SY Outer Rim – A Family's Sailing Adventure

Sailing across the world's oceans with four kids

Naturschauspiel der Iguazu-Fälle

(Tag 497)

Was macht man nicht alles, um ein weltbekanntes und einmaliges Naturwunder zu sehen. Selbst mit vier Kindern über drei Grenzen achtzehn Stunden Bus zu fahren erscheint da als kein zu großer Aufwand mehr. Vor der Abfahrt aus Buenos Aires erleben wir einen kleinen Schock, als wir bei der Migrationsbehörde unsere Pässe abstempeln wollen. Ausreise im Voraus kostet laut Aushang 600 Peso pro Person, für unsere Familie nach dem offiziellen Umrechnungskurs wären das fast 300 Euro. Die liebe Dame in der Behörde erklärt uns aber dann, dass wir es glücklicherweise nicht brauchen. Unser Bus hält an der Grenze. Da wir im Internet ganz anderes gelesen haben (Bus hält nicht oder wartet nicht bis man als Ausländer die teils langwierigen Formalitäten erledigt hat), geht sie mit Thomas zwei Mal zum Ticketschalter. Die Angestellten dort bestätigen, dass der Bus ganz sicher anhalten wird. Tat er dann auch.
Die internationalen Busse sind komfortabel, wir bekommen unerwartet sogar Verpflegung: Getränke und warmes Essen sind im Preis inklusive – wer hätte das bei einem Reisepreis von 40 Euro pro Person gedacht? Unsere Kinder schlafen im Bus ganz gut, wir Erwachsenen versuchen uns durch die Nacht zu kämpfen. Der Schlaf ist unruhig. An der Grenze zwischen Argentinien und Paraguay erwachen wir endgültig aus dem Dämmerzustand. Alle müssen aussteigen und sich bei der argentinischen Migrationsbehörde persönlich abmelden. Die paraguayischen Behörden lassen dagegen – zum Leidwesen von Arvid – keinen aus dem Bus aussteigen, sammeln die Pässe und verschwinden damit. Danach stürmen paraguayische Händler den Bus und bieten alle erdenkliche Schmuggelware: Handys, MP3-Player, Socken, DVDs. Die horrenden Importzölle in Brasilien und instabile Wirtschaftssituation in Argentinien machen aus Grenzgebieten in Paraguay einen blühenden Schwarzmarkt.
Schon der erste Eindruck im Paraguay ist ein deja vu-Erlebnis. Lehmige Straßen, dunkelbraune Erde, an den Straßen zerfahren zu Matsch, chaotisch angeordnete halbfertig gebaute Häuser und – milde ausgedrückt – stark abgenutzte Taxis. Irgengdwo haben wir das alles schon gesehen. „Willkommen zurück in Afrika!“
An der Endhaltestelle unseres Buses, Ciuadad del Este, steigen wir aus und fahren mit dem Taxi nach Brasilien. Die Grenze verläuft entlang des Flusses Paraná. Um in das jeweils andere Land zu gelangen muss man eine lange Brücke überqueren. An den beiden Enden befinden sich die Grenzübergänge. Der Verhalten des Taxifahrers ist auch typisch afrikanisch. Er hat zwar keine Ahnung, wo unser Hotel liegt, aber zeigt das bei der Abfahrt nicht im geringsten und ist danach eine Stunde lang damit beschäftigt, alle Tankstellen abzuklopfen und zu fragen, ob vielleicht hier doch jemand weiß wo das Hotel/die Straße liegt. Nach einer langen Suchaktion landen wir doch richtig. Foz ist eine absolut hässliche Stadt, die in moderner Zeit mitten im Nichts erbaut wurde und auch keinen richtigen Stadtkern besitzt. Zu sehen gibt es absolut nichts, und außerdem regnet es.
In Europa hat man es schon fast vergessen, was das heißt, in Grenzgebieten ständig durch die Grenzkontrolle hin und her zu laufen, brav zu warten, bis die Beamten ihren Job erledigen; mit ein paar unterschiedlichen Währungen im Kopf schnell rechen und Preise vergleichen zu können. Wir haben im wörtlichen Sinne ein Haufen Geld. In Guarani (die Währung von Paraguay) sind wir sofort Millionäre. Ein Euro entspricht etwa 6000 Tausend Guarani. Es stapeln sich mittlerweile sechs Währungen in unserem Gepäck.
Die Sprachen gehören auch dazu: in Argentinien ist das Spanisch, in Brasilien Portugiesisch, in Paraguay zu unserer Überraschung kein Spanisch sondern Guarani – die ursprüngliche indigene Sprache der Bevölkerung. Es ist keinesfalls so, dass in Grenzgebieten alle jede dieser Sprache können. Jeder spricht nur seine eigene. Von Englisch hat hier fast keiner was gehört. Da schwirrt einem schnell im Kopf vor lauter Sprach-, Geld- und Menschenvielfalt.
Der nächste Morgen begrüßt uns mit strahlend blauem frisch gewaschenem Himmel. Nachdem das Thema Geldwechsels geklärt ist (Geldautomaten Mangelware), steigen wir in den lokalen Bus und fahren zu den Wasserfällen. Die brasilianische Seite der Iguazufälle ist vorbildlich organisiert und orientiert sich offensichtlich an einen durchschnittlichen Amerikaner: „Bloß nicht zu viel zu Fuß laufen“. Mit der Vorwarnung: „Auf keinen Fall wilde Tiere streicheln!“ verlassen wir den Bus, der uns direkt zu den Wasserfällen gebracht hat. Schon nach den ersten Schritten erfahren wir, dass die Warnung gar nicht so überflüssig ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Ein niedlicher plüschtierartiger Nasenbär kreuzt unser Weg und macht keine Anstalten weg zu laufen. Ganz im Gegenteil ist er an Menschen sehr interessiert, und schnüffelt neugierig und unverschämt ob jemand für ihn was zu essen hätte.
Die Kinder rennen ungeduldig weiter, und erreichen schnell den ersten Aussichtspunkt. Der Fluss Iguazu wird vor den Wasserfällen ganz flach, verbreitet sich und bildet unzählige kleine Insel. In vielen Strömen stürzt das Wasser 90 m die fast senkrechte Felskante herunter. Die Ufer des Flusses sind von dichten üppigen Dschungel bewachsen. Noch nie haben wir so viele verschiedene Schmetterlingsarten gesehen. Ständig werden wir umschwirrt von ihnen. Gelbe Schmetterlinge bilden auf dem Boden einen Teppich, blaue sind so groß wie eine Handfläche, alle Farben sind vertreten. Sie setzen sich auf die Kleidung, lassen sich fotografieren und mit sich herumtragen. Tropische Vögel zwitschern und flattern im Baumdickicht, manche lassen sich ganz aus der Nähe beobachten. Ab und zu kriecht eine große schwarzweiß gescheckte Echse – ein Iguan bzw. Goldteju – durch das Unterholz. Die Nasenbären sind überall, durchforsten den Wald in Großfamilien. Als sie untereinander streiten sieht man schnell, dass die Warnungen nicht übertrieben sind. Was für spitze große Zähne diese Plüschtiere haben…
Eine besonders spektakuläre Stelle heißt „Teufelskehle“. Von dort aus sieht man das stürzende Wasser von oben. Man erkennt, wie der Strom im freien Fall in Milliarden von kleinen Tröpfchen zerfällt. Nach dem Aufprall kommt von unten eine feine Nebelwolke, die alles mit feinsten Wassertröpfchen bedeckt. Die Sonne verwandelt sie unter unseren Augen in einen leuchtenden Regenbogen. Rußsegler – eine kleine Vogelart – düsen inmitten des kochenden Wasser. Sie sehen so klein und zerbrechlich aus, dass es als Wunder erscheint, dass der Wasserfall sie nicht zum Stürzen bringt. Was für andere Naturgewalt ohne Gleichen ist, bedeutet für sie Schutz und Sicherheit. Weder ein Raubvogel noch eine Raubkatze wären in der Lage, ihnen hinter die Wasserwand zu ihren Nestern zu folgen.
Die brasilianische Seite der Fälle ist überschaubar, so dass wir kurz nach Mittag mit der Tour fertig sind. Wir entscheiden uns auf die Interessen der Kindern eingehend für den Besuch des nahegelegenen Vogelparks. Es stellt sich als eine Überraschung heraus, dass dieser auch für Erwachsene eine spektakuläres Erlebnis ist. Der Park ist in ein bestehendes Stück atlantischen Regenwald eingebettet. Die Vögel leben in großen begehbaren Volieren. Zwischen den Vögeln und den Menschen gibt es keinen Zaun. Die Tukane sehen wir so nah, dass man die roten Blutäderchen in ihren Schnäbeln erkennen kann. Rote und blaue Aras sowie andere Papagaien aller Farben fliegen über unseren Köpfen. Die Kinder beschweren sich sogar, die Vogel seien zu frech. Wir sind froh, dass die auch im Park befindenden Kaymane und Anacondas mit einem Zaun von den Besuchern abgetrennt ist. Arvids größte Begeisterung sind die Flamingos.
Am nächsten Tag geht es auf die argentinische Seite der Wasserfälle. Diese ist atemberaubend. Mit einem kleinem Boot fahren wir zur St. Martin Insel, die sich direkt zwischen den Fällen befindet. Von dort aus öffnet sich ein Panoramablick – der beste Aussichtspunkt überhaupt. Täglich dürfen nur maximal 600 Besucher auf die Insel. Es hat sich also ausgezahlt, dass wir früh aufgestanden und uns zügig zur Insel begeben haben. Aber auch die anderen Aussichtspunkte sind jeden Meter des Fußmarsches wert. Man läuft direkt über die Abrisskante der Fälle, sieht bis zum Grund und kann fast jeden Tropfen einzeln fallen sehen. Ein packendes Erlebnis.
Zur großen Enttäuschung der Kindern dürfen sie nicht im Schlauchboot nah an die Wasserfälle fahren. Dieser Spaß ist erst ab 12 Jahren erlaubt. Arvid entdeckt die kleinen Touristenzüge, die zum entferntesten Aussichtspunkt fahren, und ist ganz begeistert. Er will unbedingt den entgegenkommenden Zug sehen. Am Bahnhof sitzen die Nasenbären zu zehnt auf dem Tisch des kleinen Cafes und streiten, wer den geklauten Sandwich bekommt. Als Natalya aus ihrem Rücksack eine kleine Packung Kekse herausholt, stehen zwei sofort vor ihr und warten. Wie können sie bloß die geschlossene Kekspackung riechen? Die Kekse werden schnell wieder eingepackt, keiner will sich mit den spitzzahnigen Tieren anlegen.
Auf dem Weg oberhalb der Wasserfällen entdecken wir im Wasser kleine Schildkröten. Wie schaffen sie es, nicht heruntergespült zu werden? Bein Anblick des friedlichen Landschafts denken wir an die längst vergangenen Zeiten, als diese Orte nur den Indianern bekannt waren. Was für eine faszinierende Anziehungskraft hatten sie wohl auf die Menschen der Vergangenheit als die Ruhe des Dschungels nur durch schleichende Jaguare und kreischende Affen gestört wurde. Die Guarani haben auch heute noch eine romantische Legende über die Entstehung der Wasserfälle. Eine rachsüchtige Schlage hat das Flussbett verunstaltet in dem sie zwei junge Liebende verfolgt hat.
Grenzformalitäten sind nervig, vor allem wenn man hundemüde ist, vom ganzen Laufen Plattfüße hat, und den ganzen Tag nur Kekse gegessen hat. Trotzdem, hilft ja nichts. Unser Zimmer ist auf der brasilianischen Seite. Daher muss Thomas wie jedes Mal an der brasilianischen Grenze sechs Formulare ausfüllen: Wer, Wohin, Warum, Wann geboren etc.??? Die fleißigen Brasilianer zählen in ihrem Computer tatsächlich für jeden Einzelnen wie viele Tage man schon im Land war, und wie lange man noch bleiben kann. Wir bekommen dieses Mal nur max. drei Tage Aufenthalt genehmigt, weil wir schon 87 Tage im Land verbracht haben. Da sind wir ja froh, dass wir die drei noch überhaupt haben. Das wäre ja spaßig, wenn wir nicht hätten einreisen dürfen. Wir sind ja nur mit einem Tagesrucksack ausgereist. Wir hatten nicht so genau nachgezählt wie die brasilianischen Grenzer.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 2. Oktober 2015 von in Uncategorized.
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