SY Outer Rim – A Family's Sailing Adventure

Sailing across the world's oceans with four kids

Eine Reise ins Kolonialzeitalter

(Tag 255 – 4.575 sm)

Das Land Gambia definiert sich durch den gleichnamigen Fluss. Es wurde zu Kolonialzeiten von den Engländern beherrscht und gegen die Franzosen im angrenzenden Senegal verteidigt. Durch die Reichweite der im Fluss stationierten Kanonenboote ergab sich die Grenze, die auch nach der Unabhängigkeit im Jahr 1965 noch Bestand hat. Das ist für uns Segler natürlich ideal, da wir dadurch fast das ganze Land erkunden können … wo Kanonenboote waren, müsste auch die Outer Rim hin kommen.

In Küstennähe ist der Gambiafluss sehr breit und ehr unattraktiv – für uns jedenfalls. Da wir bereits in Senegal durch ein stark Salzwasser-geprägtes Flussdelta gefahren sind, "sparten" wir uns diesen Teil des Gambia und fuhren in drei Tagen in den oberen Teil, wo der Einfluss des Süßwassers und die damit verbundene Artenvielfalt von Pflanzen und Tieren deutlich zunehmen.

Mangroven haben die beiden Flussufer fest in Griff, womit die Auswahl der Möglichkeiten zum Anlanden stark begrenzt ist. Ein in der Karte eingetragener Steg in der Nähe des Ortes Bombale erscheint da gerade willkommen. Wir werfen unweit davor unseren Anker. Während wir uns vor der Mittagshitze im Boot verstecken, sammeln sich am Steg bereits die Dorfkinder und warten ungeduldig bis wir ans Land kommen. Am späteren Nachmittag setzen wir uns ins Dinghy und fahren zum Steg. Beim Anlanden stellt sich heraus, dass vom Steg nur die Pfeiler übrig geblieben sind, und wir hüpfen mit Baby und Kraxe in der Hand vom einem Pfeiler oder Stein zum nächsten über dem Matsch. Den Dorfkindern macht der Matsch nicht so viel aus, sie haben ja keine Schuhe an.

Das Empfangskomitee begleitet uns zum Dorf. Jeder fragt mindestens 20 mal "What’s your name?" und "How are you?" Erstaunlich schnell lernen sie, wie man Vsevolod ausspricht. Franka fällt ihnen schwerer. Der Weg führt über die abgeernteten Reisfelder, in denen Kühe und Esel grasen. Jedes Kind an dem wir vorbei kommen, schließt sich uns an. So kommen wir am Dorfplatz etwa mit fast hundert Kindern an. Wir werden dem Dorfältesten vorgestellt, der alleine in einem größeren Raum auf einem Plastikstuhl sitzt. Er ist blind und man muss ihm helfen, Thomas Hand zum Schütteln zu finden. Ausdrücklich erfreut über unseren Besuch zeigt er sich. Zum Abschied fragt er noch, ob wir ein paar Tabletten gegen seine Rückenschmerzen haben. Bei einem späteren Besuch bringen wir ihm welche aus unserer Bordapotheke vorbei.

Auch von den anderen Männern und Frauen, denen wir im Ort begegnen werden wir freundlich begrüßt und willkommen geheißen. Einige Männer sprechen akzeptables Englisch, Frauen leider gar nicht. Schnell wir ein kleiner Kreis organisiert, für die Gäste werden Plastikstühle und eine Bank geholt. Ein leerer Kanister und zwei Stöckchen stellen eine improvisierte Trommel dar. Unter wildem Trommeln tanzen Frauen und Kinder im Kreis und singen Lieder. Sie bringen uns auch dazu, mit ihnen zu tanzen. Unter lautem Klatschen und Jubeln freut man sich, dass wir Spaß an der Begrüßungszeremonie haben.

Thomas unterhält sich mit den Männern, die ein wenig über ihr Dorfleben erzählen. Vsevolod hat sich schnell einen Fußballkreis gefunden und will gar nicht mehr weiter gehen. Wir kaufen im Dorfladen einen Sack Erdnüsse "frisch vom Feld" und gehen noch die Schule besichtigen. Inzwischen haben alle Kinder im Dorf schon gehört, dass wir hier sind, und laufen alle mit. Die Kleinen jammern so lange, bis jemand von den Großen sich erbarmt und sie trägt, damit sie auch mit kommen können. Wir vereinbaren, dass am nächsten Tag Franka und Vsevolod in der Schule schnuppern dürfen. Die ganze Kinderschar begleitet uns zurück zum Dinghy und winkt als wir zur Outer Rim zurück fahren.

Am nächsten Tag gehen Franka und Vsevolod, begleitet von Thomas zur Schule. Es gibt eine Sonderveranstaltung – Vorbereitung auf den Wettkampf mit einem der Nachbardörfer. Daher fällt das Unterricht aus und die Kinder tummeln sich den ganzen Vormittag lang auf dem Sportplatz. Thomas wird ein Plastikstuhl besorgt. Irgendwie ist das peinlich – man will sich ja nicht als alter Kolonialherr fühlen – aber es lässt sich nicht vermeiden. Der Stuhl wird immer wieder nachgetragen und Thomas aufgefordert, sich darauf zu setzen.

Nach dem Sport wird das Mittagessen serviert. Die weißen Ehrengäste bekommen einen Löffel und einen eigenen Teller. Die Dorfkinder essen alle mit Händen von einem großen Tablett. Dabei passen die Lehrer streng auf, dass jeder vor dem Essen sich die Hände wäscht. Der Direktor gibt zu, dass ohne Essen nicht so viele Kinder in die Schule gehen würden. In Gambia wird erst im 8. Lebensjahr eingeschult. Viele Kinder brauchen für die erste Klasse 2 Jahre. Die Grundschule dauert 6 Jahre. Es gibt nicht viele, die den Grundschulabschluss schaffen. Immerhin sind sie dann schon 14 Jahre alt und die meisten haben andere Aufgaben als Schule. In den unteren Klassen gibt es noch viele Mädchen, in den höheren eher wenige. Ältere Mädchen helfen im Haushalt und kümmern sich um die kleinere Geschwister. Trinkwasser muss aus dem 4 Kilometer weit entfernten Brunnen geholt werden, da wird auch gewaschen. Die Frauen und Mädchen laufen mit Bergen von Wäsche, und 20 Liter Kanistern in der prallen Sonne zum Brunnen. Manche haben einen vollen Kanister oder einen vollen Wachzuber nasser Wäsche auf dem Kopf und einen Baby am Rücken.

Am Nachmittag kommen ungeduldige Jungs in ihrem Holzboot zu uns und fragen, wann wir endlich wieder ins Dorf gehen. Ihnen macht die Hitze nichts aus, sie kennen es nicht anders. Wir packen unsere Sachen bevor sie unser Boot voller Neugier auseinander nehmen und laufen ins Dorf. Die Versuche Kartoffeln oder Tomaten im Dorf zu kaufen scheitern. Die Kinder führen uns zu einem fast mit deutscher Penibilität angelegten Gemüsegarten. Es gibt dort aber im Moment nichts zu kaufen. Der Grundbesitzer empfängt uns sehr freundlich und gibt und zur Probe eine gekochte Yamswurzel. Sie schmeckt ein wenig wie Kartoffel, keiner der Großen will aber mehr als einen Biss davon haben. Arvid dagegen ist begeistert und isst sie gerne auf.

Das Lebensmittelangebot im Dorf ist milde ausgedrückt sehr bescheiden. Die Dorfbewohner haben so gut wie kein Geld und leben zum großen Teil als Selbstversorger. Unser freiwilliger Begleiter erzählt uns, dass sie am Ende der Trockenzeit hungern müssen. Im Dorfladen finden wir Couscous, Erdnüsse und Baguette, mehr aber auch nicht. Couscous wird vor dem Kochen zerstampft, unsere Kinder probieren es aus, was für eine harte Arbeit das ist. Gekocht wird über dem offenen Feuer, daher muss es möglichst zügig und energiesparend gehen.

Da es so gut wie keine Verpackungen (außer Plastiktüten gibt) ist das Dorf auch relativ sauber. Eine Müllhalde gibt es nicht. Müll wird einfach da hingeworfen, wo es entstanden ist. Die Elektrizität hat ins Dorf noch keinen Einzug gehalten – es gibt weder Kühlschränke noch Fernsehen. Im Dorfladen ist ein Radio angeschlossen, das über ein Autobartarie mit Strom versorgt wird.

Am nächsten Tag geht Natalya mit den Kindern zur Schule. Als wir an der Stundentafel zwei Stunden Englisch und eine Stunde Mathe sehen, freuen wir uns… zu früh. Es gibt heute auch kein Unterricht, nur Sport. Da beginnen wir zu glauben, dass an der Geschichte mit der Schule was faul ist. Es steht groß in der Klasse an der Wand geschrieben, dass Unterricht auf Englisch stattfinden soll. Die wenigen vorhandenen Lehrbücher – 5 pro Klasse – sind tatsächlich auf Englisch. Die Kinder verstehen aber kein Englisch! Nur ein Junge aus der Klasse 5/6 kann sich mit uns unterhalten. Dieser Junge präsentiert uns auch ganz stolz sein Heft – da steht aber kaum was drin, und das ist ein Heft für alle Fächer! Dieser kluger offener Junge, der nicht dank sondern trotz seines Unterrichts Englisch kann, hat von Anfang an wenig Chancen aus seiner Armut rauszukommen.

Die Kinder im Dorf haben überhaupt keine Spielsachen, sie kennen auch keine Spiele. Keine Glasmurmeln, kein Seilhüpfen, gar nichts. Als unsere Kinder an einem Nachmittag einen Ball ins Dorf bringen, spielen sie alle mit Begeisterung Fußball und hoffen, dass der Ball im Dorf bleibt. Wir können den Ball aber unmöglich verschenken, da es das Geburtstagsgeschenk von Vsevolod ist. Zwei Stunden nachdem wir den zurück am Boot sind, rufen die Jungs vom Steg aus immer noch Vsevolod mit dem Fußball zurück.

Die Kolonialherren – hier waren es die Briten – sind schon vor fünfzig Jahren gegangen. Man hat das Gefühl, dass manche abgelegenen Dörfer das noch gar nicht mitbekommen haben. Einem weißen Mann wird immer noch der Stuhl hinterher getragen. Die Kinder sind glücklich wenn sie mit einem Weißen an der Hand laufen dürfen. Auch unser freiwilliger Begleiter – ein besser gebildeter, westlich angezogener Mann erzählt mit viel Respekt von einem deutschen Geografielehrer aus dem Nachbarort und deutschen Ärzten, die hier ab und zu auftauchen.

Und zu guter Letzt hat Franka sogar zwei Heiratsanträge bekommen. Die beiden Jungs haben Thomas vorgeschwärmt, was Franka doch für ein tolles Mädchen sei. Wir haben Franka jetzt noch nicht versprochen … die angebotene Mitgift war nicht hoch genug 😉

Am letzten Abend in Bombale entdecken wir im Wasser zwei Augen von unserem ersten Krokodil. Während Natalya laut "Krokodil" schreit, beteuert der Rest der Mannschaft – "Mama sieht überall Krokodile, das ist doch keines!" Wenigstens den Otter im Mangrovendickicht hat außer Natalya noch Thomas gesehen, somit wird seine Existenz nicht angezweifelt. Auf unsere erste Flusspferdsichtung warten wir noch.

Ein Kommentar zu “Eine Reise ins Kolonialzeitalter

  1. Ulli Krüger
    2. Februar 2015

    Hallo Ihr 6,
    das ist wieder SO ein interessanter Bericht. Auch wenn ich nicht jeden einzelnen kommentiere – alle werden hier mit ungebrochenem Interesse gelesen.
    Viele liebe Grüße aus dem tief verschneiten Deutschland.
    ulli

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 1. Februar 2015 von in Uncategorized.
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