der von den Felsen herunter fließenden kleinen Wasserrinnsale unterbrochen. Die Kinder fahren zum Stand. Thomas begibt sich mit seiner Kamera auf Vogeljagd und verfolgt ein Ehepaar Kelpgänse, die durch die auffällige weiße Färbung des Federkleids des Männchens leicht auszumachen sind. Er beobachtet auch wie eine Kelpmöve einem Rotbrustfischer seine Beute streitig macht, und wie dieser sich immer wieder ins Wasser eintauchend vor der Verfolgung rettet. In Deutschland sind Eisvögel eine absolute Rarität. Hier gehören sie noch zum Alltag. Sie sind überhaupt nicht menschenscheu, und lassen sich gelassen aus der Nähe beobachten. Ebenso wie die Uferwipper, die einen bis auf weniger als einen Meter Abstand an sich heran kommen lassen.

Das Barometer zeigt ein stabiles Hochdruckgebiet an. Wir genießen einen Tag Ruhe in der Caleta. Am nächsten Morgen weht immer noch kein Wind, was für eine erfreuliche Nachricht! Auch an diesem Tag entscheiden wir uns dafür, möglichst weit zu kommen, und entscheiden uns für die ordentliche Strecke von 75 Meilen. Da die Tage mit dem Fortschreiten des Jahres wesentlich kürzer geworden sind, müssen wir dafür ziemlich früh aufstehen und mit dem ersten Licht des Morgens den Schutz der Bucht verlassen. Es verspricht ein schöner Tag zu werden. Im Kanal Sarmiento kommen uns einige Nutzschiffe entgegen. An der engsten Stelle überholt uns ein mehr als 230 Meter langes Kreuzfahrtschiff. Seine Geschwindigkeit von 18 Knoten ist schon beeindruckend. Die Fahrgäste auf dem Aussichtsdeck und in ihren Seitenbalkonen machen ein paar Bilder von uns, dann verschwindet das schwimmende Hotel mit holländischem Namen hinter der nächsten Kanalbiegung. Vor einer Inselspitze taucht ein Buckelwal auf. Thomas schafft es noch seine verschwindende Fluke zu fotografieren.

Schon schimmern die ersten mit Puderzucker bedeckten Gipfeln in der Ferne. Die Sonne beleuchtet ihre Eisspitzen. Arvid fragt, ob man das Eis dort essen könnte. Mit der Zeit werden es mehr, bis fast der ganze Horizont mit schneeweißen Bergen voll ist. Ein atemberaubendes Panorama, und was für ein Glück – ohne Nebel und Schleier, mit blauem Himmel und zarten weißen Wolken im Hintergrund. Das ist das Patagonische Inlandseisfeld (Campo de Hielo Norte und Campo de Hielo Sur). Ein Relikt aus der letzten Eiszeit, das sich noch immer über mehr als 400 Kilometer von Süd nach Nord erstreckt, und dabei weit über 50 Kilometer breit ist und insgesamt 20.000 qkm bedeckt. Das ist etwa die Fläche Hessens! Dabei sind das nur die Reste des mächtigen Eisschildes, der vor 20.000 bis 10.000 Jahren die Berge und Täler hier formte. Die Gegend stellt jetzt noch ein zusammenhängendes Schnneemassiv dar und liegt an der Grenze zwischen Chile und Argentinien. Das Gebiet ist von beiden Seiten so unzugänglich, das es nicht nur im wahrsten Sinne einen weißen Fleck auf der Karte darstellt, sondern auch an den meisten Stellen von Menschen noch nie betreten wurde. Wir begnügen uns mit dem tollen Anblick.

Nach dem wir den Canal Sarmiento verlassen und zum Estero Peel abbiegen, können wir Segel setzen. Gerade rechtzeitig, damit die Touristen des vom Gletscherbesuch zurückkehrenden Kreuzfahrtschiffes nicht noch einmal ein Segelboot mit nacktem Mast fotografieren müssen. Da war ihr Gletscherbesuch aber kurz – gerade eine halbe Stunde zum Foto schießen, dann weiter. Wir sind froh, dass wir mehr Zeit haben.

Auch wenn das Panorama absolut einmalig ist, zehren die letzten Meilen an der Geduld. Wir sind schon fast 12 Stunden unterwegs. Auf dem Weg zur Caleta Amalia treffen wir viele Fischer. Dabei wirft uns ihr Verhalten ein ungelöstes Rätsel auf. Als erstes sichten wir ein Fischerboot, dass wie „alle meine Entchen“ sieben kleinere Fischerboote hinter sich zieht und Richtung Canal Sarmiento fährt. Nach und nach entdecken wir hinter hervorstehenden Felsen, und so wie es die Fischer mögen, in möglichst windgeschützter Lage nah am Felsen, sechs Fischerboote. Stammen die Beiboote von ihnen? Warum müssen sie weg? Es wird wohl ein Rätsel blieben…

Es ist schon fast dunkel als wir in der Caleta Amalia ankommen. Das ist eine Bucht mit grünem, durchsichtigen Wasser, von dichtem Wald und hohen, aber eher gemächlich abfallenden Felsen geschützt. Unser Revierführer spricht zwar davon, dass Ausbringen von Landleinen hier unmöglich ist. Wir sehen aber keinen Grund warum. Man kann doch nah genug an die Bäume kommen. Wir ankern trotzdem frei, die Bucht ist dafür groß genug, und sind froh, dass wir uns mindestens eine halbe Stunde Zeit damit gespart haben. Der Blick nach hinten zum Gletscher Amalia und den umliegenden Bergen ist immer noch frei. Langsam taucht die Abendsonne die Szenerie in warmes Abendlicht. Wir wissen, was für ein Glück wir damit haben, sind aber ein wenig traurig, in der Gewissheit, dass es dort morgen dicke graue Wolken und Regenschleier hängen werden.

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