SY Outer Rim – A Family's Sailing Adventure

Sailing across the world's oceans with four kids

Über Stock und Stein zum Campo de Hielo Sur

(10.02.2016 – Tag 629)

Seit Tagen liegen wir am Ende des Fjords Estero de las Montanas. Trotz des tobenden Wetters fühlen wir uns gut geschützt und gemütlich. Die hohen Bäume bremsen den Wind ab, so dass die Outer Rim erst bei 40-50 Knoten Wind in leichtes sanftes Schaukeln gerät. Die Kinder spielen gerne am Strand.

Alle gemeinsam unternehmen wir einen kleinen Ausflug und erklettern den relativ steilen Hang am östlichen Ende des Strandes, um Überblick über die Gegend zu gewinnen. Arvid ist begeistert von Größe der wild brausenden Wasserfälle, die wir erreichen, und würde sehr gerne bis zu den Schneefeldern weiter oben kommen. Leider ist das mit der Kraxe nicht möglich, zu weit der Weg und zu unwegsam das Gelände. Mit großer Vorsicht steigen wir wieder ab. Der starke Wind wirft uns Regentropfen ins Gesicht, der Boden ist nass und glitschig. Wieder unten angekommen bleiben die Kinder am Stand spielen. Wind und Regen machen ihnen nichts aus.

Beim Abendessen planen wir den Ausflug zu einem Gletschersee nördlich unserer Ankerstelle. Es sind vier Kilometer Weg einfach – querfeldein durch die Wildnis. Thomas bereitet sich mit Hilfe der Satellitenaufnahmen vor (Dank sei Google Earth) und schreibt GPS-Koordinaten auf. Am nächsten Morgen ist es immer noch sehr windig und unbeständig, aber es sind kleine Flecken blauen Himmels zu sehen. Das gibt Hoffnung.

In Sichtweite reiten weiße Schaumkronen flott auf den Wellen durch den Fjord. Wir steigen trotzdem in unser Dinghy und fahren los – um die Landspitze herum, nach Norden, gegen den Wind, ohne Schutz. Die Wellen die uns begegnen sind hoch, steil und spitz und kommen in kurzen Abständen. Einige Wellen möchten auch gerne mit in unser Dinghy einsteigen. Zwei Mal gelingt es ihnen auch und wir bekommen einen Schwall kaltes salziges Wasser über dem Kopf. Gut dass wir von Kopf bis Fuß wasserdicht eingepackt sind. Nur Thomas bekommt den Kopf ordentlich gewaschen. Das Schlauchboot brettert hart über die Wellenkämme. Als wir den Schutz des Landes wieder erreichen, sind wir froh, die Strapaze überstanden zu haben.

Um den Weg zu verkürzen probieren wir kurz den Gletscherfluss hoch zu fahren, aber er ist so milchig trüb, dass wir weder die Tiefe noch die Hindernisse erahnen können. Das Boot wird an Land gezogen. Wir müssen doch die ganze Strecke selber laufen. Das Tal des Gletscherflusses ist so nass und so dicht bewachsen, dass wir sofort die Idee des unteren relativ flachen Weges verwerfen. Wir steigen an einem terrassenförmigen Berghang langsam hoch. Es geht ständig rauf, runter, flach. Wir überqueren unzählige Bäche, wandern um kleine Baumgruppen herum, suchen uns Wege um kleine Seen.

Eine größere Gruppe Kondore kreist neugierig über unseren Köpfen. Die bleiben so lange und so nah bei uns, dass wir unwillkürlich an den Film „Die Vögel“ von Hitchcock denken. Manchmal kommen wir an steilen Kanten an und müssen wieder zurück laufen, um eine Alternative zu suchen. Wir kämpfen uns durch das Gestrüpp der kleinen Wäldchen, die sich in den relativ windgeschützten kleinen Tälern angesiedelt haben. Dummerweise sind das genau die Stellen, die sich zum Hochsteigen am besten eignen.

Den ganzen Weg haben wir einen riesigen Gletscher vor Augen. Obwohl der Himmel fast vollständig bedeckt ist, ist die Sicht gestochen scharf. Die Sonne spielt mit uns Verstecken und beleuchtet mal hier mal da einen Fleck. Der Kontrast der tiefen, fast schwarzen Wolken und des weißen, durch Sonnenstrahlen grell beleuchteten Schnees verschafft einen zusätzlichen Reiz. Als wir schon einige Höhenmeter hinter uns haben, können wir fast den gesamten Gletscherfluss überblicken. Schlangenlinien des unglaublich intensiv gefärbten Flusses ziehen durch ein breites Tal. Die Farbe ist mit Worten kaum zu beschreiben. Das Wort „türkis“ würde am besten passen, aber das ist nicht intensiv genug, um die Schönheit und die Intensität dieser Farbe zu vermitteln.

Inzwischen haben wir fast die Vegetationsgrenze erreicht. Über uns türmen sich nur schroffe, kahle Felsen… und die versperren und vollständig die Sicht auf unser Ziel. Wir sind schon länger als zwei Stunden unterwegs, haben uns abgekämpft und sehen nicht die geringsten Anzeichen von DEM Gletscher. Eine Handvoll anderer Gletscher, zwei andere Gletscherseen – das alles sehen wir klar und deutlich – es reicht uns aber nicht. So klettern wir weiter hoch, laufen über loses Geröll, kämpfen uns in einem Tal durch einen Wald aus Südbuchen, die wie ganz normale Südbuchen aussehen, nur im Liegen statt stehend wachsen müssen.

Jedes Mal als wir glauben, hinter diesem Grat unser Ziel vor Augen zu haben, entdecken wir vor uns nur einen neuen, noch höheren, noch schrofferen Grat. Schließlich nach einem langen Kamm biegen wir einmal um die Ecke, und können auf die blaue Abbruchskante des Gletschers blicken. Wir haben es geschafft! Noch einmal um die Ecke, und unter unseren Füßen liegt der Gletschersee. War die Farbe des Flusses schon kaum zu beschreiben, ist die Farbe des Sees noch Tausendmal intensiver! Von allen Gletscherseen, die wir bis jetzt mit eigenen Augen gesehen haben, ist der hier am spektakulärsten.

Wir setzen uns an die Felsen und genießen den Blick. Wie durch ein Wunder bleibt trotz des dicht bedeckten Himmels der Gletscher die ganze Zeit im Sonnenlicht. Es ist sehr windig oben. Der Wind steigt an den Berghängen auf, für uns es gibt kein Versteck. Wir kauern in einer Einbuchtung im Fels und essen unsere Kekse auf, trinken dazu eine Tasse eiskaltes Wasser aus einem Bergbach und begeben uns bald auf den Rückweg. Dabei wundern wir uns, wie wir so schnell und flott so hoch gestiegen sind. Wir befinden uns auf fast 600 Höhenmetern. Vor allem in der oberen Lagen ist der Weg nach unten nicht weniger anstrengend als der Aufstieg. Einmal rutscht Thomas an einem steilen Grashang aus und schlittert auf dem Hosenboden einige Meter den Berg runter. Ein ordentlicher Steinbrocken rutscht in einer knappen Entfernung hinterher. Zum Glück trennen sich ihre Wege und der Brocken saust an Thomas vorbei.

Die Beine beschweren sich, sie hätten genug. Wir entscheiden uns für einen weniger steilen, dafür aber viel feuchteren Weg. Die Berge hinter uns verschwinden im Regenschleier. Wir erwarten, dass der Regen auch bald zu uns kommt, und wollen uns beeilen. Die müden Knie protestieren. Was macht denn schon so eine kleine Regendusche aus? Auch die letzten Meter haben wir geschafft und stehen jetzt vor unserem Dinghy. Im Gegensatz zu manchen anderen Gletscherabenteuern steht das Boot noch richtig herum. Wir haben aus unseren Fehlern gelernt und es heute nicht nur hoch am Strand gezogen, sondern auch noch zusätzlich tief im Gebüsch den Anker befestigt. Mühsam schleppen wir es wieder zum Wasser und fahren die Meile zurück zur Outer Rim. Auch dieses Mal würde manche Welle gerne mitfahren, aber einsteigen von hinten ist wohl nicht so einfach und so bleiben wir weitgehend trocken… bis die letzte Welle uns überlistet, und von der Seite statt von vorne kommt und uns im vollem Schwall ganz herzhaft grüßt. Tja, wieso sollte man in einer solchen Gegend trocken nach Hause kommen?

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