SY Outer Rim – A Family's Sailing Adventure

Sailing across the world's oceans with four kids

Versorgungsstress mit Gletscherwanderungen in Ushuaia

(Tag 579)

Als ob unser derzeitiges Revier an sich nicht schon spannend genug wäre, bauen kleine logistische Herausforderungen zusätzlich ihre eigene Spannungskurve auf. Wie viel Proviant müssen wir bunkern, wenn wir die nächsten drei Monaten nichts mehr kaufen können? Im Kopf laufen die Bilder der Dokumentation über Erdmanns Weltumsegelung ab mit seinem bis auf die Knochen abgemagerten Körper: "Ich habe mich verkalkuliert" … Unsere Einkaufsliste fängt so an: 120 kg Mehl, 90 Liter Milch, 25 kg Reis, 35 kg Nudeln … Thomas fährt zu einem Großhändler für Kreuzfahrtschiffe, kann dort einen Teil der benötigten Waren einkaufen und kommt mit einem randvoll gefüllten Bollerwagen zurück, beladen mit 200 kg Proviant. Da wir als drittes Boot im Päckchen liegen, muss jede Kiste fünf mal über die Reeling hüpfen, bevor sie in unserem Cockpit landet.

Trockene Nudeln sind aber nur die halbe Lösung. Wir brauchen noch für drei Monate Gas um sie kochen zu können. Unsere britischen Flaschen können "einfach" befüllt werden. "Einfach" übersetzt aus dem Argentinischen heißt folgendes: beim 1. Versuch hat die 10 km entferntne Station den ganzen Tag ohne Vorwarnung geschlossen. Beim 2. Versuch ist sie zwar offen, hat aber kein Gas. Die Flasche bleibt da und kann am Abend abgeholt werden. Die Abläufe fressen gierig Geld und Zeit. Unsere portugiesische Flasche will leider keiner auffüllen, Adapter passt nicht. Voller Hoffnung geht Thomas in den viel versprechenden Laden Todo para gas – "Alles für Gas" – und stellt fest, dass sie alles haben aber den benötigten Adapter und den gewünschten Schlauch nicht. Unsere Flaschensammlung muss deswegen über eine argentinische Flasche erweitert werden. Klingt so einfach, ist es aber auch nicht. Um eine volle Flasche zu bekommen, muss man zuerst eine leere abgeben. Wer keine leere hat, bekommt keine volle. Die netten Argentinier lassen aber hilflose Ausländer nicht so einfach verhungern. Als der Taxifahrer mit dem Thomas unterwegs ist, die Geschichte erfährt, gibt er an alle Taxis der Stadt per Funk durch: "Suche eine Gasflasche". Tatsächlich meldet sich kurz darauf ein anderes Taxi. Der Fahrer weiß, in welchem Hinterhof leere Flaschen für Verzweifelte verkauft werden. Am Abend sind wir stolzer Besitzer einer riesigen argentinischen Flasche, die gerade noch so in unser Gasfach passt. Aramie will unbedingt wissen, wo sich diese magische Gasflaschenquelle befindet.

Da es in Ushaia keine offizielle Tankstelle für Yachten gibt, muss Diesel auch über Umwege besorgt werden. Als wir erfahren, dass unser Stegnachbar zum Tanken an einen Steg im Osten der Bucht fährt, entscheiden wir uns kurzerhand mitzufahren. Wenigstens müssen wir dann nicht umsonst früh um halb sieben ablegen – er liegt im Päckchen innen, was heißt, dass wir raus müssen, um ihn ablegen zu lassen. Wir fahren ohne Zwischenfälle zur Tankstelle, sie ist tief genug, das Wetter ist perfekt. Nach zwei Stunden sind wir mit vollem Tank und zehn befüllten 30 Liter-Kanistern wieder zurück. Die Aramia will auch voll tanken… und stellt fest, dass Mindestbestellmenge bei 2000 Liter liegt. Sie müssen sich 200 Liter Fässer bestellen, sie anschleppen und aufwendig umfüllen. Wir sind froh, das uns diese Mühe dieses Mal erspart blieb. Das würde einen ganzen Tag schwere Arbeit bedeuten.

All diesen logistischen Aufwand betreibt man vor einer atemberaubenden Kulisse. An einem Nachmittag steigen lassen wir alle Aufgaben liegen, nehmen uns ein Taxi und fahren in die Berge hinter der Stadt. An der Talstation des Skiliftes steigen wir aus. Die Wolken lichten sich, die Sonne kommt raus. Entlang eines Baches mit eiskaltem Schmelzwasser laufen wir bergauf durch den frischen Frühlingswald. An manchen schattigen Stellen versteckt sich noch der Schnee. Als wir die Baumgrenze erreichen, betreten wir eine geschlossene Schneedecke. Wir sind am Fuß eines Gletschers angekommen. So einfach geht das hier. Während Thomas den Bergkamm durch Schnee und Geröll hochklettert, tollen sich die Kinder im Schnee. Nach zwei Jahren ohne richtigen Winter ist es für sie ein außerordentliches Erlebnis. Sie veranstalten eine Schneeballschlacht und rutschen auf dem Hosenboden den Hügel herunter. Arvid kann das erste Mal Schnee anfassen. Ganz geheuer ist im das nicht. Er hat es sich scheinbar wesentlich wärmer vorgestellt. Natalya und die Kinder bauen einen Schneemann. Franka hofft, dass er stehen bleibt, bis Kalibu ihn bewundern kann. Als Thomas von Bergkamm auf dem Hosenboden schlitternd zurück kommt, erzählt er was für ein tolles Panorama des gesamten Beaglekanals von dort zu sehen ist.

Zurück im Hafen stellen wir fest, dass wir einen neuen Nachbarn haben. Ein riesiges Stahlboot, das als vierter im Päckchen an uns angelegt hat. Die Plätze sind hier wirklich rar, und für große Boote gibt es nur eine Stelle. Unser Päckchen wiegt nun mehr als 150 Tonnen. Als am Abend der leichte Ostwind kommt, fängt das wilde Tanzen an. Unsere Leinen sind dem Gewicht nicht gewachsen uns singen schmerzhaft. Notdürftig werden unsere beiden großen Nachbarn miteinander vertäut. Wir treffen uns am Abend mit John und Penny, und lernen Peter und Lars von Dakota kennen. Sie sind auf dem Weg in die Antarktis. Lars erzählt uns, dass auch kleinere Boote es hier nicht einfach haben. Er hat schon gefühlte zehn mal verlegt. Ein mal musste er um 3 Uhr nachts seinen Platz räumen, damit ein anderes Boot, angeblich mit Motorproblemen, dort anlegen konnte. Die Profiskipper von großen, 20-25 Meter langen Charterbooten beherrschen das Spielchen und fahren haarscharf an den anderen Booten vorbei, und können sich in die kleinste Lücke hinein manövrieren. Leinen werden nicht geworfen, sondern entspannt von Hand zur Hand übergeben. Zum Glück muss keiner aus unserem Päckchen in den nächsten Tagen raus.

3 Kommentare zu “Versorgungsstress mit Gletscherwanderungen in Ushuaia

  1. Eva Eimer
    24. Dezember 2015

    Liebe Familie Stüpfert,

    wir senden euch herzliche Weihnachtsgrüße aus Icking sowie Gesundheit und Glück für eure Abenteuer im Neuen Jahr!

    Herzlichst

    Eure Eimers

    >

  2. Carol Hayne
    24. Dezember 2015

    Dear Thomas and family,
    A very Merry Christmas from a very mild and wet England!
    I so look forward to each chapter of your blog it really seems like the vovage of HMS Beagle that I can follow via Google Earth. You seem to be provisioning for a long passage are you heading through the Beagle Channel then north?
    My husband and I have just booked or summer holiday flotilla sailing this time in the Sporides Greece but we are Grandparents in our 60s!
    Thinking of you all so far from home.
    Carol and John Hayne.

    • Thomas
      26. Dezember 2015

      Thanks a lot! Merry Christmas to you as well. We had a lovely Christmas Eve with the kids playing with their toys.
      And i would not compare our trip with the adventure of the Beagle … family sailing is so much different. But still we feel like adventurer and are looking forward to the lonesome anchorages west of here.
      Sailing the Sporades sounds like a great plan. Lot of history there and beautiful islands.

      Greetings from fin del mundo
      Thomas

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 23. Dezember 2015 von in Uncategorized.
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