SY Outer Rim – A Family's Sailing Adventure

Sailing across the world's oceans with four kids

Zum Shopping in die Hauptstadt Bissau

(Tag 317 – 5.086 sm)

Beim Pfannkuchen Backen werden die Gasflammen immer kleiner und kleiner, bis sie ganz ausgehen. Die Gasflasche ist leer. Bis Brasilien sind es noch mindestens vier Wochen, unsere zweite Flasche wird mit Sicherheit für die Zeit nicht reichen, muss doch jeden Tag Brot gebacken und gekocht werden. Wo finden wir in Guinea-Bissau eine Station zum Auffüllen von britischen Gasflaschen? In Bolama sagt man uns, dass es Gas nur in der Hauptstadt Bissau gibt. Thomas meint sich noch erinnern zu können, in Bubaque Campinggas gesehen zu haben. Da wir dorthin noch zum Ausklarieren müssen, wäre das eine Option… und wenn es doch kein Gas gibt? Unser Visum läuft Mitte April aus, und dann müssen wir auf jeden Fall aus dem Land raus. Keiner will sich hier mit afrikanischen Behörden anlegen. Wir besprechen noch mal die Lage und entscheiden uns, dass wir sofort nach Bissau aufbrechen, um dort noch vor dem Osterwochenende anzukommen. Wegen der Tidenverhältnisse haben wir die Wahl entweder in der Nacht abzulegen oder bei Dunkelheit anzukommen. Wir entscheiden uns für die erste Variante und lichten kurz nach drei Uhr nachts den Anker. Mit einer leichten Brise kommen wir gegen 10 Uhr morgens in Bissau an.

Thomas packt gleich unsere Gasflasche und begibt sich auf die Suche nach Gas. Wir sind es schon gewohnt, dass es in Afrika alles gibt, man muss es nur finden. Sprachkenntnisse sind meist bei solchen Aktionen sehr hilfreich, aber wer spricht bei uns schon Creol (eine Abwandlung des Portugiesischen)? Schon das Anlegen am Steg ist ein Abenteuer. Alles hier ist für größere Schiffe und Tidenhub von 5 Meter ausgelegt. Das passt gar nicht für ein kleines Dinghy. Ein paar Männer in Uniform winken vom Steg und deuten an, dass das Dinghy an den Militärbooten angelegt werden darf. Es springt auch gleich ein Soldat von Boot zu Boot und hilft Thomas beim Vertäuen. Man hat ja insbesondere in größeren Häfen immer ein etwas ungutes Gefühl, sein Dinghy einfach so am Steg zurückzulassen. Zu leicht kann es geklaut werden. Soldaten als Wache geben dann etwas Sicherheit.

Am Steg selbst ist jede Menge Betrieb. Es sind hunderte von Menschen unterwegs. Längsseits liegen mehrere große Piroggen, die wohl Ziele auf den Bijagos ansteuern … Bubaque, Bolama etc. Davor stehen unzählige Menschen mit Kanistern, Taschen, Tüten und viele in Rettungswesten. Dazwischen laufen Händler, die noch schnell eine Packung Zahncreme, Seife, Brot oder Gemüse verkaufen wollen. Tiere stehen herum und warten in die Boote geladen zu werden. Es ist schwer, durch die Menge hindurch zu kommen.

Direkt vor dem Hafen der erste Hoffnungsschimmer: Eine Tankstelle nur 100 Meter entfernt. Dort wird ja meistens auch Gas verkauft. Tatsächlich steht neben den Zapfanlagen auch ein Regal mit Gasflaschen. Aber leider sind es Flaschen mit lokalem Anschluss und nicht kompatibel mit unseren. An Austausch ist also nicht zu denken. Verkauft werden sie auch nicht, sondern nur getauscht – voll gegen leer. Nach einiger Diskussion schickt man Thomas weiter nach Badim. Dort soll es Gas geben. Thomas steigt ins Taxi und fährt dorthin. Aber gleiches Bild: Keiner will unsere Gasflasche haben oder füllen.

Mit dem freundlichen Taxifahrer geht es für zwei Stunden quer durch die ganze Stadt. Wir klappern Tankstellen ab und finden nach viel Nachfragen auch die Abfüllstation für Gasflaschen. Aber auch dort kann man nicht weiter helfen – fremde Flaschen werden nicht befüllt und lokale Flaschen nicht verkauft. Thomas ist schon total frustriert. Dann endlich findet sich kurz vor dem Flughafen eine Tankstelle, die auch Gasflaschen verkauft. Kurzerhand wird ein Vertrag dafür unterzeichnet, bezahlt und Thomas ist stolzer Besitzer einer Gasflasche aus Guinea-Bissau. Stolz und vor allem erleichtert kommt er damit zur Outer Rim zurück.

Mit einer Gasflasche allein ist es aber nicht getan, will doch die Flasche erst an das Bordsystem angeschlossen werden. Aber trotz umfangreichen Adaptersets findet sich nicht der richtige Anschluss. Dank des mit der Flasche verkauften Druckreduzierers und eines Anschlussschlauches, der kurzerhand abgeschnitten wird, ist Thomas aber glücklicherweise in der Lage, eine Art Adapter zu basteln. Jetzt steht die neue Flasche im Gasfach und wir kochen mit lokalem Gas. Wenn es so weiter geht, können wir nach Ende unserer Reise eine Ausstellung eröffnen: "Gasflaschen der Welt" oder "Die Welt der Gasflaschen"

Obwohl der Skipper seit 3 Uhr morgens auf den Beinen ist, entscheiden wir uns am Nachmittag für den Besuch des Supermarkts, vermutlich des einzigen des Landes. Oder haben wir Unrecht, und es gibt doch zwei? Als wir anlanden wollen, ist es nah an Springniedrigwasser und die ganze Pracht der Unterwasserwelt des Hafens liegt offen: große Wracks, kleine Wracks, Container mit spitzen Kanten ragen aus dem trüben Wasser heraus. Die Sicht durch Wasser ist gleich Null. Man hat das Gefühl, man bewegt sich durch eine Minenfeld. Wir lehnen dankend den Vorschlag an unter einem Steg durchzufahren um auf der anderen Seite an einer Leiter anlegen zu können. Am Ende der Suche kommen wir an einer Treppe an, vor der einige Metallteile aus dem Wasser herausschauen. Ein Boot liegt dort vertäut, es muss doch einen Weg dorthin geben. Langsam tasten wir uns vor. Mitten im Minenfeld fragt Vsevolod: "Papaaa, warum sind die Wracksteile für das Dinghy gefährlich?" – und schon kratzt der Außenborder am Wrack entlang. Das Boot ist heil geblieben, die Crew steigt an der Treppe trockenen Fußes aus. Thomas parkt das Schlauchboot längsseits an einem Frachter (das eigentlich von dem Wrack der daneben liegt sich unwesentlich unterscheidet). Wir suchen uns ein Taxi.

Ein Wagen hält an, wir packen unsere Kinder auf die Rücksitzbank, Rucksack und Kraxe in den Kofferraum – es dauert kaum eine Minute bis alles drin ist – schon zu lange. Eine korpulente Dame setzt sich souverän auf den Beifahrersitz und will mitfahren. Ob das das Erbe der marxistischen Vergangenheit oder afrikanischer Fähigkeit die Dinge bis in das letzte auszunutzen ist? Taxifahren ist hier keine individuelle Angelegenheit. Jeder darf zusteigen und ein Stück mitfahren. Dafür sind die Preise ganz günstig. Busfahren in München ist wesentlich teurer. Wir überreden doch die liebe Frau zum Auszusteigen und sich ein anderes Taxi zu suchen.

Wir sind sehr überrascht vom Zustand der Stadt. Eigentlich erwarteten wir einen Zustand schlimmer als in Banjul – Chaos, Armut, Zerfall. Aber Im Gegensatz zu allen anderen afrikanischen Erfahrungen ist Bissau wirklich als Stadt zu erkennen. Viele Straßen sind in einem erbärmlichen Zustand, aber es gibt breite Fußwege, die nicht chaotisch zugeparkt sind. Die Jahrhunderte alte Bäume säumen schattige Alleen. Portugiesische Häuser mit geschnitzten Balkonen leuchten mit fröhlichen Farben. Alles läuft einigermaßen geordnet und respektvoll.

Im Supermarkt angekommen, wundern wir uns auch, dass es dort alles gibt, was ein weißer Mann braucht – von Nudeln bis zum Kinderwagen. Ok, unsere Ansprüche haben wir in den letzten Monaten auch deutlich heruntergeschraubt und sind schon mit wenig zufrieden. Aber so einen gut aufgestockten Supermarkt haben wir das letzte Mal in Dakar gesehen. Nach 3 Monaten vergitterten Kiosken mit primitiver Auswahl an Grundnahrungsmitteln und Gemüsefrauen, die nicht mal eine Waage besitzen, glauben wir es zu verstehen, wie Europa auf einen Afrikaner wirkt, wenn er dort das erste Mal in einem mittelgroßen deutschen Supermarkt einkaufen geht. Es ist eine andere Dimension.

An der nächsten Ecke werden wir von der Auswahl vom frischen Gemüse überwältigt. Nachdem Natalya 2 Kilo Karotten kauft, begreifen die Gemüsefrauen, dass hier eine Sonderaktion läuft. Sie springen auf, rufen "Amiga, amiga!", bringen ihr Gemüse mit, werfen es in unseren Rucksack schneller rein, als wir Geld abzählen können. In 5 Minuten ist Vsevolod’s Rucksack so voll, dass er ihn kaum tragen kann. Dabei sind alle Frauen freundlich, ehrlich und keine versucht uns übers Ohr zu hauen: auch wenn alles so schnell und nicht wirklich übersichtlich abläuft, werden nur ordentliche Sachen eingepackt, es wird fair gewogen und ein fairer Preis verlangt. Als wir am nächsten Tag durch den Markt gehen, packt eine fürsorgliche schwarze Mammi Natalya’s Plastiktüte mit Geld aus ihrer Hand, macht eine drohende Gebärde mit dem Zeigefinger und warnt vor Taschendieben, packt daraus einen 2000 CFA-Schein. Der wird Natalya in die Hand gedrückt, der Rest des Geldes landet in Natalya’s Hemdtasche. Die Mammi macht eigenhändig den Reisverschluss der Tasche zu und lächelt zufrieden. In jedem der drei Westafrikanischen Ländern haben wir die gleiche Erfahrung gemacht – einfache Menschen, ganz egal ob Moslems, Christen oder Animisten, sind grundehrlich. Nur Bürokraten sind die Ausnahme, aber es gehört offensichtlich zum Job…

Als wir mit unseren Einkaufstüten wieder zum Boot fahren wollen, finden wir kein leeres Taxi, alle sind halb voll. Endlich hält sich eines an, bei dem nur der Beifahrersitz belegt ist. Natalya, die Kinder und die Einkäufe werden eingepackt, Thomas macht die Türe zu, mit Absicht sich ein anderes Taxi zu suchen. Von dem Beifahrersitz meldet sich der Fahrgast und drückt seine Verwunderung aus "Warum kommt denn der Mann nicht mit?" Dann reißen wir die Tür wieder auf und rufen Thomas zurück. Jetzt sind wir auf der Rücksitzbank zu sechst. Also hatte die Frau im Hafen doch Recht, sie hätte nicht aussteigen müssen, es geht auch so.

Zurück an Bord überlegen wir uns, wie die weitere Route aussehen soll und entscheiden uns für die Insel Caravella, deren Beschreibung im dem Revierführer traumhaft klingt. Viel Zeit haben wir nicht, daher verlassen wir Bissau etwas überstürzt schon an dem zweiten Tag. Eigentlich schade, wir würden noch so gerne durch die alten Straßen schlendern, die historische Festung besichtigen vielleicht eine Tasse Kaffee trinken und dazu Kuchen essen. Kaum sind wir vom Hafen ein paar Meilen entfernt werden wir von starken Winden überrascht und die Entscheidung für Caravella wird revidiert. Diese Insel liegt ungeschützt am Atlantik und bei solchen Winden könnten wir ihre Schönheit nur aus der Ferne betrachten. Anlanden mit Schwell und auflandigem Wind ist mit Kindercrew nicht möglich, die Perspektive auf einen Ankerplatz mit ungebremstem Atlantikschwell bei Wind ist auch nicht wirklich attraktiv. Schade um Caravella. Laut der Information des lokalen Militärs ist die Insel gar nicht mehr so abgelegen. Es leben dort Weiße, die ein kleines Hotel betreiben. Es gibt sogar einen Anlegesteg, den wir aber mit unserem Tiefgang nicht erreichen können. So segeln wir zurück zur Ilheus dos Porcos. Das Meer vor uns schäumt wie eine kochende Badewanne. Das türkise Wasser verwandelt sich in ein wütendes grau.

Als unsere Kinder erfahren, dass dort auch die Kalibu liegt, ist die Freude riesengroß. Gleich nach Ankerwerfen bekommen wir Besuch. Eine Flasche Wein und eine Flasche Limonade werden geöffnet. Die Kinder spielen glücklich zusammen und ihre Eltern haben Zeit Erfahrungen und Ansichten über Afrika, dessen Vergangenheit und Perspektiven auszutauschen. Auch die weitere Reise ist ein Thema …

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