SY Outer Rim – A Family's Sailing Adventure

Sailing across the world's oceans with four kids

Silvesterfeuer

(01.01.2016 – Tag 590 – 11.208 sm)

Die Zeit im Hafen von Puerto Williams wird uns langsam zu viel. Das Ab- und Anlegeballett, Stiefeln über fremde Boote auf dem Weg zum eigenen und umgekehrt. Nachdem alle Formalitäten erledigt sind, legen wir ab. Der Wind kommt wie fast immer hier von vorne, leider etwas zu schwach. Erst kreuzen wir hart am Wind Richtung Westen, dann geht für ein paar Meilen der Motor an. Heute wollen wir eh nicht so weit, nur raus aus Puerto Williams, endlich los. So erreichen wir kurz vor dem Abendessen unseren ersten Zwischenstopp zur Gletscherregion von Feuerland – die Caleta Burschem Sur.

Nach einer ruhigen Nacht geht es weiter. Der Wind hat zugenommen, weiße Pferde laufen über den Beagle Kanal und uns entgegen. Das wird ein harter Tag. Erst versuchen wir noch die Genua zu setzen, dann geht schnell die Fock hoch. Den Kanal teilen sich hier Argentinien und Chile. Da wir ja in Chile einklariert sind, wissen wir nicht, ob wir noch die nördliche, argentinische Seite besegeln dürfen. Es ist aber so viel einfacher lange Schläge von Ufer zu Ufer zu machen. Daher pendeln wir den ganzen Tag zwischen Argentinien und Chile hin und her. Keiner beschwert sich.

Wir segeln an Puerto Navarino vorbei. Dort ist eine Armadastation, und es wird wie üblich nachgefragt: „Wer, wohin, warum, wie viele, seit wann, wie lange …?“. Sogar unsere Email-Adresse müssen wir mehrmals mühsam per Funkalphabet buchstabieren. Wir können unseren Gegenüber kaum hören, daher dauert der Austausch der Adressen eine Ewigkeit.

Das Kreuzen nimmt heute kein Ende. Manchmal haben wir das Gefühl, wir treiben rückwärts. Der Wind ist frisch. Jedes Mal wenn die Schräglage des Schiffes die 20 Grad übersteigt, kommt Natalya ans Deck und beschwert sich über die Sachen, die durch das Boot fliegen. Erschöpft setzen wir den Anker in Puerto Borracho. Übersetzt heißt das Hafen der Besoffenen. Der Skipper rechnet: für 25 Meilen, die uns vom ersten Zwischenstopp trennen, haben wir 45 Meilen Segelstrecke zurückgelegt. Entschädigt werden wir durch die beeindruckende Szenerie des Beagle Kanals. Die schnee- und gletscherbedeckten Berge der Tierra del Fuego steigen auf über 2.000 m und säumen den Kanal zu beiden Seiten. Die Hänge fallen steil ins Wasser ab, sind auf den unteren 500 Metern mit dichtem grünen Wald bedeckt. Beim Wenden ist man immer versucht, möglichst nahe ans Ufer zu fahren, damit man lange Zeit hat, die Schönheit der Natur aufzusaugen.

Am nächsten Morgen entdecken wir die SY Aramia, wie sie an unserer Bucht vorbeifährt. Schnell Landleinen einholen und hinterher fahren. Wir veranstalten eine kleine Freundschaftsregatta. Zuerst hält Aramia ganz gut mit, dann fallen sie deutlich zurück. Später erfahren wir, dass sie ein Leck im Süßwassersystem hatten und sich darum kümmern mussten. Als wir in der Caleta Olla ankommen, stellen wir fest, dass da schon drei andere Boote liegen. Von wegen Einsamkeit… Das Leinenmanöver sind dieses Mal eine Katastrophe. Alles was schief laufen kann, läuft auch schief. Wir verlassen uns auf den Windmesser, der oben im Mast hängt. Vsevolod und Uwe bringen die Luvleine zuerst aus. Sie sind zu langsam, das Boot driftet von Ufer weg. Natalya rollt die Leine schneller und schneller ab, bis das Ende ins Wasser rauscht. Arvid glaubt, die Leine ist für immer verloren, und bricht in Tränen aus. Nachdem die Leine wieder eingefangen und zurück gebracht wird, fahren Vsevolod und Uwe mit der zweiten Heckleine aus. Dabei finden wir heraus, dass die erste ja gar keine Luvleine ist. Der Wind kommt jetzt direkt von hinten! Unser durch Anker und eine Landleine manövrierunfähiges Boot wird durch kräftigen Wind immer näher an die Felsen gedrückt. Thomas versucht durch Betätigen des Rückwärtsganges und des Bugstrahlruders sich möglichst weit von Felsen fernzuhalten. Die zweite Leine ist auch zu kurz. Wir verlängern sie, befestigen sie an einem Baum und versuchen sie dichter zu holen. Dabei löst sich der Knoten. Wir driften wieder auf die Felsen zu. Uwe fährt nochmals raus und bindet zwei Leinen mit einem Doppeltenpalstek zusammen. Langsam, Zentimeter für Zentimeter holen wir die beiden Leinen dichter. Outer Rim liegt jetzt sicher.

Ein holländisches Boot, das nach uns gekommen ist, fährt das Manöver anders. Als erstes fahren sie mit der ganzen Leine aus, befestigen sie an einem Baum und bringen das lose Ende zurück an Bord. Dann schnell die zweite Leine. Sie sind fertig bevor das Boot anfängt zu driften. Wir merken uns die Taktik für das nächste Mal. Thomas hilft noch Aramia ihre Landleinen auszubringen. Danach ist Feierabend. Hier sind wir vor Wind und Wetter gut geschützt. Links von uns ragt eine steile Wand gegen Himmel, hinter uns ist ein mit Wald bewachsener Strand. Die Bäume bremsen den Wind deutlich ab.

Am nächsten Tag ist Silvester. Wir verabreden uns mit den anderen Booten um 8 Uhr Abends am Strand für ein Lagerfeuer mit Sekt. Das ist ein ruhiger strahlender Sonnentag. Daher wird am Vormittag die Schule links liegen gelassen und wir gehen wandern. Unser Revierführer verspricht eine 1,5 Stunden lange Wanderung bis zur Spitze des Hügels. Von dorthin wollen wir bis zum Gletschersee runter steigen. Sollte kein Problem sein – steht ja auch so im Revierführer. Daher nehmen wir kein Wasser zu trinken mit, sondern eine Metalltasse, um mit ihr aus dem Gletschersee zu trinken. Der Weg zum Gipfel ist leicht zu finden. Ein breiter Pfad mit vielen Fußspuren schlängelt sich den Berghang hinauf. Der Untergrund ist feucht und weich. Er fühlt sich wie ein weiches, nasses Kissen an. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau, daher können wir den freien Blick auf den Gletscher voll genießen. Im smaragdgrünen See schwimmen blau und weiß schimmernde Eisberge. Mehrmals hören wir lautes Grollen, es ist aber nichts zu sehen.

Am Berghang ist kein Trinkwasser zu finden. Die Kinder werden von Durst geplagt. Natalya rettet sich im dem sie die überall in Überfluss hängende Beeren isst. Sie sind zwar nicht ganz schmackhaft, aber gegen Durst helfen sie schon. Wir versuchen mehrmals den Weg nach unten zu finden. Wir kämpfen uns durch Gestrüpp, steigen krampfhaft an den Pflanzen festhaltend steile Hänge hinunter… und landen immer wieder in einer Sackgasse. Es ist zu steil. Thomas und die zwei Großen verschwinden hinter einer Hügelkuppe. Mehrfaches lautes Rufen bringt nichts. Sie sie nicht aufzufinden. Natalya und Talora entscheiden sich daher für den Rückweg. Thomas, Franka und Vsevolod haben doch einen Weg nach unten gefunden. Da der Rest der Gruppe fehlt, wollen sie nicht alleine weiter gehen und kehren um. Wir entscheiden uns am nächsten Tag auf der anderen Seite den See von unten zu erreichen. Zurück am Strand kommen wir mit dem Dinghy an einen der kleinen Eisberge vorbei und brechen ein Stück zum Probieren ab. Das Eis ist ganz anders als man es aus dem Kühlschrank kennt. Es hat viele relativ große Luftbläschen. Die Kinder probieren gerne wie es schmeckt.

Am Abend gehen die Kinder mit Thomas bewaffnet mit Axt und Fuchsschwanz zum Holz sammeln. Im Wald hinter dem Strand gibt es viele umgestürzte Bäume, die wir klein schneiden und sammeln können. Um acht Uhr wird das Feuer entfacht. Die Kinder können es kaum abwarten, bis sich eine Glut entwickelt. Sie wollen ihr Stockbrot am Feuer rösten. Die Stecken dafür haben wir zuvor im Wald geschnitten, und Vsevolod hat sie sorgsam zurecht geschnitzt. Für die nächste Stunde haben sie eine gute Beschäftigung. Franka findet am Strand eine Knochenplatte von einem Seestern und bemalt sie kunstvoll. Arvid freut sich auch über den Malkasten und bemalt überall liegende Muscheln.

Die Silvesterfeier wird zu einem großen Fest. Es liegen immerhin fünf Yachten in der Bucht und alle kommen ans Feuer. Wir freuen uns, das bekannte Schiff Mollymawk ist mit seinen (schon erwachsenen) Kindern hier zu treffen, unsere Freunde von der Aramia natürlich und die SY Alea sowie die SY Moana sind auch da. So entwickeln sich viele interessante Gespräche über Erfahrungen weltweit und Tipps und Tricks in Feuerland. Und hier in der Abgeschiedenheit ist jeder wesentlich entspannter als in der Marina in Puerto Williams oder gar Ushuaia. Dort war jeder mit Reparaturen und Versorgung beschäftigt. Hier nimmt man sich Zeit füreinander.

Es ist bis nach 23 Uhr hell, die Sonne geht hier spät unter. Es ist eine klare, milde Nacht mit Blick auf die Gletscher. Perfekt für einen erinnerungswürdigen Ausklang aus dem alten Jahr und einen guten Start in 2016. Wir bleiben bis weit nach Mitternacht.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 1. Januar 2016 von in Uncategorized.
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